Das missionarische Selbstverständnis des Apostels Paulus

Der Handelnde ist Gott

Gott ist der Kyrios, der „Herr“, der Missions- und Gemeindearbeit (1Kor. 3,5). Er teilt in seiner Souveränität jedem „seine besondere Aufgabe“ zu und gibt jedem unterschiedliche Gaben. Beides ist Geschenk Gottes. Allein von ihm kommt der Missionserfolg, nur durch ihn kommt es zum Wachstum (1Kor. 3,6.7). Paulus vertraut in seiner Missionsarbeit allein auf die Kraft Jesu Christi (Röm. 15,18). Das Wirken Christi ist Ursache dafür, dass Heiden zum Glaubensgehorsam kommen. Effektivität in Mission und Gemeindearbeit hängt nicht von Personen und Programmen, nicht von rhetorischen Techniken oder ausgeklügelten Methoden ab, sondern allein vom Wirken Gottes. Nur durch Gott geschieht Wachstum (1Kor. 3,6). Alle Verkündiger sind „nichts“ (1Kor. 3,7a), ein Nichts, aus dem nur Gottes Schöpfertat etwas zu machen vermag. Rechte Verkündiger des Evangeliums können sich und ihre Arbeit nur von der Schöpfung aus dem Nichts her begreifen. Deshalb gehören die Gemeinden, die als Frucht der Missionsarbeit entstanden sind, weder Paulus noch anderen Lehrern. Die Gemeinde ist immer „Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1Kor. 3,9).

Mitarbeiter sind Diener Gottes

Paulus versteht sich als Diener Gottes und seines Wortes, als Diener Jesu Christi und des Evangeliums, als Diener der Gemeinde (1Kor. 3,5; Kol. 1,23.25), ein Selbstverständnis, das alle Eigenmächtigkeit und alles Eigeninteresse im Blick auf die Missionsarbeit und ihre Erfolge ausschließt. Paulus stellt mit der Identifikation von Verkündigern als „Diener“ bewusst und absichtlich die Werteskala des hellenistisch-römischen Sozialprestiges auf den Kopf: Die lehrenden Apostel, Missionare und Verkündiger, die von korinthischen Christen unterschiedlich hoch geschätzt werden, sind einfach nur Diener. Im Zusammenhang mit dem Bildwort aus der Landwirtschaft und dem Hausbau (1Kor. 3,10-15) weist der Apostel Paulus auf die niedrigen, von der griechisch-römischen Elite verachteten Handarbeiten hin: Er vergleicht seine Aufgabe mit dem Pflanzen, dem Begießen und dem Bauen. Das sind Aufgaben, die nun wirklich kein Anlass zum Rühmen sind! Missionare und Mitarbeiter in der Gemeinde sind keine hochgestellten Patrone, sondern „Diener“ (diakonoi). Ihr Leben ist ganz auf den Dienst für ihren Herrn ausgerichtet. Missionare, die das Evangelium verkündigen, sind wie Tongefäße: schwach, zerbrechlich und an sich unerheblich (2Kor. 4,7). Leiden und Schwächen des Missionars zeigen, dass Erfolg und Wachstum allein Resultat der Macht Gottes, Wirkung der Wahrheit des Wortes Gottes und der Kraft des Heiligen Geistes sind (2Kor. 4,7-15; Kol. 1,24).

Paulus weiß sich von Gott zum Pioniermissionar berufen, der pflanzt und als sachkundiger Baumeister das Fundament legt, also Gemeinden gründet (1Kor. 3,6.10; 9,10), während Apollos und andere Verkündiger „begießen“ (1Kor. 3,6) und weiterbauen (3,10). Das heißt, sie mühen sich um das weitere Wachstum der Gemeinde, um das Unterweisen der Christen und um das Evangelisieren. Die Bildworte vom Bauen und Pflanzen zeigen (wie auch die Metaphern aus dem militärischen Bereich), dass Missionsdienst Schwerstarbeit ist: Paulus schont sich nicht, als Diener hat er gar kein Recht, sich zu schonen.

