Jesus Christus offenbart den Namen Gottes

Anmerkungen zu Johannes 17,6–11

Einleitung

Das 17. Kapitel des Johannesevangeliums wird gemeinhin als das Hohepriesterliche Gebet bezeichnet. Der Grund liegt darin, dass Jesus Christus hier als Haupt und Mittler seiner Gemeinde vor Gott für die Seinen eintritt. Er tritt als ihr Hohepriester im Gebet vor Gott, um ihm einerseits ihre Belange aufzutragen, ihn aber andererseits auch in ihrem Namen anzubeten.

Ein Gebet ist mehr als nur das Weiterleiten einer Wunschliste. Gewiss ist das Bitten ein zentraler Bestandteil eines Gebets zu Gott. Das verrät schon das Wort selbst. Aber zu einem Gebet gehört auch die Anbetung Gottes. Das Gebet muss einen Grund haben. Indem wir Gott loben, indem wir sein Wesen und seine Taten bekennen, legen wir das Fundament für unsere Bitten. Erst wenn wir wissen, wer Gott ist, was er tut und was wir von ihm zu erwarten haben, können wir ihn auch um etwas bitten. Unsere Bitten gründen sich also auf das, was wir von Gott glauben.

Im Hohepriesterlichen Gebet verhält es sich nicht anders. Johannes 17 enthält nicht nur eine Liste von Gebetsanliegen, sondern auch sehr viel Bekenntnis und damit auch Lehre. Darum ist es gut, dass auch wir aufmerksam zuhören. Nicht umsonst waren die Jünger bei diesem Gebet zugegen. Gerade noch hatte Jesus zu ihnen gesprochen, und nun hebt er die Augen zum Himmel empor und beginnt, sich an seinen Vater zu wenden – so erfahren wir es aus der kurzen Überleitung in Johannes 17,1.

Der Name Gottes ist Inhalt der Offenbarung

Im Folgenden soll es vor allem um die Verse 6 bis 11 gehen. Der Herr selbst leitet diesen Abschnitt seines Gebets zu seinem Vater mit der Aussage ein: „Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.“ In seiner Offenbarung geht es also um den Namen des Vaters.

Namen sind in der Bibel wichtig. Sie sind keineswegs nur Bezeichnungen, um Personen voneinander zu unterscheiden. Wenn wir heute einen uns bekannten Namen hören, können wir diesem Namen eine Person zuordnen. Vor unserem geistigen Auge taucht die Person auf, und wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Hören wir dagegen einen fremden Namen, können wir damit in der Regel wenig anfangen. Der Name verrät kaum etwas über die Person, die ihn trägt. Wir könnten zwar, wenn wir neugierig wären, die Bedeutung des Namens im Wörterbuch nachschlagen, aber ob diese Bedeutung auf die Person zutrifft, ist fraglich.

In der Heiligen Schrift verhält sich das in der Regel anders. In vielen Fällen ist ein Name ganz bewusst gewählt, um ein bestimmtes Merkmal einer Person oder auch eines Ortes zu beschreiben. Ganz besonders trifft das auf die Namen zu, die Gott selbst vergibt. Denken wir zum Beispiel an Abram, dem Gott den Namen „Abraham“ („Vater der Menge“) gibt. Denken wir an Jakob, aus dem „Israel“ („Fürst Gottes“) wird. Denken wir insbesondere auch an Jesus, dessen Name im Hebräischen bedeutet: Der Herr ist Rettung. In Matthäus 1,21 wird genau dies herausgestellt, als Joseph die Anweisung erhält: „Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“

Der Name verrät das Wesen. Wenn dies schon bei Menschen der Fall ist, wie viel mehr gilt es für Gott selbst! Für Gott finden wir in der Heiligen Schrift eine ganze Anzahl von Namen. Alle diese Namen haben eines gemeinsam: Jeder von ihnen enthüllt etwas von Gottes Wesen. Jeder Name verkündet ein wenig davon, wer, was und wie Gott ist.

Im Hohepriesterlichen Gebet spricht Christus davon, dass er den Namen Gottes offenbart habe. Was heißt das? Hat er den Jüngern gesagt, wie Gott heißt? Das wäre unnötig gewesen. Die Jünger kannten die Bezeichnungen Gottes. Als Juden waren sie mit dem Alten Testament vertraut. Sie wussten, welche Namen dort für Gott verwendet werden. Nein, den Namen Gottes zu offenbaren bedeutet sehr viel mehr.

