Wortverkündigung: Matthäus 7,24

„Ein jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den will ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute.“ (Matthäus 7,24)

Diese Aussage leitet den Schlussteil dieser Proklamation des Reiches Gottes ein. Jesus bringt das bisher Gesagte noch einmal auf den Punkt. Bezeichnenderweise schärft der Herr seinen Zuhörern hier das Tun seiner Worte ein.

Keine Gesinnungsethik

Tatsächlich ist es ein großes Missverständnis zu meinen, dem Sohn Gottes sei es auf dem Berg in Galiläa lediglich um unsere Gesinnung gegangen. Wenn man in dieser Weise die Bergpredigt verstehen möchte, argumentiert man in der Regel folgendermaßen: Zum Beispiel, weil das Verbot, die Ehe zu brechen, nicht nur das Unterlassen außerehelicher sexueller Taten umfasst, sondern auch die Zurückweisung entsprechender Begierde (siehe Mt. 5,27ff.), richte sich Jesus auf unser Innenleben. Daraus zieht man dann den Schluss: Dem Sohn Gottes gehe es nicht um das Einhalten des „Buchstabens des Gesetzes“, sondern um den „Geist der Gebote“. Es gehe ihm nicht um unser Tun, sondern um unsere innere Einstellung.

Nicht nur aus dem oben angeführten Vers kann deutlich werden, dass Christus durchaus über unser Tun spricht.

Kein Programm zur Lebensverbesserung

Wenn aber eine nur auf die Gesinnung gerichtete Ethik nicht dem von Jesus verkündeten Reich Gottes entspricht, sondern es dem Sohn Gottes auch um unser Tun geht, stellt sich die Frage: Haben wir dann die Bergpredigt als ein Programm zur Lebens- oder Weltverbesserung zu verstehen?

Tatsächlich wurde die Bergpredigt in diesem Sinn gedeutet. Nicht selten verknüpfte man ein solches Verständnis mit einem Prinzip der Gewaltlosigkeit. Zum Beispiel war Leo Tolstoi der Überzeugung, das gesamte Evangelium von Jesus Christus könne in fünf Verhaltensvorgaben zusammengefasst werden: keinen Zorn, keine Ehescheidung, keinen Eid, keinen Widerstand gegen den Bösen und Liebe zum Feind. Den Schlüssel für die praktische Umsetzung dieser fünf Vorschriften fand der russische Schriftsteller in der Anweisung, dem Bösen nicht zu widerstehen (Mt. 5,39).

Von diesem Bezugsrahmen aus erklärte Tolstoi: Wenn endlich einmal das Christentum ernst genommen würde, würde es damit ausgeschlossen sein, eine staatliche Ordnung anzuerkennen. Ja ein solches Christentum würde die Grundlagen des Staates vollständig unterwandern: „Jeder ehrliche, ernsthafte Mensch unserer Zeit muss die Unvereinbarkeit deutlich sehen von einerseits dem wahren Christentum, der Lehre der Demut, der Vergebung und der Liebe, und andererseits dem Staat mit seinem Drang zur Expansion, seinen Gewalttaten, seinen Todesstrafen und seinen Kriegen.“

Tolstoi stellte nicht nur die Forderung auf, jede staatliche Ordnung sei aufzuheben, sondern aufgrund seiner Interpretation der Bergpredigt leitete er in seiner Umgebung auch selbst soziale Reformen ein. So bemühte er sich, auf seinem Landgut Jasnaja Poljana die Lage der dort tätigen Arbeiter zu verbessern. Nicht zuletzt strebte er auch in seiner eigenen Lebensführung danach, die genannten Prinzipien umzusetzen.

Tolstoi war davon überzeugt, dass der Kern der Verkündigung Jesu in den Gebotsforderungen besteht. Er hielt es durchaus für möglich, dass man diese Gebote erfüllen kann: Derjenige, der sage, die Gebote seien nicht zu erfüllen, sei jemand, der im irdischen Leben Sicherheit sucht. Aber es sei gerade die Absicht des Evangeliums, auf der Erde keine Sicherheit zu stiften.

