Die Seelsorgemethodik des wunderbaren Ratgebers

Wir benötigen dringend eine Reformation in der Seelsorge

In welchem Bereich des Glaubens und Lebens benötigt die Gemeinde, der Leib Christi, am dringendsten eine Reformation? Jedes Jahrhundert hat seine besonderen Kämpfe. Der Teufel greift die Gemeinde Gottes nicht immer in der gleichen Weise an. Nicht in jeder Epoche sieht es gleich aus, zur Wahrheit der Heiligen Schrift treu zu stehen.

Von der Zeit der Apostel bis zum 5. Jahrhundert rang die Kirche mit dem Thema der Dreieinigkeit: Es gibt nur einen Gott. Das war klar. Aber wer ist dann Jesus? Wie soll man den Heiligen Geist verstehen?

Zur Zeit der Reformation war das Thema die Gnade Gottes und das Verhältnis zwischen Glauben und Werken.

Nach der Reformation musste der Leib Jesu die Wichtigkeit der Weltmission wieder entdecken und mit dem neuen Verhältnis zwischen Kirche und Staat biblisch leben lernen, denn das Christentum, so wie die Reformatoren es noch kannten, gab es ziemlich bald nach der Reformation nicht mehr.

Was ist unser Kampf? In welchem Bereich muss die Gemeinde Jesu heute das Wort Gottes und seine Wahrheit klarer erfassen? Anders gefragt: Welche biblische Lehre ist heute gefährdet? Natürlich sind es einige! Aber in welchem Bereich ist die Auseinandersetzung am heftigsten? Wo ist der Einfluss der Welt, auch unter uns bibeltreuen Christen, stark wahrzunehmen?

Wohl einer der Bereiche, der am meisten eine biblische Erneuerung, Vertiefung und Klärung benötigt, ist unser Verständnis von Seelsorge. Das dürfte uns nicht überraschen. Denn der Zeitgeist ist heute humanistisch bestimmt. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gerückt. Folglich werden die Fachleute aus den Humanwissenschaften zu kulturellen Ratgebern und Experten für praktische Lebensfragen. In nahezu jeder Zeitschrift wird ihre Meinung gesucht. Selbst wir Christen orientieren uns schnell an ihnen, manchmal, indem wir ihre Perspektive überzeugend finden, manchmal, indem wir uns von ihnen distanzieren wollen.

Notwendigkeit ständiger Reform(ation) – auch in der Seelsorge

Angesichts einer solchen kulturellen Herausforderung ist der reformatorische Grundsatz, ständig reformbedürftig“ (semper reformanda) zu bleiben, sehr hilfreich. Er ist Ausdruck einer Balance von zwei wichtigen Anliegen. Einerseits erkennen wir das an, was bereits durch unsere geistlichen Vorfahren aus der Heiligen Schrift gefunden und vertreten wurde. Wir halten an den Wahrheiten fest, die der Leib Christi schon in früheren Jahrhunderten fand. Anderseits aber wissen wir, dass nicht jede biblische Lehre so klar erfasst ist wie die Dreieinigkeit oder das Verhältnis zwischen Glauben und Werken. Es gibt noch viel zu klären. Die Gemeinde Christi braucht stets (wieder) Reform(ation). Vor allem, wenn man überlegt, dass die Kultur sich entwickelt und darum die Gegnerschaft gegen das Evangelium immer (wieder) neue Formen annimmt.

Wenn wir von der Notwendigkeit einer Reform(ation) in der Seelsorge sprechen, erhebt sich die Frage, was unter dem Begriff der Seelsorge zu verstehen ist. Antwort: sehr, sehr viel. Kurz zusammengefasst: alles, was mit dem praktischen Alltag als Christ zu tun hat: jede Beziehung (Ehe, Erziehung, Scheidung, Familie, Single sein, Sexualität, das Vatersein Gottes), jedes Gefühl (Depression, Zorn, Bitterkeit, Neid, Sorgen, Trauer, Dankbarkeit), jedes Leid (Verletzungen, Missbrauch, Ablehnung, Stress), alle Verhaltensstörungen (ADHS, Sucht, Suizid, Homosexualität, Pornographie) und anderes mehr. Bei dem Thema Seelsorge geht es also nicht um Randfragen des Glaubens, sondern um alles, was mit dem Leben eines Christen zu tun hat! Hier wollen wir für die Wahrheit des Evangeliums kämpfen. Es ist ein Kampf, der vor allem in unseren Gedanken stattfindet. So schreibt Paulus: „Denn obgleich wir im Fleisch leben, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise. Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Wir zerstören damit Vernunftschlüsse (Gedanken) und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen jeden Gedanken gefangen in den Gehorsam gegen Christus.“ (2Kor. 10,3-5).