Im Zusammenhang mit dem Namen Gottes gibt es eine besonders wichtige Bibelstelle: „Und Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israels komme und zu ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mich fragen werden: Was ist sein Name? – was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: ‚ICH BIN, DER ICH BIN!‘ Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: ‚ICH BIN‘, der hat mich zu euch gesandt. Und weiter sprach Gott zu Mose: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt; das ist mein Name ewiglich, ja, das ist der Name, mit dem ihr an mich gedenken sollt von Geschlecht zu Geschlecht.“ (2Mos. 3,13–15)

Der Ausdruck „Ich bin“ hat im Hebräischen die gleiche Wurzel wie der Gottesname „Jahwe“, der in den meisten deutschen Übersetzungen als „HERR“ wiedergegeben ist, häufig in Großbuchstaben. Wenn wir also in unserer Bibel „HERR“ lesen, denken wir an „Jahwe“ und wissen, dass dieser Name soviel heißt wie „Ich bin, der ich bin„.

Ein paar Kapitel weiter kommt der Herr erneut auf seinen Namen zu sprechen: „Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der HERR; ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als ‚Gott, der Allmächtige‘; aber mit meinem Namen ‚HERR‘ habe ich mich ihnen nicht geoffenbart. Auch habe ich meinen Bund mit ihnen aufgerichtet, dass ich ihnen das Land Kanaan geben will, das Land ihrer Fremdlingschaft, in dem sie Fremdlinge gewesen sind. Und ich habe auch das Seufzen der Kinder Israels gehört, weil die Ägypter sie zu Knechten machen, und habe an meinen Bund gedacht. Darum sage den Kindern Israels: Ich bin der HERR, und ich will euch aus den Lasten Ägyptens herausführen und will euch aus ihrer Knechtschaft erretten und will euch erlösen durch einen ausgestreckten Arm und durch große Gerichte. Und ich will euch als mein Volk annehmen und will euer Gott sein; und ihr sollt erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin, der euch aus den Lasten Ägyptens herausführt. Und ich will euch in das Land bringen, um dessentwillen ich meine Hand [zum Schwur] erhoben habe, dass ich es Abraham, Isaak und Jakob gebe. Das will ich euch zum Besitz geben, ich, der HERR.“ (2Mos. 6,2–8).

Hier erfahren wir, warum Gott sich als „Ich bin“ bezeichnet. Gerade der Vers 8 drückt die Bedeutung dieses Namens aus: „Ich will euch in das Land bringen, um dessentwillen ich meine Hand [zum Schwur] erhoben habe.“ Gott ist der Unveränderliche, der Treue, der Wahrhaftige. Sein Wort steht fest. Wenn er – bildlich gesprochen – seine Hand zum Schwur erhebt, meint er es ernst. Es verhält sich nicht wie bei Menschen, die heute das eine versprechen, aber morgen nach der Devise handeln: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!“ Wenn Gott etwas verspricht oder verheißt oder schwört, dann führt er es gewiss aus.

Die zentrale Verheißung Gottes an uns war und ist, dass er uns von unserer Sünde retten, uns mit sich versöhnen und uns zu seinen Kindern machen will. Nichts anderes verbirgt sich hinter Gottes Verheißungen gegenüber Abraham und den anderen Erzvätern, die im obigen Abschnitt erwähnt wurden. Die Befreiung seines Volkes aus Ägypten ist ein Bild der Erlösung der Seinen aus der Macht der Sünde. Das Land Kanaan ist ein Bild für die ewige Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk in seinem Reich. Hinter den irdischen Verheißungen stehen also auf den Himmel bezogene Verheißungen. Hinter der irdischen Erfüllung der Verheißung steht ebenfalls eine himmlische Erfüllung. Die irdische Erfüllung der Verheißung diente als Siegel oder Pfand dafür, dass sie sich letztlich auch in ihrem eigentlichen Sinne erfüllen wird. Genau so haben Abraham, Isaak und Jakob das auch verstanden, indem sie über das Hier und Jetzt hinausblickten, wie es Hebräer 11,8–10 bestätigt.

In Christus sind die Verheißungen erfüllt

Wenn Jesus in seinem Gebet davon spricht, dass er den Namen Gottes offenbart, verkündigt er damit zunächst die Wahrheit, dass Gott seine Verheißungen treu erfüllt. Aber Christus hat noch mehr getan. Er hat nicht nur verkündigt. Er hat nicht nur auf eine Schatztruhe gezeigt. Er hat vielmehr diese Schatztruhe, nämlich die Truhe mit den Heilsschätzen, geöffnet und die Schätze ausgeteilt. Dass Jesus den Namen Gottes offenbart, heißt, dass er selbst sich den Menschen als der verheißene Erlöser, also als der Christus zeigt.