Tolstoi hielt die Bergpredigt nicht nur für erfüllbar, sondern ihre Durchsetzung erschien ihm auch „vernünftig“, „einfach“ und „hell“. Im Grunde, so der russische Schriftsteller, benötige man für sie gar keine Auslegung: „Nicht auslegen will ich die Lehre von Christus, eher würde ich verbieten wollen, dass sie ausgelegt wird.“ Denn: „Wer es wagt, sich auf das Ethos der Bergpredigt einzulassen, erfährt seine revolutionäre Kraft. Er entdeckt, dass die Liebe Wunder verrichten kann und die Gewaltlosigkeit der Boshaftigkeit ihr Ziel nimmt, so dass das Böse sich selbst vernichtet, so wie die Heere Napoleons in der endlosen russischen Weite vernichtet wurden.“

Was ist zu Tolstois Verständnis der Bergpredigt zu sagen? Hat hier nicht endlich einmal jemand mit der Verkündigung Jesu Ernst gemacht? Ist hier nicht endlich einmal einer aufgebrochen, um die Worte Jesu konsequent in Taten umzusetzen? Muss Tolstoi nicht geradezu als ein Vorbild für praktisches Christentum vor uns herleuchten?

Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob Jesus mit seiner Predigt auf dem Berg in Galiläa die staatliche Ordnung beseitigen wollte. Auch die Frage, ob Tolstoi in seiner Umgebung und auch bei sich selbst die Gebote der Bergpredigt verwirklicht hat, soll uns hier nicht beschäftigen. Aber Tolstois Aussage zur „Vernünftigkeit“ der Lehre Jesu sollte uns aufhorchen lassen.

Indem Tolstoi dazu auffordert, über die „gewaltlose Lehre“ Jesu nachzudenken, dann werde schon von selbst jedem einleuchten, wie logisch sie sei, basiert er seine Auslegung der Bergpredigt auf die Einsichtsfähigkeit des Menschen. Aber selbst oberflächliches Lesen dessen, was Jesus verkündete, dürfte deutlich machen, dass der Sohn Gottes so nicht spricht.

Vor allem aber ist an dieser Deutung zu kritisieren, dass die als Lebensführungs- und Weltverbesserungsprogramm verstandene Lehre Jesu völlig von der Person und dem Heilswerk Christi abgekoppelt worden ist. Das aber ist ein verhängnisvoller Irrweg.

„Weicht von mir, ihr, die ihr die Gesetzlosigkeit tut!“

Was aber meint dann die Aufforderung des Sohnes Gottes, „seine Worte zu tun„?

Dazu ist es sinnvoll, sich den Zusammenhang anzuschauen, in dem Christus diese Aussage macht. Unmittelbar vorher hatte er erklärt, „an jenem Tage„, also am Tage, an dem er das Gericht halten wird, wird er Menschen sagen müssen: „Weicht von mir, ihr, die ihr die Gesetzlosigkeit tut! [oder: ihr Übeltäter]“ (Mt. 7,23).

Dieses Wort erschreckt. Es erschreckt um so mehr, als Jesus dieses Urteil nicht über die sprechen wird, die von ihm nichts wissen wollten oder sogar feindlich ihm gegenüber eingestellt waren, sondern er wird dies zu Menschen sagen, die ihn „Herr“ nannten und die „in seinem Namen“ weissagten, Teufel austrieben und zahlreiche sonstige Wundertaten verrichteten (Mt. 7,21-23). An was für Leute müssen wir hier denken?

Erst kürzlich wurde ich darauf aufmerksam, dass der Sohn Gottes hier ein Wort aus Psalm 6 aufgreift. In diesem Psalm rief David dasselbe aus: „Weicht von mir, ihr, die ihr die Gesetzlosigkeit tut!“ (Ps. 6,9).

Als David diesen Psalm betete, war er am Boden zerstört. Innerlich war er in Auflösung begriffen und von Schrecknissen umgetrieben. Äußerlich war er gefährlich bedrängt. Seine Feinde waren ihm dicht auf den Fersen. (Vergleiche Ps. 6,2-8).

In dieser für ihn augenscheinlich so zu Boden schmetternden Lage wandte er sich an seine Gefährten und tadelte sie scharf: „Weicht von mir, ihr Übeltäter alle!“ Warum war David so hart gegenüber seinen Begleitern? Sie standen doch auf seiner Seite? Zumindest hatte das den Anschein. Oder war das doch nicht der Fall? Was hatten sie ihm Böses angetan?