Laut Kolosser 1,29 ist Missionsdienst „Arbeit“ und „Kampf“. Das heißt: Paulus leistet Schwerstarbeit gemäß seiner Berufung unter Aufbietung aller seiner Kräfte. Gleichzeitig weist Paulus mit Nachdruck darauf hin, dass die Kraft für die schwere Missionsarbeit nicht aus ihm selbst kommt. Er verlässt sich auf die in Christus aus Gnade zur Verfügung stehende Macht Gottes. Paulus arbeitet als Missionar nicht allein, sondern weiß sich mit anderen Missionaren und Mitarbeitern eins: Die Bindung an den Herrn begründet die Einheit des Dienstes aller, die der Gemeinde dienen. Der Pioniermissionar, der pflanzt, und der Verkündiger in der Gemeinde, der begießt, stehen an ein und derselben Aufgabe und sind von demselben Herrn abhängig. Sie sind „eins“ (1Kor. 3,8).

Missionsarbeit als Proklamation des Sieges Gottes

Der römische Triumphzug („pompa triumphalis“) ist der Hintergrund der Sätze aus 2Korinther 2,14-16, in denen Paulus seine missionarische Existenz beschreibt. Paulus versteht seine Mission als öffentliche Proklamation des Sieges Gottes, der ihn, den Verfolger des endzeitlichen Gottesvolks, vor Damaskus besiegt hat – ein Sieg, der in einem kontinuierlichen Triumphzug durch die Welt gefeiert wird, das heißt in den Missionsreisen des Apostels. Die missionarische Existenz und Aktivität des Paulus verdankt sich der überwältigenden Macht Gottes. Paulus ist nicht aufgrund eigener Leistungen Apostel. Im Gegenteil: Sein Selbstverständnis ist zutiefst vom Überwältigtsein durch Gottes Macht bestimmt, die er auf der Straße nach Damaskus erfahren hat. Für Paulus, den großen Heidenmissionar, war es nie selbstverständlich, dass er Christ war. Die Bekehrung von Paulus ist „Duft“ und „Wohlgeruch“ (2Kor. 2,14-16). Das Evangelium von Jesus Christus, das Paulus als Gottes Offenbarung verkündigt, wird entweder als Leben stiftende Wirklichkeit angenommen, oder es wird abgelehnt, was zum (ewigen) Tod führt. Der „Duft“ der Evangeliumsverkündigung hat seinen Ursprung im Tod, nämlich im Tod Jesu Christi, und er hat seinen Ursprung im Leben, weil der Gekreuzigte auferstanden ist.

Das Evangelium: Schatz in zerbrechlichen Gefäßen transportiert

In 2Korinther 4,7-15 wird deutlich: Das Evangelium ist ein „Schatz“, ein wertvolles, begehrenswertes Gut, das den Erhalt des Lebens sichert, das wahrhaft glücklich macht. Als Missionar verkündigt Paulus die frohe Botschaft, dass Sünder an diesem Schatz Anteil bekommen können. Dieser Schatz des Evangeliums ist in „irdenen Gefäßen“ aufbewahrt, das heißt: Missionare, die das Evangelium verkünden, sind wie Tongefäße: wenig imposant. Paulus hebt hervor, dass die Korinther sich nicht daran stören lassen sollen, wenn manche seine Person oder seinen Verkündigungsstil für rhetorisch wenig eindrucksvoll halten: Tongefäße, in denen ein wertvoller Schatz aufbewahrt wird, sind an sich vollkommen nebensächlich, lohnen keine Aufregung. Die wenig imposante Form der missionarischen Verkündigung macht die Tatsache umso deutlicher, dass die außerordentliche Kraft, die im Wirken der Missionare zu beobachten ist, allein Gottes Kraft ist und nicht die Kraft oder das Verdienst der Missionare (2Kor. 4,7). Die heilsame Wirkung der Verkündigung beruht nicht auf der faszinierenden Ausstrahlung des menschlichen Trägers, sondern auf der Wahrheit des Wortes Gottes und der Kraft des Geistes.