Jede Generation von Christen hat den Auftrag, Ideen, die von der jeweiligen Kultur bestimmt werden und alles Hohe, das sich gegen die biblische Wahrheit erhebt, zu zerstören und alles Denken in den Gehorsam unter Christus gefangen zu nehmen. Die konkreten Herausforderungen sind so vielfältig wie die Kulturen und Geistesströmungen in der Welt. Im Mittleren Osten muss das islamische Gottes- und Menschenbild abgelegt werden. In anderen Kulturen richtet sich der Kampf gegen Fetische, Aberglauben, Animismus und Ähnliches. Und wir? Im Westen ist das humanistisch geprägte Umfeld ein wesentlicher Teil des „Hohen, das sich gegen die Erkenntnis Christi aufbäumt“. Dadurch ist unser Denken geprägt. Es bestimmt auch uns Christen, häufig machtvoller, als es uns lieb ist! Hier ist besondere Aufmerksamkeit geboten, damit wir unseren Alltag nicht durch die Brille des Zeitgeistes sehen, sondern im Licht der Heiligen Schrift.

In diesem Artikel wollen wir eine Antwort auf die Frage finden: Wie gestaltete Jesus seine Seelsorge? Wie half er Menschen, ihren Alltag zu meistern und mit ihren Problemen klarzukommen? Kurzum: Was war seine Seelsorgemethodik?

Der Prophet Jesaja nennt den Messias den „wunderbaren Ratgeber“ (Jes. 9,5). Christus kannte Menschen wie sonst kein anderer, und er liebte sie wie sonst niemand. Natürlich sagt die Heilige Schrift mehr über das Thema Seelsorge, als man im Dienst von Jesus selbst sieht. Aber doch ist er der Seelsorger schlechthin, und damit das beste Vorbild für uns.

Welchen Rat gibt der Meister-Seelsorger?

Wie hat Jesus Menschen beraten? Bevor wir untersuchen, wie Jesus seelsorgerlich tätig war, sollten wir uns vorrangig noch etwas anderes klarmachen: Christusähnliche Seelsorge ist nicht vorrangig dadurch definiert, dass man die gleiche Methode verwendet. Vielmehr ist entscheidend, dass diese Seelsorge mit christusähnlicher Liebe, Zuneigung und Anteilnahme, Weisheit, Demut und mit christusähnlichem Glauben geschieht.

Ich muss zugeben, dass ich manchmal dazu neige, zu denken, wenn das Vorgehen richtig und korrekt und biblisch sei, werde Gott gewiss segnen. Als ob Jesus gesagt hätte: „Dir geschehe nach deiner Korrektheit!“ Es ist wichtig, uns immer wieder daran zu erinnern, dass der Herr uns nach unserem Glauben segnet. Manche Geschwister sind Vorbilder in der Liebe, der Hingabe und des Glaubens, auch wenn es ihnen an der einen oder anderen Erkenntnis mangelt. Möge der Herr uns vor allem mit diesem Glauben ausrüsten! Denn auch die beste Erkenntnis ist Stückwerk.

Wie aber hat Jesus beraten? Was war seine Methodik? Hier, wie so oft, überrascht uns Jesus. Er macht es ganz anders, als wir es tun würden. Wenn wir das Wort „Seelsorge“ hören, denken wir an ein persönliches und vor allem an ein privates Gespräch, bei dem man sich Zeit nimmt, um der betroffenen Person zuzuhören und ihre Problematik vertraulich anzusprechen. Wir stellen uns vor, wie Jesus ganz intensiv und individuell beraten würde. Diese Vorstellung liegt insofern nahe, als wir durch den Heiligen Geist erfahren, wie innig und persönlich Jesus zu uns spricht. Aber in der Regel packte Jesus seelsorgerliche Themen anders an.