Aus der Fortsetzung des Psalms geht indirekt hervor, warum David so scharf gegenüber seinen Begleitern reagierte. Seine Weggenossen hatten ihm zugeraunt: David, nimm nun endlich das Heft selbst in die Hand! Hilf dir selbst! Bewerkstellige deine eigene Rettung! Es ist keineswegs falsch, wenn du Gott als deinen Herrn bezeichnest und ihm auch Vertrauen entgegenbringst. Aber du verfügst auch über eigene Möglichkeiten, und die solltest du jetzt einsetzen und für dein Schicksal selbst eintreten.

Wir können uns das vielleicht anhand der Situation veranschaulichen, als der verfolgte David zweimal dem schlafenden Saul gegenüberstand, einmal in der Höhle und das andere Mal in der Wagenburg. Seine Kameraden flüsterten ihrem Anführer ihre durchaus fromm verpackten Ratschläge ins Ohr: David, es ist Gott, der dir Saul in die Hände gegeben hat. Der Herr zeigt dir damit, dass er auf deiner Seite steht, und du solltest die Chance ergreifen und deine Rettung selbst übernehmen! (1Sam. 24,5; 1Sam. 26,8).

Aber David weigerte sich, auf diesen Vorschlag einzugehen. Mehr noch: Er sah sich veranlasst, das Gerede seiner Freunde zu verbannen, ähnlich wie man Fliegen verjagt, die immer und immer wieder auf einem landen möchten. David teilte scharf aus: „Weicht von mir, ihr Täter der Gesetzlosigkeit!“ Denn es ist Gott der Herr, der mein Gebet erhört und mein Flehen annimmt. Meine Rettung wird er in seine Hand nehmen. Gott hat mich hierher gebracht. Er allein kann mich da auch wieder herausholen, und er soll meine Widersacher zuschanden machen (Ps. 6,9-11). David wollte also nicht nur mit seinem Mund von Gott als seinem Herrn sprechen, sondern Gott sollte wirklich sein Herr sein. Von daher verzichtete er darauf, sich selbst zu helfen, also sein eigener Herr zu sein. Vielmehr bestand er darauf, auf Gott zu vertrauen, auf ihn zu harren bis er handelt. Diese Entscheidung traf er gerade in dieser für ihn so außerordentlich kritischen Situation, in der er dazu noch augenscheinlich die Möglichkeit hatte, einen Vorteil auszunutzen. Wer anderes rät, so David, ist ein Täter der Gesetzlosigkeit.

Täter der Gesetzlosigkeit

Indem Jesus dieses Urteil Davids in der Bergpredigt aufgreift, weist er uns die Richtung, wie er die Formulierung Täter der Gesetzlosigkeit verstanden wissen möchte und damit auch, was er meint, wenn er vom Tun seiner Worte spricht.

Der Sohn Gottes nennt für die, die er an jenem Tag als Täter der Gesetzlosigkeit verwirft, zwei Kennzeichen. Aus diesen beiden Merkmalen geht ebenfalls hervor, dass auch er diese Worte nicht an gottferne Heiden richtet, sondern an Leute, die sich in seinem Umfeld aufhalten.

Zum einen sind es Menschen, die „Herr, Herr“ sagen (Mt. 7,21). Denen erklärt Christus: Ob ich wirklich dein Herr bin, entscheidet sich nicht an deinem frommen Reden, sondern daran, wie du dich verhältst. Was wirst du tun, wenn du in einer Krise vor der Frage stehst, ob du dich selbst retten willst oder ob du auch dann Christus ganz und gar vertraust?

Der Sohn Gottes fordert nicht dazu auf, auf die Anrede „Herr“ zu verzichten. Überall sonst lehrt die Bibel das genaue Gegenteil, zum Beispiel in Römer 10,9 oder in 1Korinther 12,3. Jesus sagt hier nicht: Niemand soll zu mir „Herr“ sagen. Vielmehr besteht er darauf, dass das „Herr, Herr“-Sagen allein nicht ausreicht. Es muss mit dem Tun des Willens Gottes zusammengehen.