Bedrängnisse und Leiden als Abbild Christi

Paulus zählt die Schwierigkeiten und Leiden auf, die ihm in seinem missionarischen Dienst begegnet sind und begegnen. Er wird von allen Seiten bedrängt (2Kor. 4,8): Er wurde immer wieder von Nichtchristen angegriffen, aber auch in Jerusalem und nicht zuletzt in Korinth von Christen, die ihm theologische, ethische und rhetorische Vorhaltungen im Blick auf seine Botschaft und sein Auftreten machten. Paulus weiß oft nicht mehr weiter: In der Provinz Asia ist er einmal am Leben verzweifelt (2Kor. 1,8), vielleicht aufgrund einer schweren Erkrankung oder einer durchlittenen Todesgefahr. Paulus wurde verfolgt (2Kor. 4,9), das heißt, er hatte mächtige Feinde, die ihm schwer zusetzten. Wie Christus in seiner Mission gelitten hat, so muss auch Paulus als Apostel leiden. Seine Leiden sind nach Kolosser 1,24 jedoch nicht wegen einer festgelegten Quote notwendig, sondern weil sie eine unweigerliche Begleiterscheinung der Missionsarbeit sind. So hat es Paulus selbst erlebt. Paulus verbindet die „Leiden Christi“ mit seinen Leiden als reisender Missionar. Anders gesagt: Die messianischen Wehen, die im Leiden Christi Wirklichkeit wurden, setzen sich fort im Missionsdienst von Paulus.

Das Leben des Apostels ist höchst spannungsgeladen: Paulus erleidet das Sterben, das Christus durchlitten hat, an seinem eigenen Leib (2Kor. 4,10). Das heißt: Seine Leidenserfahrungen sind eine öffentliche Darstellung, ein Abbild des Todes Jesu Christi. Und die Kraft Gottes, die in seinem Leben offenbar ist und ihn inmitten der Anfechtungen und Anfeindungen stützt und trägt, ist ein Hinweis auf das Auferstehungsleben Christi, und zwar bereits jetzt, in der Gegenwart. In ihm haben die Korinther die Struktur des Evangeliums vor Augen, die letztlich nichts anderes ist als die Struktur des Kreuzes: Stärke in der Schwäche, Leben aus dem Tode. Als der Herold Jesu erzählt er Jesu Passionsgeschichte. Aber er erzählt sie nicht nur, sondern er erfährt sie auch (Phil. 3,10). Er verhält sich entsprechend der Maßgabe, dem Vorbild Jesu Christi. Er kann seine Identifikation mit Christus auf sehr plastische Weise betonen: „Ich trage die Zeichen Jesu an meinem Leib“ (Gal. 6,17). „Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib“ (2Kor. 4,10).

Repräsentant und Botschafter Christi

Als Gesandter Jesu Christi ist Paulus der Repräsentant des Messias (2Kor. 5,20; 13,3). Er spricht „an Christi statt„. Jesus Christus spricht „in ihm„. Er redet, was Christus durch ihn „gewirkt“ hat (Röm. 15,18). Wer Paulus hört, soll Jesus hören, wer Paulus sieht, soll Jesus sehen. Dieser Status als Repräsentant des Messias ist für ihn Auszeichnung genug. Er braucht sich nicht selbst zu rühmen oder sich mit Empfehlungsschreiben wichtig zu machen (2Kor. 3,1; 5,12), sondern er setzt seine Ehre darein, dem Herrn zu gefallen (2Kor. 5,9).

