Wortverkündigung: Johannes 19,30

„Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30)

Der Ruf des Siegers

Es ist vollbracht!“ So lautet das vorletzte der sieben Worte, die uns aus dem Mund unseres gekreuzigten Heilands überliefert sind. Unmittelbar danach neigte der Herr sein Haupt und übergab den Geist. Der Evangelist Lukas berichtet, dass er dabei mit lauter Stimme rief: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ (Luk. 23,46).

Der Ausruf „Es ist vollbracht!“ besagt, dass die aufgetragene Aufgabe fertiggestellt worden ist. Jesu Tod am Schandpfahl meint also nicht, dass hier jemand gescheitert ist. Vielmehr brachte der Sohn Gottes seinen Auftrag zum Abschluss.

Vergleichen wir das einmal mit uns Sterblichen. Wenn ein relativ junger Mensch stirbt – ich denke an jemanden, der noch nicht das vierzigste Lebensjahr überschritten hat – haben wir oft den Eindruck, er sei mitten aus dem Leben herausgerissen worden. Wir bedauern seine Angehörigen und haben Mitleid mit ihm, denn so jemand scheint in seiner Lebensplanung gescheitert zu sein.

Aber selbst derjenige, der auf sieben oder acht Jahrzehnte zurückblicken kann, wird häufig erkennen müssen, dass vieles in seinem Leben unfertig liegen geblieben ist.

Jesus starb einen brutalen, gewaltsamen Tod. Doch der oben zitierte Ausruf bezeugt, dass Jesus Christus nicht gescheitert ist, sondern dass er den Auftrag ausgeführt hat. Er hat sein Werk abgeschlossen.

Aber, so fragen wir, stimmt das überhaupt? Gehört Jesus nicht zu denjenigen, die an den widrigen Umständen dieser Welt Schiffbruch erlitten haben? Denken wir an den Garten Gethsemane: Jesus fiel auf sein Angesicht. Er schwitzte Blut. Seine Jünger sanken in einen Tiefschlaf. Dann kam seine Gefangennahme, seine Fesselung, sein Verhör, seine Auspeitschung, die Erzwingung, sein Kreuz selbst tragen zu müssen, an das er dann genagelt wurde, an dem er ausrief: „Mich dürstet!“ und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Sind das nicht alles Belege dafür, dass auch Jesus gescheitert ist?

Tatsächlich lehrt das Wort Gottes, dass Jesus in gleicher Weise Anteil an Fleisch und Blut hatte wie wir Menschen. Entsprechend starb er einen Tod wie wir (Hebr. 2,14a). Aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit.

Als der Sohn Gottes starb, trug er den Zorn Gottes. Er besiegte am Kreuz den, der die Macht des Todes hatte, den Teufel (Hebr. 2,14b). Sein Leiden und sein Sterben entsprachen also keineswegs dem Tod eines normalen Menschen. Vielmehr waren mit seinem Tod Dimensionen verbunden, die in ihrer Schrecklichkeit für uns überhaupt nicht nachvollziehbar sind. Sein Leiden und sein Sterben reichen in Abgründe hinab, die für uns unvorstellbar sind und sich deswegen auch nicht durch Filme darstellen lassen.

Der Ausruf „Es ist vollbracht!“ lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen Aspekt des Todes Jesu, der mit dem Sterben von uns Menschen in keiner Weise vergleichbar ist.

Jesus starb auch nicht aufgrund von Erschöpfung. Dass unser Heiland nicht wie andere Gekreuzigte an Entkräftung verendete, wird dadurch angedeutet, dass es dem römischen Hauptmann, der die Aufsicht über die Kreuzigung zu führen hatte, auffiel, wie schnell Jesus gestorben war (Mk. 15,44).

Die Evangelien geben uns in ihren Berichten über die letzten Stunden vor dem Tod Jesu immer wieder Hinweise darauf, dass der Sohn Gottes diese Zeit aktiv erlitt. Im Garten Gethsemane stand Jesus einer ganzen Kohorte von Soldaten gegenüber. Diese Schar war mit Fackeln versehen und mit Schwertern bewaffnet. Als sie erklärten, sie suchten Jesus, den Nazarener, antwortete dieser ihnen: „Ich bin es!Da stürzten sie zu Boden. (Joh. 18,5.6)

Als Petrus daraufhin sein Schwert zog, wies der Herr ihn in die Schranken. Er stellte seinem Jünger unter anderem die Frage: „Bist du nicht der Überzeugung, ich könnte jetzt meinen Vater bitten, und er würde mir mehr als zwölf Legionen Engel schicken?“ (Mt. 26,53)

Wenig später stellte Pilatus Jesus die Frage: „Weißt du nicht, dass ich Macht habe dich zu kreuzigen und Macht habe dich freizulassen?“ Die Antwort Jesu bezeugt wahrlich nicht, dass der Herr sich als jemand sah, der den äußeren Umständen schicksalhaft ausgeliefert war: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre…„. (Joh. 19,10.11).

Dass Jesus nicht vor Erschöpfung starb, sondern sein Sterben ein aktives Handeln war, verkündete der Herr bereits einige Zeit vor seiner Passion: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Macht es zu lassen und habe Macht es wieder zu nehmen.“ (Joh. 10,17.18).

Vor allem aber bezeugt seine Auferstehung am dritten Tage seine Überlegenheit über alle Umstände dieser todverfallenen Welt.