Das zweite Merkmal dieser Täter der Gesetzlosigkeit ist, dass diese Leute nicht nur fromm reden, sondern durchaus Frommes tun: Sie weissagen, sie treiben Dämonen aus, und sie verrichten zahlreiche Wundertaten (Mt. 7,22).

Aber ihr frommes Tun ist Heuchelei. Denn in Wahrheit instrumentalisieren sie durch diese Taten den Sohn Gottes. Sie benutzen ihn für ihre eigenen Ziele, für ihre Selbstdarstellung. Ironischerweise wiederholt Jesus die Formulierung „in deinem Namen“ dreimal. Wenn diese Leute „im Namen Jesu“ weissagen, stehlen sie in Wahrheit die Worte von Jesus. Wenn sie Teufelsaustreibungen und Gebetsheilungen und sonstige Wundertaten verrichten, natürlich ebenfalls „im Namen Jesu„, benutzen sie seine Kraft, sei es um durch diese äußerlichen Manifestationen selbst Eindruck zu machen oder um die Relevanz des Christentums für unsere Gesellschaft zu bekunden: Also Prophetie und Exorzismus als Kassenschlager, als Marketingartikel. Diese Leute gebrauchen Jesus für alles Mögliche. Aber als ihren Retter und Herrn haben sie ihn nicht gekannt. Ja an jenem Tag wird Jesus es sein, der über sie sagt: „Ich habe euch nie gekannt!“ (Mt. 7,23).

Jesus bezeichnet also diejenigen als Täter der Gesetzlosigkeit, die bei all ihrem scheinfrommen Gerede und Getue eigentlich sich selbst im Auge haben und zur Erhebung ihres eigenen Ichs wirken. In Wahrheit weichen solche Leute gerade mit ihren fromm klingenden Worten und Taten dem Willen des Vaters aus und setzen sich scheinheilig über ihren „Herrn“ hinweg.

Die Botschaft der Bergpredigt insgesamt

Was Jesus in unserem Vers mit der Formulierung „Tun seiner Worte“ zum Ausdruck bringt, ist damit der Grundtenor der gesamten Botschaft der Bergpredigt. Jesus hatte bereits gesagt: „Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so [wie ihr jetzt euch verhaltet] werdet ihr gar nicht in das Reich der Himmel eingehen.“ (Mt. 5,20).

Was das bedeutet, verdeutlicht der Sohn Gottes im Folgenden anhand seiner Auslegung der Gebote Gottes (Mt. 5,21-48). Was Christus lehrt, ist im Kern: Wenn Du auf Gottes Gebote hörst, stehst du niemals nur vor einem Text, sondern du stehst vor Gott selbst. Darum ist es Frevel, angesichts der Gebote Gottes sich trickreich darum zu bemühen, sie so zu interpretieren, dass man ihrem Anspruch entwischt, dass man wie bei einem Netz die Maschen so weit macht, dass die Fische entweichen können. Dazu zwei Beispiele:

Du sollst dem Herrn deine Schwüre halten“ (Mt. 5,33). Das legte man folgendermaßen aus: Erst wenn ich einen offiziellen Eid geleistet habe, bin ich an meine Worte gebunden. Der Ausweg liegt auf der Hand: „Ich habe ja gar nicht geschworen!“ Oder heutzutage: „Es steht ja nicht schwarz auf weiß da!“ Oder: „Beweise erst einmal, dass ich das damals gesagt habe!“

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ (Mt. 5,43). Die listige Lösung: Indem ich den anderen zum Feind erkläre, brauche ich ihn nicht als Nächsten zu behandeln. Auf diese Weise konnte man sich geschickt um das Liebesgebot Gottes herummanövrieren und schien nach außen hin fein raus zu sein. Jesus ist hier unerbittlich. Mit einer solchen „Gerechtigkeit“ gelangt niemand in das Reich Gottes.

Die Gerechtigkeit Gottes wurde nicht nur in der Weise unterlaufen, in der man die Gebote Gottes auslegte, sondern auch durch eine als Show inszenierte Frömmigkeit. Jesus illustriert dies anhand des Almosengebens, des Betens und des Fastens (Mt. 6,1-18). Gott, der ins Verborgene sieht, enttarnt dies als Heuchelei (Mt. 6,4.6.18).

Sowohl im Blick auf die Gebote Gottes als auch hinsichtlich unseres Stehens vor dem Angesicht Gottes ist der Herr kompromisslos.