Wenn Paulus in Epheser 6,20 schreibt, dass er Christi „Gesandter in Ketten“ ist, dann ist das nicht nur ironisch gemeint, sondern ein Ärgernis. Die Ketten widersprechen dem Status, der Ehre und der Würde, die einen Botschafter charakterisieren. Die Inhaftierung eines Botschafters galt als ernste Beleidigung, nicht nur des Botschafters, sondern dessen Auftraggebers. Die Ketten sind gleichzeitig ein Symbol für den Auftrag, den Paulus bekommen hat. Sein Leben als Botschafter Christi steht vollkommen unter der Kontrolle Gottes, der von ihm verlangt, dass er das Evangelium mit Freimut redet, wie er es muss (Eph. 6,19; vergleiche 1Kor. 9,16.17). Deshalb bittet er die Christen in Ephesus, dafür zu beten, dass er freimütig das Geheimnis des Evangeliums verkündigen kann. Wichtig ist deshalb nicht das Wohlbefinden oder das Leiden des Botschafters, sondern die Ausführung des erhaltenen Auftrags. In Römer 10,17 will Paulus sagen, dass im verkündigten Wort – vom Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen – Jesus Christus selbst spricht und handelt. In diesem Wort Christi, in diesem Evangelium selbst liegt die Kraft Gottes
(dynamis theou).

Unterweisung als Bestandteil der Mission

Paulus weiß gerade als Missionar, dass die Verkündigung des Evangeliums und dessen Annahme nicht die letzten Schritte sind. Die Glaubenden sollen den Stand, den sie im Evangelium gewonnen haben, beibehalten. Sie sollen an dem verkündigten Wort „festhalten“ (1Kor. 15,1.2), damit sich erweist, dass sie nicht zu einem illusionären, sondern zu einem gewissen Glauben gekommen sind. Deshalb schreibt Paulus an die Korinther: Die Wahrheit des Evangeliums muss vom Missionar und von den Lehrern in den Gemeinden immer wieder eingeschärft werden. Nach Kolosser 1,28.29 beschreibt Paulus den Prozess der Verkündigung des Wortes Gottes mit mehreren Verben: Er verkündigt, er ermahnt jeden Menschen, das heißt, er weist angesichts von falschem Verhalten zurecht, und er unterweist in rechtem Verhalten, damit jeder ganz auf Christus ausgerichtet ist. Er lehrt jeden Menschen in aller Weisheit, indem er die Inhalte erläutert, die Wurzeln und Konsequenzen des Evangeliums für die Welt und für jeden einzelnen Menschen. Paulus anerkennt, dass die Christen in Kolossä Fortschritte im Glauben und in der Liebe gemacht haben. Aber als Missionar und Seelsorger gibt er sich mit nicht weniger zufrieden als mit voller christlicher Reife jedes einzelnen Gläubigen. Diese wird sich erst bei der Wiederkunft Jesu ganz und vollständig einstellen (Kol. 1,28; vergleiche Eph. 3,14-19). Die Tatsache, dass Paulus über anderthalb Jahre in Korinth gewirkt hat (Apg. 18,2.11) zeigt, dass er sich die missionarische Pionierarbeit nicht als evangelistischen „Blitzeinsatz“ dachte, dessen Resultate andere Mitarbeiter in der „Nacharbeit“ konsolidieren sollten.