Nicht dass Jesus kein persönliches Interesse am Einzelnen zeigte. Aber dieses erwies sich eher beim Heilen. Wenn Jesus Kranke heilte, nahm er sich oft Zeit für den Betroffenen. Er ging zum Beispiel auf den Mann am Teich zu, der bereits 38 Jahre dort lag, und er heilte ihn (Joh. 5). Als Jairus zweifelte, weil seine Tochter gerade gestorben war, ermutigte ihn Jesus zu glauben. Dann ging er mit Jairus in dessen Haus und weckte die Tochter von den Toten auf. Viele ähnliche Abschnitte aus dem Wort Gottes zeigen diese wunderbare Eigenschaft unseres Meisters: Er nahm sich Zeit für Menschen in Not.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Herr dies sehr, sehr selten in Situationen tat, die wir als Seelsorge bezeichnen würden. Die seelsorgerliche Beratung, so wie wir sie uns meistens vorstellen, also unter vier Augen, finden wir fast gar nicht in den Evangelien. Gewiss, es gibt einige Ausnahmen. Denken wir an Nikodemus oder an die Frau am Jakobsbrunnen. Aber in dieser Weise erfolgte bei den Jüngern die Seelsorge sehr selten. Selbst wenn Christus persönlich mit jemandem sprach, waren die anderen zugegen. Eigentlich sprach er stets zu allen.

Veranschaulichen wir uns das anhand einiger Gespräche mit Petrus. Als Petrus einmal die Aussage nicht verstehen wollte, dass Jesus leiden und sterben müsse, und Petrus seinen Herrn beiseite nahm und anfing, ihm zu widersprechen, wandte sich Jesus nicht nur an Petrus, sondern an alle Jünger: „Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus ernstlich und sprach: Geh weg von mir, Satan!“ (Mk. 8,33).

Beim Abendmahl, als Petrus beteuerte, er würde mit Jesus ins Gefängnis und in den Tod gehen, sprach Jesus mit ihm sehr direkt, aber es war vor allen anderen (Lk. 22,24-34). Alle sollten lernen. Denn sie alle kämpften mit dem gleichen Stolz. Selbst bei dem Gespräch mit Petrus am See, als Jesus sehr persönlich mit Petrus über seine Liebe zu ihm sprach, war Johannes dabei (Joh. 21,15-23).

Das Beispiel: Jesus und der Gelähmte (und die anderen!)

Die Art und Weise, wie Jesus als Seelsorger tätig war, können wir am Beispiel der Heilung des Gelähmten in Lukas 5,17-26 sehen.

Kennzeichnend für Jesu Seelsorge ist es, dass er sich nicht nur um die Seele des Gelähmten kümmerte, sondern auch um die der Pharisäer, der dabeistehenden Menge sowie seiner Jünger. Tatsächlich ging Jesus nicht nur auf den Gelähmten ein, sondern auf alle Anwesenden!

Wir finden hier ein zweites Merkmal für Jesu Seelsorgepraxis. Er knüpfte an die jeweilige Situation an, um zu lehren. Jesu persönliche Beratung (oder: Jüngerschaftsunterweisung) geschah nicht durch Einzelgespräche, sondern dadurch, dass er die Wahrheit über sich selbst verkündigte und sie auf die jeweilige Situationen bezog. Alle sollten etwas lernen („damit ihr aber wisset“, Lk. 5,24). Alle entsetzten sich nachher und priesen Gott und waren von Furcht erfüllt. Alle realisierten, dass sie etwas Besonderes gesehen hatten.

Dies ist eine erstaunliche aber außerordentlich ermutigende Tatsache. Jesus half diesen Menschen, indem er sie lehrte. Und zwar persönlich. Er ging konkret auf ihre jeweilige geistliche Not ein: auf die des Gelähmten („Deine Sünden sind dir vergeben.“) und auch auf die der Pharisäer („Was denkt ihr in euren Herzen?“). Er gab ihnen Wegweisung, indem er die Wahrheit verkündigte. Wie könnte man Jesus besser nennen als „wunderbaren Ratgeber„? Genau das war er: beim Predigen in der Synagoge, vor dem Volk auf dem Berg, vor den Jüngern, in Häusern! Wenn wir an Jesus denken, fällt uns vielleicht nicht sofort sein Name „Ratgeber“ ein. Aber in seiner Liebe zu Menschen weiß er besser als wir selbst, was wir wirklich benötigen.

Man könnte einwenden, dass man diese Verhaltensweise nicht als „Seelsorge“ bezeichnen sollte. Aber noch einmal: Die Heilige Schrift nennt Jesus „den wunderbaren Ratgeber„. Sie schildert, wie er Menschen beraten hat. Es wäre ein Trugschluss, nur deswegen zu meinen, Jesus sei kein Seelsorger gewesen, weil wir uns Seelsorge anders vorstellen. Vielmehr sollten wir von seiner Art lernen, seelsorgerlich tätig zu sein.