Christus lässt sich offensichtlich auch nicht durch irgendwelche populären Meinungen beeindrucken, die uns zum Beispiel belehren wollen, wenn man einen solchen Gott mit solchen Forderungen verkündige, würde man ein „inhumanes Gottesbild“ vermitteln. Mit einem Gott, der Forderungen aufstellt, wie sie in der Bergpredigt zu finden sind und von dem es heißt, er „schaue in das Verborgene“ erzeuge man beim Hörer Angst. Folglich habe man darauf zu verzichten.

Der Ansatz der Bergpredigt

Jesus geht einen völlig anderen Weg. Seine Verkündigung des Reiches Gottes nimmt kein Strichlein der Gerechtigkeit Gottes weg. Aber er beginnt ganz woanders. Er fängt die Bergpredigt nicht mit der Auslegung der Gebote Gottes an oder mit dem Demaskieren unserer eigenen Frömmigkeit, sondern mit den Seligpreisungen.

In den neun Seligpreisungen, mit denen die Bergpredigt beginnt, spricht Christus nicht neun verschiedene Gruppierungen an, sondern er richtet sich an eine einheitliche Schar. Diesen Menschen, also denjenigen, die arm im Geist sind, die trauern, die sanftmütig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die reinen Herzens sind, die Frieden stiften, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, die geschmäht werden um des Namens Jesu willen, verheißt er das Heil seines Reiches. Indem er sowohl in der ersten Seligpreisung als auch in der achten dasselbe verheißt, „ihrer ist das Reich der Himmel“ (5,3.10), setzt der Sohn Gottes damit gewissermaßen die Klammer um die Seligpreisungen. Indem er diesen elenden Menschen zusagt, dass sie getröstet werden, dass sie die Erde besitzen werden (Vielfach hörten landlose, unfreie Knechte zu!), dass sie Barmherzigkeit erlangen werden, dass sie Gott schauen werden und Söhne Gottes heißen werden, bringt er ihnen sein Reich.

Inhaltlich knüpft der Herr in diesen Seligpreisungen an das an, was Gott im Alten Testament, namentlich in den Psalmen und durch die Propheten, dem in Zion Zuflucht nehmenden Überrest des Volkes Gottes verheißen hatte. (Vergleiche zum Beispiel Jes. 25,4; 26,6; 29,19; 41,17; 61,7). Denjenigen, die auf Gott harrten, denen bringt der Sohn Gottes dieses Reich, in dem die Elenden und Trauernden getröstet werden usw.

Bevor also Christus mit seiner Auslegung der Gebote Gottes aufzeigt, um welche Gerechtigkeit es im Reich Gottes geht, und inwiefern sie die „Gerechtigkeit“ der Schriftgelehrten und Pharisäer übertrifft, bringt er seinen Hörern das Reich Gottes. Er schenkt es ihnen.

Jesus spricht deswegen über die Gebote Gottes in ihrer ganzen Tiefe, er stellt seine Hörer deswegen so unbedingt vor den Gott, dem niemand etwas vormachen kann, weil er ihnen zunächst diesen Gott als ihren Retter verheißt.

Die Seligpreisungen machen den Elenden deutlich: Das Reich Gottes ist ein Reich der Gnade. „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden„, heißt dann: Herr, angesichts deiner Gerechtigkeit kann ich mir nicht selbst helfen, sondern bin ganz und gar auf dich geworfen. Mache du mich satt!

Wenn wir bedenken, dass die Bergpredigt mit den Seligpreisungen beginnt, ist es völlig unmöglich, sie als einen im Kern programmatischen Forderungskatalog zur Weltverbesserung aufzufassen. Zunächst und vor allem ist sie Verheißung des Reiches Gottes für die Armen im Geist.

„Diese meine Worte…“

In diesem Rahmen haben wir das Wort Jesu vom „Tun seiner Worte“ zu verstehen. Zu diesem Tun gehören die Seligpreisungen dazu. Wir stoßen hier auf einen auffallenden Sprachgebrauch im Neuen Testament. Das Tun der Worte Gottes ist keineswegs auf Gebotsworte beschränkt.