Gelegentlich verwenden wir bei Menschen, wenn wir von ihrem Sterben sprechen, das Wort „Hingehen“. Auch Jesus verwendete dieses Wort. Aber in seinem Mund klingt es energiegeladen. So kam es bei den Zuhörern auch an. Nachdem sie es aus seinem Mund vernommen hatten, fingen sie sogar an, darüber zu diskutieren, ob Jesus vorhabe, Selbstmord zu begehen (Joh. 8,22). Natürlich ging es unserem Herrn nicht darum. Aber deutlich ist: Jesus hatte bis zum letzten Atemzug alles unter seiner Kontrolle.

Wenn er von seiner „Verherrlichung“ oder von seiner „Erhöhung“ sprach, dachte er auch keineswegs nur an seine leibliche Auferstehung oder an seine Himmelfahrt, sondern auch bereits an seine Kreuzigung (siehe Joh. 12,23.32.33).

Um nicht missverstanden zu werden: Der Tod Jesu am Kreuz war für den Sohn Gottes äußerste Erniedrigung (Phil. 2,8). Er litt furchtbar! Sein Tod war etwas Entsetzliches! Aber angesichts einer seit dem Spätmittelalter verbreiteten „Karfreitagsfrömmigkeit“, in der man das Leiden Jesu und sein Sterben in sentimentaler Weise betrauert, bejammert, beklagt oder bemitleidet, sollten wir hören, dass Jesus selbst, gerade als er unter der Last seines Kreuzes zusammenbrach, den mitfühlend weinenden Frauen entgegnete: „Weint nicht über mich, weint vielmehr über euch selbst und über eure Kinder…!“ (Luk. 23,28)

Halten wir fest: Durch das Furchtbare seines qualvollen Todes hindurch leuchtet Christi Herrlichkeit. Sein Ausruf „Es ist vollbracht!“, ist die Proklamation von jemandem, der gesiegt hat.

Es war und ist entsetzlich, dass Christus sterben musste. Aber es ist herrlich, dass es geschehen ist.

Rechenschaftsablegung

Aber was ist dort am Kreuz von Golgatha eigentlich „vollbracht“ worden? Man wird einwenden können, dass zum Zeitpunkt dieses Ausrufs dem Sohn Gottes noch sein Tod bevorstand. Auch seine Auferstehung, seine vierzig Tage danach erfolgte Himmelfahrt, die Ausgießung des Heiligen Geistes lagen noch in der Zukunft. Auch sein Wirken im Lauf der Kirchengeschichte, in der er seine Gemeinde sammelt, nicht nur aus Juden, sondern auch aus den Heidenvölkern, seine Wiederkunft, in der er seine erwählten Heiligen zu sich nehmen und das Endgericht ausführen wird, stehen noch bevor.

Tatsächlich will Jesus mit diesem Ausruf nicht in einem absoluten Sinn zum Ausdruck bringen, dass nun alle Tätigkeiten beendet seien.

Als es am Ende der Sechs-Tage-Schöpfung über Gott heißt, er habe sein Schöpfungswerk „vollendet“ (1Mos. 2,1-3), wird damit auch nicht gesagt, dass er seitdem aufgehört habe, an seiner Schöpfung zu wirken. Das Wort Gottes lehrt vielmehr, dass er das All seitdem in seinem Sohn durch sein Wort trägt (Hebr. 1,3). Auch geht in gewisser Weise sein Schöpfungswerk weiter: Jeder von uns wurde von Gott geschaffen (vergleiche Ps. 139,13-16).

Gelegentlich kann man in Bibelkommentaren die Auffassung lesen, der Ausruf „Es ist vollbracht!“ sei das einzige der sieben Worte am Kreuz, das Jesus nicht an jemanden gerichtet hat. Ich halte diese Bemerkung nicht für richtig. Vielmehr wandte sich Jesus Christus mit diesem Wort an seinen Vater. Er legte damit Verantwortung ab.

Der Sohn Gottes griff hier eine Aussage auf, die er ziemlich zu Beginn seines irdischen, öffentlichen Wirkens gemacht hatte. Damals befand er sich auf der Reise durch Samaria. An einem Brunnen erklärte er seinen Jüngern: „Es ist meine Speise, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe.“ (Joh. 4,34). Genau dieses Werk Gottes seines Vaters, für dessen Erfüllung er auf diese Erde gesandt worden war, hat er nun vollbracht.

Auf seinem Gang in den Garten Gethsemane, als er zu seinem Vater betete, wies der Sohn erneut auf das ihm übertragene Werk hin: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden, ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tun soll“ (Joh. 17,4). Genau dieses Werk war nun am Kreuz vollbracht.

Vergleicht man den Ausruf Jesu am Kreuz mit seiner Aussage in Samaria oder im Hohepriesterlichen Gebet, fällt auf, dass der Heiland dort von sich selbst spricht: Ich vollbringe das Werk bzw. habe es vollbracht. Im Unterschied dazu erfolgt der Ausruf des Herrn am Kreuz im Passiv: „Es ist vollbracht!

Auf diese Weise tritt der Sohn völlig hinter das ihm aufgetragene Werk zurück: Natürlich hätte Christus auch hier sagen können: Schaut her: Ich habe das Werk vollbracht! Aber genau das tut er nicht. Insofern zeigt er sich als Knecht, dem es um die Erfüllung des erhaltenen Auftrages geht.

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