Jesu Seelsorgeansatz: Die Wahrheit macht frei.

Warum übte Jesus Seelsorge in Form von Lehre aus? Antwort: Die Art und Weise, in der er seelsorgerlich tätig war, ist Folge seiner Sicht über die menschliche Not. Jesus wusste, dass geistliche Bindungen aus falschem Glauben kommen. Lügen versklaven. Wahrheit macht frei. Entsprechend war es das Ziel seiner Seelsorge, die Wahrheit zu vermitteln. „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8,31.32).

Christus ist darum der wunderbare Ratgeber, weil er Wahrheit bringt. Manchmal tritt der Herr sehr direkt auf, unverblümt, hart, konfrontativ, manchmal auch einfühlsam und sanft. Aber genau dies macht ihn zu dem wunderbaren Ratgeber. Er bringt die dringend erforderliche Wahrheit in einer zu dieser Dringlichkeit passenden Art. Den Verzweifelten, die sich ihrer Sünden bewusst sind, zum Beispiel den Zöllnern und Huren, verkündigt er sanft die ermutigende Gnade. Bei den Hochmütigen, die ihre Sünden entschuldigen und abstreiten, wie zum Beispiel die Pharisäer und Schriftgelehrten, verkündigt er die Strenge des Gesetzes und das Gericht.

Dieser Ansatz der Jüngerschaft Jesu gibt uns in zweierlei Hinsicht große Hoffnung für die Probleme in unserem eigenen Leben. Erstens verspricht Jesus, dass er uns von der Knechtschaft der Sünde bereits befreit hat. Die Formulierung „Knechtschaft der Sünde“ besagt: Wer Sünde tut, ist gebunden. Er macht das, was er nicht will. Genau darum suchen wir Hilfe: Wir wollen von Problemen und Verhaltensmustern frei werden! Wir merken, dass sie uns nicht gut tun. Diese Knechtschaft passt aber nicht zu unserer Identität als Söhne Gottes. Denn eigentlich ist nur der Nichtchrist ein Knecht, also der, der von der Sünde beherrscht ist. Er bleibt nicht im Haus.

Wir hingegen, Söhne Gottes, sind durch Jesu Wort von unserer Sünde frei gemacht und dürfen im Hause Gottes bleiben. Dies hat zutiefst seelsorgerliche Bedeutung. Niemand muss unter der Knechtschaft der Sünde leben. Wir dürfen von schlechten Verhaltensmustern umkehren. Grundsätzlich ist es nicht wahr, dass wir bis zum Tod mit ihnen leben müssen. Natürlich lehrt die Bibel deutlich, dass wir in diesem Leben nicht vollkommen oder sündlos werden! Aber ihre Betonung ist immer, dass wir Sünden überwinden können, ablegen können und ein neues Leben führen können. Wir sind bereits von der Knechtschaft befreit. Diese Gewissheit soll uns im Kampf gegen Sünden stärken.

Zweitens wird diese Dynamik der Seelsorge eine Ermutigung für uns sein. Denn hier ist die Hoffnung auf Heiligung mit einem konkreten, aber auch ganz einfachen Gnaden-Mittel verbunden. Wir werden durch Erkennen der Wahrheit von Sünde frei. Diese Wahrheit lernen wir aus dem Wort des Herrn. Wir können auch formulieren: Bibel-Studium heiligt. Wenn wir in seinem Wort bleiben, das heißt, wenn wir die Bibel studieren, werden wir die Wahrheit erkennen und sie wird uns frei machen. Wenn wir hier von Bibelstudieren sprechen, geht es um mehr als um das tägliche Lesen von Losungen oder Ähnlichem. Die Macht der Sünde in falschen, unwahren Denkweisen wird durch das Wort Gottes gebrochen! Das war der Ansatz in der Seelsorge Jesu. Er lehrte die Wahrheit: deutlich, offen und direkt. Denn sie befreit.

Jesus war Rabbi!

Dieser wunderbare Ratgeber wurde von Menschen „Rabbi“ genannt. Wörtlich heißt das „Lehrer“. Als Lehrer, Prediger und Verkündiger wies Christus Menschen den Weg und machte sie zu seinen Nachfolgern. Lehren, so wie wir es aus Johannes 8 vernommen haben, erfordert Zeit. Es muss wiederholt werden. Es muss vertieft werden. Nicht zuletzt muss es auch praktisch umgesetzt werden. Wir sind aufgerufen, in der Lehre zu bleiben.