Die Erfüllung der Verheißungen Gottes steht und fällt mit Jesus Christus. In seiner Person laufen sie zusammen und werden Wirklichkeit. Er ist die fleischgewordene Erfüllung des verheißenen Wortes Gottes. Darum sagt er in seinem Gebet gleich anschließend: „Nun erkennen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt; denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und haben wahrhaft erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und glauben, dass du mich gesandt hast.“ (Joh. 17,7.8).

Christus ist vom Vater ausgegangen, damit dessen Verheißungen wirksam werden. Er hat die Worte, die er von seinem Vater erhalten hat, an seine Jünger weitergegeben, so dass sie sie angenommen haben. Das heißt, dass Christus selbst sich den Jüngern auf eine Weise mitgeteilt hat, dass die Verheißungen Gottes in ihnen wirksam geworden sind. Diese Wahrheit verkündet der Apostel Johannes am Beginn seines ersten Briefes folgendermaßen: „Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und was unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“ (1Joh. 1,1–3)

Johannes bezeichnet Christus als das „ewige Leben„. Christus verkündigt nicht nur das ewige Leben, er erwirkt es nicht nur, nein, er ist es selbst. Im selben Brief, ein paar Seiten weiter, schreibt der Apostel, was das alles mit uns zu tun hat: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht„. (1Joh. 5,12)

Christus ist die Erfüllung der Verheißung. Er ist das ewige Leben. Wie aber gelangen wir in den Besitz dieses Schatzes? Indem wir ebendiesen Christus empfangen: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben„.

Um Jesus Christus zu besitzen, muss er uns zunächst Gottes Namen offenbaren. Er muss sich uns also selbst mitteilen. Dass Christus sich uns mitteilt, heißt zum einen, dass er uns sein Wesen und sein Werk bekanntmacht, aber zugleich auch, dass er uns daran Anteil gibt. Das ist das Entscheidende. Denn erst wenn Christus sich uns in einer Weise offenbart, dass wir ihn ergreifen und uns zu eigen machen, nämlich durch Glauben, haben wir in ihm das ewige Leben.

Die Offenbarung richtet sich an die Gemeinde

Noch einmal zurück zu Johannes 17,6: „Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast; sie waren dein, und du hast sie mir gegeben …“ In Vers 9 heißt es ähnlich: „Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, weil sie dein sind.“

Hier wird offensichtlich eine Abgrenzung getroffen. Auf der einen Seite steht „die Welt„, auf der anderen Seite stehen jene „Menschen …, die du mir aus der Welt gegeben hast„. Der Begriff „Welt“ hat in der Bibel unterschiedliche Bedeutungen. An dieser Stelle ist mit „Welt“ die Menschheit als ganze gemeint: Christus hat bestimmte Menschen „aus der Welt“ erhalten. Mit anderen Worten: Aus der Menge aller Menschen ist ihm eine bestimmte Teilmenge von Menschen gegeben worden. Gott hat aus der ganzen Menschheit einige Menschen genommen und sie Christus „gegeben“ – zu einer bestimmten Zeit, aus einem bestimmten Grund und zu einem bestimmten Zweck. Welche Menschen sind hier gemeint? In Vers 12 des Hohepriesterlichen Gebetes lesen wir: „Als ich bei ihnen in der Welt war, bewahrte ich sie in deinem Namen. Die du mir gegeben hast, habe ich behütet, und keiner von ihnen ist verlorengegangen als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde.“

Offensichtlich geht es hier um die Jünger Jesu, mit einem besonderen Hinweis auf den Verräter Judas Ischariot. Die Jünger wurden Christus gegeben. Ihnen hat er den Namen Gottes offenbart, und für sie bittet er. Das ist ziemlich eindeutig. Aber bezieht sich alles, was oben gesagt wurde, wirklich nur auf elf Jünger? Wenn wir weiter schauen, in die Verse 20f nämlich, wird der Herr konkreter: „Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien …

Die Jünger tragen das Wort Gottes in die Welt. Gott offenbart seinen Namen auch anderen Menschen. Wenn er Menschen seinen Namen offenbart, das heißt wenn er ihnen Jesus Christus wirksam mitteilt, werden sie Christus im Glauben empfangen und mit sowie in ihm alle Heilsgüter. Es geht hier also nicht nur um die elf Jünger, sondern um alle Menschen, die Christus im Glauben besitzen. Von ihnen kann Christus sagen: „Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben.“

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