An anderer Stelle spricht Jesus einmal davon, „die Wahrheit zu tun“ (Joh. 3,21). Üblicherweise meinen wir, dass man die Wahrheit denken muss. Aber hier steht: „tun„. Wie kann ich die Wahrheit tun? Antwort: Indem ich eine Lebenshaltung einnehme, die mit dem Evangelium der Gnade Gottes und seiner Herrschaft übereinstimmt.

Das heißt: Auch Christi Verheißungsworte müssen getan werden. Das heißt: Man kann und darf das Wort Jesu „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit…“ nicht anders hören als dass ich mir die Frage vorlege: Wie ist das bei mir? Hungere ich nach der Gerechtigkeit Gottes, oder bilde ich mir ein, sie in mir selbst zu haben?

Wenn wir das verstanden haben, durchschauen wir, dass die Art und Weise, in der Tolstoi und andere die Bergpredigt verstanden wissen wollten, nämlich als einen von uns zu erfüllenden und erfüllbaren Forderungskatalog, geradezu ein Anti-Evangelium ist. Hier reißt man das Reich Gottes und das Evangelium der Gnade auseinander. Demgegenüber lehrt das Neue Testament, dass es zwischen dem Evangelium der Gnade und dem Reich Gottes inhaltlich keinen Unterschied gibt. Gerade der Apostel Paulus verkündet diese Wahrheit unaufhörlich. (Siehe zum Beispiel Apg. 20,24.25; vergleiche auch Eph. 5,5; Kol. 1,13; 4,11).

Außerdem befinden sich Tolstoi und andere deswegen in einem großen Missverständnis über das Reich Gottes, weil sie es von dem Verkündiger, von dem Bringer und Träger dieses Reiches abtrennen. Ohne Christus, ohne den, der uns dieses Reich Gottes bringt, würde es gar nicht anders gehen: Wir müssten uns selbst helfen, und das heißt in Wahrheit: Wir hätten gar keine andere Möglichkeit, als uns um die Gebote herumzumogeln.

Im Gegensatz dazu hört der, der Christus als seinen Erlöser hat, sehr ehrfurchtsvoll auf die Gebote Gottes. Denn er hat begriffen, dass diese Gebote von dem Gott gegeben sind, der dem Armen, dem Elenden, dem Ungetrösteten dieses himmlische Reich verheißt. Aus diesem Grund muss er sich nicht mehr selbst helfen. Er braucht nicht mehr mit den Geboten zu mauscheln oder sich verkrampft zu bemühen, vor Menschen eine fromme Vorstellung abzugeben. Vielmehr hat er für die Gebote Gottes die Hände frei. Denn er bekennt: Das Erlösen, das macht Gott. Meine Aufgabe als erlöster, als seliggepriesener Mensch ist es, in Dankbarkeit gemäß den Geboten Gottes zu leben, und zwar egal, wie miserabel, wie elend, wie menschlich aussichtslos meine Umstände auch zu sein scheinen.

Diese meine Worte hören und tun“ heißt dann auch: Gerade wenn ich mich darum bemühe, diese Gerechtigkeit zu erfüllen, werde ich umso intensiver nach der Rettung durch Christus verlangen, nach seinem Heil schreien. Vermutlich erfahren wir niemals deutlicher als gerade in solchen Zeiten die Sinnlosigkeit und Nichtigkeit unserer eigenen Bemühungen und Leistungen.

Nicht selten geht Gott mit seinen Kindern tiefe Wege. Aber gerade das hat den Sinn, dass wir in unserer Not nicht mehr auf Selbsthilfe bauen oder eigene Errettungswege zu konstruieren suchen, sondern uns auf Gott, den Allmächtigen, werfen und von ihm allein unsere Hilfe erwarten.

In diesem Zusammenhang sollten wir auch nicht übersehen, dass zum Tun seiner Worte auch das Aufhalten der leeren Hände gehört. Der Herr spricht nachdrücklich vom Beten: „Bittet, und es wird euch gegeben…“ (Mt. 7,7): „Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe“ (Mt. 6,9-13), meint dann: Herr, es muss alles von dir kommen.