Haben Sie sich je gefragt, warum am Sonntag so viel Zeit für die Predigt eingeräumt wird? Wäre es nicht möglich, die Zeit stattdessen mit Zeugnissen oder Lebensberichten zu verbringen? Haben Sie je gedacht: Warum steht ein Vortrag im Mittelpunkt der Gottesdienstes? Haben wir das von der Welt übernommen? Machen wir es den Politikern oder Lehrern nach?

Nein! Die Verkündigung des Wortes Gottes ist aus gutem Grund Mittelpunkt des Gottesdienstes: Wahrheit macht frei. Und Wahrheit wird durch gute, biblische Lehre vermittelt. Darum war Jesus während seiner irdischen Dienstjahre vor allem anderen ein Lehrer, ein Rabbi. Er tat auch Wunder. Aber er verbrachte viel mehr Zeit mit dem Lehren. Darum nannte man ihn nicht „Wunderwirker“, sondern „Rabbi“. Heilung war Jesus wichtig, weil sie Not lindert und Barmherzigkeit zeigt. Aber Lehre heilt die Seele. Sie lindert die ewige Not.

Ein praktisches Beispiel

Ein Beispiel kann uns helfen zu sehen, was das konkret heißt. Ein häufiges Problem in der Seelsorge ist das Geld: Kummer um Geld, Sorgen um Geld. Was mache ich, wenn der Monat länger als der Monatslohn währt? Jesus weiß um dieses Problem, und er bringt uns zu diesem Thema Worte des ewigen Lebens. Lesen wir einmal Matthäus 6,25-34.

Jesus sagt in diesem Abschnitt der Bergpredigt wesentlich mehr, als dass er lediglich die Forderung aufstellt: „Sorge dich nicht!“ Er sagt uns nicht nur, was wir tun sollen, sondern vor allem warum. Die Wahrheiten, die der Herr hier vermittelt, befreien von Sorgen. Zum Beispiel lehrt er, dass Sorgen davon kommen, dass wir vergessen, dass Leben mehr als Nahrung und der Leib mehr als Kleidung ist. Wer den großen Segen des Lebens und des Leibes wahrnimmt, sieht Dinge wie Nahrung und Kleidung im richtigen Licht. Das macht frei! Das macht glücklich und dankbar.

Aber diese Wahrheit verstehen und begreifen wir erst, nachdem jemand sie uns dargelegt und erklärt hat. Kurzum: wenn jemand sie uns lehrt. Ebenso verhält es sich mit den anderen Wahrheiten dieses Abschnittes. Zum Beispiel, dass Gott uns so liebt und versorgt, noch mehr als er es für Blumen und Vögel tut. „Darum (!) sollt ihr nicht sorgen“, sagt Jesus. Oder führen wir uns den Hinweis vor Augen, dass Sorgen nichts wirklich bewirkt: „Niemand kann sein Leben länger machen“, egal wie sehr er sich auch darum sorgt.

So sieht Seelsorge mit Lehre aus. Biblische Seelsorge betont, dass unser Leben neu werden muss. Dieses Neuwerden kommt durch das Erkennen der Wahrheit, die aus dem Hören auf die Worte Gottes kommt. Darum sagte Jesus über seine Lehre: „Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“ (Joh. 6,63).

So verhält es sich bei jedem seelsorgerlichen Thema. Wie bekämpft man Konflikte und Streit? Mit einfachen aber kräftigen Wahrheiten wie: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!… Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Mt. 7,1-5).

Wer wahrnimmt, dass er bei sich selbst anfangen soll, wird zum Friedenstifter. Die Wahrheit, dass meine Schuld Gott gegenüber schlimmer ist als das, was andere mir angetan haben, bringt Licht und setzt frei. Im Blick auf den heiligen Gott sind die Verhältnisse auf einmal klar! Jesu Lehre vermittelt Wahrheit, und sie macht frei.

Jesus stieg aus und sah eine große Volksmenge; und er hatte Erbarmen mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren (oder: eine lange Predigt zu halten).“ (Mk. 6,34). So handelte Jesus, als er von Erbarmen und Mitgefühl innerlich aufgewühlt war. Das mag durchaus anders sein, als wir es meinen tun zu müssen. Aber hier ist die Weisheit!