Analogie von Verkündigung und Verhalten

Die Grundregel missionarischer Arbeit ist das konsequente Ernstnehmen des Hörers: Juden sind als Juden mit dem Evangelium zu erreichen, Heiden als Heiden (1Kor. 9,19.29). Jedenfalls müssen alle Menschen ohne Unterschied das Evangelium hören (Röm. 1,14). Dabei ist das Verhalten des Verkündigers der Verkündigung des Evangeliums untergeordnet: Der Missionar ist bereit, „allen alles“ zu werden (1Kor. 9,22). Die Bereitschaft von Paulus, „allen alles“ zu werden, entspricht dem Gegenstand seiner Verkündigung. Es geht hier um mehr als um eine Taktik des Verhaltens. Es geht um die Konsequenz des Evangeliums: Paulus sucht den Hörer auf, wo er zu Hause ist. Dabei ist dieses Zuhause weit genug zu fassen: räumlich, sprachlich, geschichtlich. Das heißt: Von einer Solidarität mit dem Hörer kann man nur dann sprechen, wenn man damit nicht allein ein Betroffenheitsgefühl meint, das für das eigene Verhalten ohne Konsequenzen bleibt. Die Freiheit, die der Glaube an Jesus Christus beinhaltet und schafft, ist eine Freiheit, die zum Einsatz für den Nächsten verpflichtet. Paulus verzichtet gerne auf seine Freiheit, wenn er dadurch Menschen gewinnen kann.

Paulus macht sich als Missionar von seinen Hörern abhängig, er wird ihr „Sklave“ (1Kor. 9,19). Die Hörer entscheiden über die Form, in der das Evangelium verkündigt wird. Wer das Evangelium verkündigt, darf es nicht sprachlich verschlüsseln, darf sich auch nicht von den Menschen absondern. Paulus gewinnt die Menschen nicht dadurch, dass er sich von ihnen absondert, wie er es in Kraft seiner Freiheit könnte, sondern dadurch, dass er sich unter sie stellt, ihnen gehört und ihnen dient. Von ihrer Not her bekommt er Weisung, was er tun soll, und ihr Heil ist das, was er begehrt. Damit sie auf ihn hören, hört er auf sie, und weil sie tun sollen, was er von ihnen verlangt, tut er, was sie von ihm erbitten. Paulus sagt allerdings nicht, dass er den Heiden ein Heide geworden ist (oder den Ehebrechern ein Ehebrecher), weil der religiöse Relativismus und der Polytheismus ausschließen, dass man als Missionar ganz wie ein Heide leben kann. Paulus skizziert in 1Kor. 9,19-22 Grundsätze seiner Missionspraxis, ohne konkret zu sagen, wo deren Grenzen liegen.

Menschen gewinnen – ein wichtiges Motiv

Paulus gibt sich mit dem missionarisch Erreichten nicht zufrieden. Er will immer noch mehr Menschen auf der ganzen Welt mit dem Evangelium erreichen (1Kor. 9,19; Röm. 10,18), auch wenn manchmal nur wenige zum Glauben an Christus kommen (Röm. 10,16). Paulus sagt mit großem Nachdruck, dass es in seiner Mission darum geht, Menschen zu gewinnen (1Kor. 9,19-22). Einen Menschen gewinnen, bedeutet ihn zu retten, wie die Formulierung in 1Korinther 9,22 zeigt: Es ist der Bekehrte selbst, der einen „Gewinn“ hat. Das Amt, das Paulus von Gott erhalten hat, der Auftrag, den er ausführt, besteht darin, dass er „das Wort Gottes zu erfüllen“ sucht (Kol. 1,25). Das heißt, er will das Wort Gottes als Evangelium überall verkündigen. Er möchte es zum vollen Missionserfolg bringen. Paulus müht sich als Diener des Evangeliums und der Gemeinde Jesu Christi, um dazu beizutragen, dass das Wort Gottes in der ganzen Welt dynamisch und effektiv in der Macht des Heiligen Geistes verkündigt und von Menschen angenommen wird (Kol. 1,29; vergleiche 1Thess. 1,5.6; Eph. 6,18-20; Kol. 4,2-4; 2Thess. 3,1-3).