Die Worte Jesu sind Worte Gottes

Indem Jesus so nachdrücklich von „meinen Worten“ spricht, stellt er sich selbst in den Mittelpunkt. In der Bergpredigt spricht eben nicht irgendein Prophet und noch viel weniger ein radikaler Sozialreformer. Hier spricht der, der für sich selbst Autorität beansprucht, und zwar ist es eine Autorität, die der allerhöchsten Autorität entspricht, der Autorität Gottes, des Vaters im Himmel.

Jesus hatte auf dem Berg in Galiläa seine Hörer mehrfach vor Gott den Vater gestellt. Zum Beispiel bei der Forderung: „Seid vollkommen gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt. 5,48). Oder denken wir an das Gebet, das nicht von ungefähr in der Mitte der Bergpredigt steht, und das beginnt mit: „Unser Vater, der du bist im Himmel“ (Mt. 6,9).

Aber daneben stellt Jesus sich selbst in das Zentrum. Bereits zu Beginn, in den Seligpreisungen, sagt er: „Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und lügend alles mögliche Böse über euch sprechen um meinetwillen.“ (Mt. 5,11). Entsprechendes finden wir in den Versen, die unmittelbar vor unserem Vers stehen sowie hier in unserem Vers. Auf diese Weise stellt Jesus sich mit dem himmlischen Vater auf eine Stufe.

Damit steht im Kern eine einzige Frage vor uns: Wenn Christus hier von „diesen meinen Worten“ spricht und unbedingtes Hören und Tun verlangt, dann ist das entweder Ausdruck größenwahnsinniger Gotteslästerung – in diesem Fall wäre Jesus zu Recht zum Tode verurteilt worden – oder es ist die Wahrheit und wir stehen hier vor der höchsten Autorität. Auf jeden Fall sind wir aufgerufen, unsere Haltung Christus gegenüber zu bestimmen. Die Antwort auf diese Frage entscheidet über Rettung oder Untergang, über Heil oder Verdammnis.

Mit der Aussage „Ein jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut…“ stellt Jesus die Frage: Wer sagst du, dass ich bin? Möge es uns geschenkt sein, dass die Antwort darauf nicht anders lautet als die, die Petrus kurze Zeit später gab: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt. 16,16).

Dieser Sohn des lebendigen Gottes, der kam, „nicht um das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen“ (Mt. 5,17), erfüllte das Alte Testament durch seinen Sühnetod am Kreuz (vergleiche Mt. 26,54). Dort nahm er alle unsere Sünden auf sich. Auf diese Weise ebnete er uns den Weg in das Reich Gottes, von dem die Bergpredigt von Anfang bis zum Ende spricht.

Jesu Sendung in unsere Welt ist eine einzige, sie ist nicht teilbar. Wir können nicht einzelne Stücke herausnehmen, zum Beispiel eine beliebige Anzahl von Geboten. Alles, was Christus gesagt und getan hat, gehört zusammen. Aber alles sehen wir erst im rechten Licht, wenn wir es von seinem Kreuz und von seiner Auferstehung her sehen.

Ist es nicht bemerkenswert, dass Jesus nach seiner Auferstehung zu seinen Jüngern sagte: „Siehe ich gehe euch voran nach Galiläa, da sollt ihr mich sehen.“ (Mt. 28,7)? An welchen Ort in Galiläa zogen die Jünger dann? Galiläa war ja wahrlich kein kleines Gebiet! Antwort: Die Jünger wussten, „wohin Jesus sie bestellt hatte„, nämlich auf „den Berg“ (Mt. 28,16). Nicht auf irgendeinen Berg – davon gibt es in Galiläa eine Menge, sondern auf „den Berg.“ Mit dem so bezeichneten Berg kann nur der Berg gemeint sein, auf dem der Herr den Jüngern das Reich Gottes verkündet hatte.

Mit anderen Worten: Jesus bringt hier seinen Jüngern die Botschaft: Lasst uns nun, nach meinem Kreuzestod und nach meiner Auferstehung, noch einmal auf „den“ Berg gehen, damit ihr niemals an meiner Macht und meiner Gegenwart zweifelt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt. 28,18.20). Weil von dem, der so sprechen kann, auch die Bergpredigt kommt, ist die Bergpredigt zu allererst frohmachende Gnadenbotschaft. Zwischen diesen beiden Verheißungen gibt der Sohn Gottes seinen Jüngern den Missionsbefehl, der unter anderem besagt, „alle Völker alles zu lehren, was ich euch geboten habe“. Mit anderen Worten verfügt der gekreuzigte und auferstandene Herr: Von nun an sagt alles das weiter, was ich euch auf dem Berg in Galiläa gelehrt habe.