Wenn Menschen in Not sind, sollten sie eine Bibelstudiengruppe gründen! Wenn der Verkündiger in Liebe und Erbarmen die Not seiner Gemeinde sieht, sollte er praktisch, detailliert und ausführlich predigen. Wahrheit macht frei! Das ist der Ansatz biblischer Seelsorge: unter vier Augen, in der Familie, in Kleingruppen, am Telefon, mit Freunden, in Bibelstudien, in Predigten, in Konferenzen: in jeder Beziehung und in jeder Zusammensetzung. Wenn Seelsorge nicht im Kern Verkündigung der Wahrheit ist, werden die Probleme in den Gemeinden zunehmen. Es liegt auf der Hand, dass wir in dieser Hinsicht eine Erneuerung durch den Heiligen Geist dringend benötigen.

Die Anwendung für uns

Die Erkenntnis, dass Jesus als Lehrer (Rabbi) Seelsorge durchführte, hat gewichtige Folgen für unsere Seelsorgetätigkeit. Ich nenne einige Punkte, ohne Vollständigkeit anzustreben:

Erstens: Wenn Sie selbst seelsorgerliche Hilfe benötigen, stellen Sie sich die Frage, wie es sich bei Ihnen mit dem Bleiben in Jesu Worten verhält. Bibelstudium ist ein Schritt zur seelsorgerlichen Selbsthilfe. Diesen Schritt kann jeder gehen, sowohl privat als auch in der Gemeinde. Nehmen Sie die Angebote Ihrer Gemeinde oder auch anderer Gemeinden am Ort wahr. Bleiben Sie in Jesu Worten durch Teilnahme an den Bibelstunden, durch Literatur zu biblischer Lehre, durch bibelzentrierte Gespräche und Diskussionen!

Zweitens: Wenn wir persönlich mit jemandem sprechen, wollen wir darauf achtgeben, dass wir nicht nur reden, sondern Wahrheit vermitteln. Es geht stets darum, der betreffenden Person (und auch den übrigen Anwesenden – die haben nämlich in vieler Hinsicht alle dieselben Probleme) zu helfen, so dass sie ihr Leben im Licht der Wahrheit aus dem Wort Gottes zu sehen lernt. In jeder Beziehung möge dies unser Ziel sein!

Drittens: Das Durcharbeiten guter Bücher, die die Wahrheit anhand der Heiligen Schrift gründlich und praktisch darlegen, ist ein hervorragendes Mittel zur rechten Seelsorge. Ein gutes Buch miteinander zu lesen, also eines, bei dem die biblische Lehre systematisch vermittelt wird, ist manchmal die beste Art, einander seelsorgerlich zu helfen. Mir wurde oft auf diese Weise geholfen!

Viertens: Predigtthemen sollten seelsorgerlich sein. Selbstverständlich gilt das auch für Bibelstunden, Hauskreise und (vielleicht am wichtigsten) für Familienandachten. Die Bibel ist praktisch und gibt Wegweisung für den Alltag! Bitten Sie Ihren Pastor respektvoll um Predigten, die Bibelstellen über Erziehung, Ehe, biblisches Mann- und Frausein, Konflikte, Geld und Lebensführung, Arbeit, die Medien und ähnliche Themen auslegen! Wir brauchen von unseren Gemeinden Hilfe bei den Themen, mit denen wir es von Montag bis Samstag zu tun haben.

Fünftens: Eine wahrhaft hilfreiche Lehre der Wahrheit baut auf der Heiligen Schrift allein auf. So leicht und so schnell fallen wir in die Versuchung, als Hörer und auch als Lehrer, Meinungen zu diskutieren statt Wahrheit. Das gilt für jegliche Lehre und Leitung, auch für den persönlichen Rat untereinander. Unser Ziel hat es zu sein, die Bibel als unsere Gesprächsbasis zu haben! Konkret heißt das: Wenn Sie eine Auffassung haben, aber diese nicht biblisch begründen können, verbreiten sie diese Meinung nicht, sondern suchen Sie stattdessen wirkliche Antworten! Es ist lohnenswert, die eigenen Meinungen als bloß menschliche Gedanken wahrzunehmen und nach einer besseren Quelle zu suchen!

Lassen Sie sich Mut machen! Jeder kann in der Kraft des Heiligen Geistes Wahrheit aus dem Wort Gottes finden, um Menschen zu helfen! Werden Sie ein Studierender und Lehrer der Worte Jesu, und Sie werden mit Freude erleben, wie Gott Sie gebraucht, um Menschen zu helfen.

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