Evangelium als bestimmende Mitte

Die bestimmende Mitte des anpassungsfähigen Verhaltens ist das Evangelium selbst, und nicht das pragmatische Motiv der Effektivität. „Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben (1Kor. 9,23). Die Wendung „um des Evangeliums willen“ schließt es aus, das Evangelium preiszugeben. Man kann Paulus nicht gut in eine Linie rücken mit Relativismus, Prinzipienlosigkeit, Synkretismus, Toleranz gegenüber allem und jedem. Wenn Paulus sich zum Sklaven der Hörer macht, dann immer als „Sklave Christi„. Die feststehende Melodie der Weltmission ist die opferbereite Liebe. Die Liebe begrenzt die Freiheit – die Freiheit, die ich haben könnte, wenn es nur um mich ginge. Aber vom Evangelium her kann es nie nur um mich gehen. Es geht immer um den Bruder und um die Schwester, und es geht um die Menschen ohne Christus, die das Evangelium hören müssen.

Die Verantwortung des Arbeiters

Alle am Bau der Gemeinde Beteiligten sind für ihr Tun und Handeln vor Gott verantwortlich, eine Verantwortung, die im Endgericht offenbar werden und Konsequenzen haben wird. Es gibt missionarisches Wirken, es gibt Gemeindearbeit, die im Endgericht von Gott verworfen wird, weil das Evangelium verfälscht wurde (1Kor. 3,12-15). Weil allein Gott der Herr der Mission ist, sind Missionare allein Gott gegenüber verantwortlich. Jeder wird seinen eigenen Lohn erhalten nach dem Maß der eigenen Arbeit (1Kor. 3,8). Gott ist ihr Arbeitgeber, ihm sind sie rechenschaftspflichtig. Gott allein entscheidet über Erfolg oder Misserfolg der Arbeit des Verkündigers, nicht die Gemeinde, nicht andere Mitarbeiter. Er weiß, was die Arbeit der Missionare und der Verkündiger wert ist. Inhaltlich bleibt der Lohn unbestimmt. Später spricht Paulus von einem „Siegespreis“ (1Kor. 9,25), von einem „Siegeskranz der Gerechtigkeit“ (2Tim. 4,8). Offensichtlich kann es unterschiedlichen „Lohn“ geben. Gott belohnt je nach der Arbeit des Einzelnen. Worin solche Unterschiede im Lohn liegen, wird nicht gesagt. Gemeint ist wohl eher die persönliche Aufopferung im Dienst (vergleiche 1Kor. 9,16-18), als die Größe der Begabung und der Umfang des Erfolges. Denn darüber entscheidet ja Gott, der wachsen lässt.

Verkündiger sind verantwortlich, wie sie auf dem Fundament Jesus Christus weiterbauen (1Kor. 3,12-15), das die Apostel gelegt haben (Eph. 2,20). Es gibt ein bleibendes und dauerhaftes Bauen, das dem Fundament entspricht, und es gibt ein unsolides und vergängliches Bauen, das dem Fundament nicht entspricht und sich nach selbstgewählten, neuen Maßstäben richtet. So wie Gold, Silber und kostbare Steine ein Feuer überstehen, so wird der Missionar und Mitarbeiter, für den der gekreuzigte Christus Grund und Maßstab des Glaubens und des missionarischen Verhalten ist, vor dem Jüngsten Gericht keine Angst haben müssen. Wie Holz, Heu und Stroh leicht und schnell verbrennen, wird jeder, der meint, die Botschaft vom Gekreuzigten hinter sich lassen zu können, im Endgericht „Schaden leiden“ (1Kor. 3,15). Er wird eine Einbuße hinnehmen müssen, obwohl er selbst (wenn auch mit knapper Not) am Heil der neuen Welt Gottes teilhaben wird. Diese Einbuße besteht möglicherweise in der Beschämung des Missionars, der nach dem Verlust seines Werkes vor Gott ohne Frucht dasteht. Missionsarbeit und Gemeindebau haben dann Bestand, wenn Jesus der gekreuzigte Messias im Mittelpunkt der Verkündigung steht und der Maßstab für das Verhalten der Verkündiger und damit auch für das Verhalten der Gläubigen ist.