„…der hat auf Felsen gebaut“

Es ist eine entsetzliche Verkürzung und Verfälschung, wenn wir dieses Wort aus dem Schlussabschnitt der Bergpredigt verstehen im Sinn von: Da steht „hören“ und „tun“. Lasst uns also nicht lange darüber diskutieren, wer der ist, der diese Predigt verkündet hat und auch nicht darüber, was wir für armselige, elende, sündhafte Geschöpfe sind, sondern: Lasst uns praktisch werden! In der Bergpredigt stehen genug brauchbare Sprüche. Ran an die Arbeit!

Nicht nur Tolstoi, auch viele andere, zum Beispiel auch Mahatma Gandhi, versuchten die Bergpredigt losgelöst von dem Sohn Gottes, von seiner Sendung und damit auch von seinem Kreuz und von seiner Auferstehung, zu verstehen als eine Sammlung von Lebensregeln. Aber das ist ein folgenschwerer Irrweg!

Wenn Jesus vom Hören und Tun seiner Worte spricht, dann geht es ihm um viel, viel mehr als um die Erfüllung eines Forderungskatalogs. Es geht um etwas total Anderes. Christus predigt hier über sich selbst. Oder besser: Er predigt sich selbst. Das Wort Jesu: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich“ (Joh. 14,6), bringt eher die Bergpredigt auf den Punkt als ein zusammengestellter Forderungskatalog.

Darum ist es ein Missverständnis, wenn man meint, der „Felsen auf dem wir bauen sollen„, sei unser Tun entsprechend der Gebote Jesu. Genau dazu würde Jesus sagen: Dann hast du auf Sand gebaut! Der Felsen, auf den wir bauen sollen, ist niemand anders als Christus selbst, mit dem, was er sowohl verheißt als auch gebietet.

Wenn Jesus den Mann, der sein Haus auf den Felsen baut, als „klugen“ Mann bezeichnet, dann zeichnet sich diese „Klugheit“ dadurch aus, dass ein solcher Mann sich nicht blenden lässt, etwa durch die schöne Fassade eines Hauses. Vielmehr weiß er: Wenn ich das Haus nicht auf den Felsen gründe, dann würde es im Fall, dass satanische Stürme auf das Gebäude treffen, schnell weggerissen werden. Ich würde in den Zerreißproben und geistlichen Auseinandersetzungen zwischen Himmel und Hölle kaputt gehen – wenn ich nicht in Christus gewurzelt und gegründet wäre.

Dieses alles sagt der „kluge“ Mann in guten Tagen. Seine Klugheit zeigt sich nicht immer sofort. Vielfach wird sie erst später offenbar, wenn böse Tage anbrechen. Wir können hier an das Wort Jesu denken, das er einmal im Blick auf den in seiner Zeit sehr umstrittenen Johannes den Täufer sagte, dass die Weisheit „durch ihre Kinder gerechtfertigt wird“ (Lk. 7,35). Damit bringt Jesus den gleichen Gedanken zum Ausdruck: Die Weisheit wird keineswegs immer von vornherein ihr Recht bekommen. Sie wird, um im Bild zu bleiben, nicht durch die Eltern gerechtfertigt. Vielmehr wird ihre Rechtmäßigkeit erst später offenkundig, sozusagen durch den Nachwuchs.

Möge doch niemand die Bergpredigt hören, als ob es sich hier um eine Galerie von Lebensprinzipien handeln würde. Möge der gekreuzigte und auferstandene Herr es schenken, dass wir die Worte Jesu hören und tun, so wie es der kluge Mann tat. Er baute auf den Felsen. Der Fels ist niemand anders als Christus und sein Heilswerk auf Golgatha.

So wollen wir uns zu den ersten Hörern stellen, denen angesichts der Lehre Jesu eines klar wurde: Hier spricht jemand mit übermenschlicher Autorität. Sagen wir es anders: Hier spricht jemand, der die Macht hat, zu erfüllen, was er verheißt, um zu geben, was er befiehlt, und um zu tun, was er sagt.

Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag