Wortverkündigung: Psalm 62,2

 

„Nur auf Gott wartet still meine Seele. Von ihm kommt meine Rettung.“

Psalm 62,2

In den vergangenen Wochen und Monaten stieß ich immer wieder auf diesen Psalm.

Beim Lesen des ganzen Psalms fällt ein kleines Wort ins Auge, weil es uns immer wieder begegnet. Es ist das unscheinbare „nur„. Damit beginnt der oben zitierte Vers. Aber dieser Ausdruck findet sich immer wieder auch in den folgenden Versen des Psalms: „Nur er ist mein Fels und mein Heil…“ (62,3). „Sie planen nur, ihn von seiner Höhe hinabzustürzen“ (62,5). „Nur auf Gott wartet still meine Seele“ (62,6). „Nur er ist mein Fels“ (62,7). „Nur ein Hauch sind die Menschenkinder“ (62,10).

In englischen Bibelübersetzungen ist dieses Wörtchen wiedergegeben mit „truly„. Das heißt so viel wie: „wahrlich„. Wir können den hebräischen Ausdruck auch mit „ausschließlich“ oder mit „wirklich“ wiedergeben. Auf jeden Fall bringt er eine Bekräftigung zum Ausdruck.

Warum spricht David hier bekräftigend? Ist das ein besonderer Stil von ihm?

Offensichtlich will der Psalmsänger etwas betonen. Aber was? Eine Antwort finden wir, wenn wir uns den gesamten Psalm anschauen.

Der Herr wird für euch streiten

Wenn wir eine Antwort auf die Frage suchen, was das Thema dieses Psalms ist, könnten wir auf die Zusage zurückgreifen, die einst Mose dem Volk Gottes zurief, nachdem es gerade aus Ägypten ausgezogen war. Vor den Weggezogenen lag das Meer. Hinter sich sahen sie die Ägypter heranpreschen. Da rief Mose den Verzagten zu: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr sollt stille sein!“ Genau darum geht es auch in diesem Psalm: Ich will still sein, denn Gott wird handeln.

Keineswegs immer heißt ‚vertrauen auf Gott‘, dass wir uns still verhalten sollen. Gelegentlich sind wir aufgerufen, im Vertrauen auf Gott aktiv zu werden. Aber hier in unserem Psalm hat das Vertrauen auf Gott die Gestalt des Stillseins.

Was ist das für ein Stillsein? Bekanntlich gibt es sehr unterschiedliche, ja gegensätzliche Ausprägungen des Stillseins.

Man kann zum Beispiel in gewissen Situationen seinen Mund halten, obwohl es in einem brodelt. Da ist ein Vorgesetzter, der redet und redet. Man weiß, er hat Unrecht. Aber er ist eben der Chef. Also beißt man sich auf die Zunge und denkt: Er wird schon sehen, dass er mit seinem Vorhaben an die Wand rennt! Äußerlich erweckt man den Eindruck, still zu sein, aber im Innern wüten Groll und boshafter Hader. Das ist hier nicht gemeint.

Es geht in unserem Vers auch nicht um ein Stillsein aus innerer Trägheit, Gleichgültigkeit oder Lethargie. Hier spricht kein Phlegmatiker. Schon gar nicht geht es hier um meditative Passivität im Sinn fernöstlicher Yogapraktiken.

Wird uns hier ein Stillsein vor Augen geführt im Sinn äußerlicher Zufriedenheit? In einem anderen Psalm (131) betet David einmal: „Mein Herz ist nicht hochmütig, meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht mit Dingen um, die zu groß und zu wunderbar für mich sind… Ich habe meine Seele zur Ruhe gebracht und gestillt. Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie ein entwöhntes Kind ist meine Seele still in mir…“ Hier entsteht vor unseren Augen das Bild eines Babys, das bei seiner Mutter getrunken hat und nun satt und zufrieden ist. Es gibt entsprechende wohlgelaunte Gluckser von sich, und im Übrigen wartet es auf den nun bevorstehenden Schlaf.

In Psalm 62 tritt zu einem solchen Stillsein noch ein anderer Aspekt hinzu: Es ist ein Stillsein aufgrund einer tiefen Vertrauensbeziehung, die in Bewegung ist. Es ist ein Stillsein, in dem der vertrauende Beter auf Gott harrt. Vielleicht können wir es vergleichen mit einem Kind, das sich an seinen Vater schmiegt, weil Gefahr im Verzug ist. Was genau passiert, ist ihm nicht deutlich. Aber es weiß: Papa ist da. Das reicht.

Vertrauen auf den Herrn – ein Geschenk

Wenige Verse später lesen wir nahezu dieselbe Aussage wie in dem zuerst zitierten Vers. Es besteht jedoch ein kleiner, aber sehr feiner Unterschied. Anstatt des Bekenntnisses „Nur auf Gott wartet still meine Seele„, ist in Vers 6 eine Selbstermutigung zu lesen: „Nur auf Gott warte still, meine Seele!1 David ruft sich selbst auf zum Vertrauen auf Gott.

Müsste man nicht eigentlich die umgekehrte Reihenfolge erwarten? Hätte sich David nicht erst zum Vertrauen auf Gott aufrufen müssen, um im Anschluss daran, also wenn ihm das gelungen ist, sich entspannt zurückzulehnen und verlauten zu lassen: So, nun habe ich es geschafft! Meine Seele wartet nun nur noch still auf Gott!?

Aber so ist die Reihenfolge in diesem Psalm nicht. So verhält es sich auch nicht in unserem Leben. Vielleicht kann man sich das an dem Verhalten des Petrus klarmachen. Erst läuft dieser Mann spontan im Glauben seinem Herrn und Meister auf den stürmischen Wellen entgegen. Dann fällt ihm plötzlich ein, auf was für einem schwankenden Untergrund er sich bewegt. Er starrt in die Wogen und … sinkt.

Der Glaube ist nicht etwas, über das wir verfügen oder das wir aus uns heraus erzeugen können. Es ist überhaupt nicht so, dass ich den Glauben habe. Vielmehr hat der Glaube mich. Gerade dann, wenn man sich der Illusion hingibt, man habe Glauben, und anfängt seinen vorfindlichen Glauben zu analysieren, schaut man weg von dem, der der Anfänger und Vollender unseres Glaubens ist. Dann erblickt man sehr schnell nur noch den Sturm und die Wellen um sich herum.

Der Glaube ist ein Geschenk, er ist eine Gabe Gottes, die wir empfangen, indem wir von uns weg auf den Herrn blicken. Auf den Herrn zu blicken heißt nichts anderes als aus den uns in seinem Wort gegebenen Verheißungen zu leben.

Wer ist der Gegner?

Es wird uns nicht mitgeteilt, bei welcher Gelegenheit David diesen Psalm betete. Aber eines wird deutlich: David befindet sich im übertragenen Sinn mitten in einem tosenden Orkan: „Wie lange lauft ihr Sturm gegen einen Mann und wollt ihn zertrümmern, wie eine überhängende Wand, eine riesige Mauer? Sie planen nur, ihn von seiner Höhe hinabzustoßen. Sie haben Wohlgefallen an Lüge. Mit ihrem Mund segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.“ (Ps. 62,4.5).

Wenn man eine Antwort auf die Frage sucht, wer denn genau die Feinde sind, die sich hier vor David erheben, dann fällt bei diesem Psalm etwas auf, das bei sehr vielen Psalmen ebenfalls festzustellen ist: Darüber, wer genau die Gegner sind, werden wir im Unklaren gelassen.

Zur Illustration vielleicht ein Beispiel: Mitten in dem bekannten messianischen Leidenspsalm, Psalm 22, treffen wir reichlich unerwartet auf folgende Aussage: „Es umringen mich große Stiere, mächtige Stiere von Baschan umzingeln mich. Sie sperren ihr Maul gegen mich auf wie ein reißender und brüllender Löwe.“ (Ps. 22,13.14). Natürlich schildert David hier nicht einen Stierkampf.

Im Licht einer Aussage des Apostels Petrus, nach dem es der Teufel ist, der wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlingen kann (1Petr. 5,8), erahnen wir, an was für Mächte der Psalmsänger denkt, wenn er davon spricht, dass diese mächtigen Stiere ihre Mäuler wie gefräßige Löwen aufreißen.

Wenn hier vom „Sturm“ die Rede ist, der den Angefochtenen von seiner einsamen Höhe hinabfegen soll, dann hat David natürlich Menschen vor Augen, die ihn fertig machen wollen. Salopp könnte man formulieren: Sie wollen ihn absägen, ihn kaltstellen.

Aber seien wir vorsichtig, bei diesem Ansturm ausschließlich an Menschen zu denken. Derjenige, dem die Erkenntnis geschenkt ist, dass hinter den heimtückischen und niederträchtigen Anschlägen von Menschen der Teufel steckt, wird im Urteil über Menschen nachsichtig. Dann kann er nämlich in seinen menschlichen Widersachern nicht nur Täter sondern auch Opfer sehen. Und dann kann er für sie bitten.

Wenn er es dagegen ausblendet, dass hinter einer Intrige der Teufel steckt, wird es unwiderruflich so laufen, dass er Menschen als Teufel ansieht. Und für Teufel leistet man keine Fürbitte. Für Teufel gibt es nur Verdammnis.

Mit anderen Worten: Das Wissen darum, dass unser Kampf nicht gegen Blut und Fleisch ist, wird für eine gewisse Versöhnlichkeit im menschlichen Umgang sorgen.

Das macht uns nicht zu Traumtänzern. Vordergründig sind es natürlich Menschen, die gegen David anstürmen. Diese Menschen verfolgen einen Plan: „Sie beabsichtigen ihn von der Höhe hinabzustürzen…“ (Ps. 62,5a).

Lesen wir nicht zu schnell über diese Aussage hinweg. Gerade wenn wir angegriffen oder angefochten sind, meinen wir häufig uns in einem dunklen Tal zu befinden. Wir denken, dass wir in der Tiefe stecken.

Es ist aufschlussreich, dass die Feinde unsere Position völlig anders wahrnehmen. Sie sehen uns auf der „Höhe„. Dort wollen sie uns abschießen.

Wie diese Intriganten ihren Plan umsetzen wollen, wird uns angedeutet. Sie probieren es mit Lügen, die in freundlich gekleidete Worte verhüllt sind: „Sie haben Wohlgefallen an Lüge, mit ihrem Mund segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.“ (62,5b).

David sieht, was sie im Schilde führen. Er nimmt wahr, dass sich um ihn herum Unheil zusammenbraut. In dieser Situation ruft er gleichsam seine Seele zum Vertrauen auf Gott auf: „Nur auf Gott warte still, meine Seele!“ (62,6a). David weiß: Solche Angriffe kosten geistliche Energie. In solchen Auseinandersetzungen kann diese schnell aufgebraucht werden, so dass man sich dann selbst zu helfen sucht.

Aus diesem Grund ruft David sich selbst in Erinnerung, wer sein Halt und seine Zuflucht ist: „Denn von ihm kommt meine Hoffnung. Nur er ist mein Fels, mein Heil, meine sichere Burg. Ich werde nicht wanken… Auf Gott ruht mein Heil und meine Herrlichkeit…“ (62,6b-8). Gott würde niemals seinen auserwählten Knecht fallen lassen. Aber der Angefochtene wird sich genau dies in Erinnerung rufen: Wenn Gott mich nicht hält, werde ich keinen Moment standhalten.

Bei „Lügen„, die Menschen aussprechen, die „mit ihrem Mund zwar segnen, aber in ihrem Herzen fluchen„, werden wir nicht zuletzt auch raffiniert vorgetragene Predigten oder listige Seelsorgepraktiken im Auge haben müssen. Der Prophet Jeremia bezeichnet die falschen Propheten, die anstatt das hammerharte Wort Gottes zu verkündigen, ihre eigenen Träume und Ideen verbreiten, immer wieder schlicht als „Lügner“ (Jer. 7,4.8; 8,8; 9,3.5; 14,14; 23,25.26.32; 29,21). Gerade auf der Kanzel tritt Satan in der Maskerade eines Engels des Lichts auf.

Wie häufig hatte der Apostel Paulus gerade die Überfrömmigkeit oder die Scheinheiligkeit von falschen Lehrern ans Licht zu bringen. Denken wir an die superfrommen Gegner, mit denen sich Paulus im Galaterbrief auseinandersetzen musste, die die Beschneidung, das Herumschnippeln am Fleisch (im buchstäblichen und auch im übertragenen Sinn) mit „großem Eifer“ (Gal. 4,17) forderten und so der Gemeinde ein falsches Evangelium unterzujubeln versuchten (Gal. 3,3).

Wie viele gruppendynamische Tricksereien und Seelsorgemanipulationen verbergen sich heutzutage hinter Gemeindeaktivitäten. Da ist Wachsamkeit geboten! Ganz sicher ist es nicht der Gott der Wahrheit, der Prediger oder Seelsorger will, die uns davon abzubringen suchen, ganz und gar auf Gott zu warten. Biblische Wortverkündigung und rechte Seelsorge sind immer von der Botschaft getragen: „Seele, warte nur still auf Gott, denn von ihm kommt deine Rettung!“

Vertrauen nicht auf Menschen

Abgesehen von dem Wörtchen „nur“ fällt ein anderes kleines Wort auf, das in diesem Psalm immer wieder vorkommt. Es ist das Pronomen „mein“: meine Seele, meine Rettung, mein Fels, mein Heil, meine Burg, meine Hoffnung, meine Ehre, meine Zuflucht … Tatsächlich ist dieser Psalm ein sehr persönliches Bekenntnis. Aber dieses persönliche Bekenntnis hat andere Menschen im Blick. Plötzlich spricht David im Plural: „Gott ist unsere Zuflucht“ (62,9). Das private Bekenntnis wird zur Ermutigung für andere, die der Beter daran teilhaben lässt: „Vertraue auf ihn allezeit, o Volk“!

Das heißt: Auch wir sind gemeint, die wir vielleicht das alles hören, was David hier aufgeschrieben hat, und die es bisher an sich haben vorbeirieseln lassen. Gerade dann aber hätten wir das Zeugnis Davids nicht verstanden. Der inspirierte Psalmsänger besteht darauf: Es kommt nicht auf deine persönlichen Umstände an, in denen du dich gerade befindest. Es bleibt dabei: „Vertraue auf Gott allezeit!“

Grenzen in den menschlichen Beziehungen

Wenn wir eine Antwort auf die Frage suchen, warum David in der Gefahrensituation, die er zu Beginn des Psalms schildert, so oft das Wörtchen „nur“ wiederholt, dann fällt auf, dass hier das Warten auf Gott in einen Gegensatz gestellt wird zum Vertrauen auf Menschen.

Es wird also nicht allein gesagt, wem wir still vertrauen dürfen, sondern auch, auf wen wir besser unser Vertrauen nicht setzen sollen: „Nur ein Hauch sind die Menschenkinder, ein Trug die Herrensöhne. Auf der Waage steigen sie empor. Sie sind allesamt leichter als ein Hauch!“ (62,10).

Tatsächlich fällt auf, dass wir in den Psalmen, ja insgesamt im Wort Gottes, außerordentlich wenig auf unsere Brüder und Schwestern verwiesen werden, wenn wir in Schwierigkeiten sitzen und dann Hilfe benötigen. In der Regel ist in solchen Situationen Gott der Herr unsere erste Adresse.

Ich bitte nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um die Frage, was wir im Allgemeinen füreinander bedeuten können und auch sollen. Eine Gemeinde zu haben, ist für Christen unverzichtbar, nicht zuletzt um Liebe, Langmut und Geduld zu lernen und um einander zu dienen. Aber in Situationen, in denen wir angefeindet werden, wenn wir uns in scheinbar ausweglosen Engpässen oder Sackgassen befinden, werden wir bezeichnenderweise auf Gott verwiesen. Auf diese Weise werden uns auch die Grenzen menschlicher Beziehungen vor Augen geführt.

Es gibt Ehen, die sind so idealistisch entworfen, dass die beiden einander versprechen, sich alles zu sagen, jeden bösen Gedanken zu bekennen und alles, was ihre Beziehung auch nur stören könnte, auszusprechen. Aber mit solchen Verpflichtungen legen sich Verliebte eine untragbare große Last auf. Es wird nicht funktionieren!

Nach dem Sündenfall ist es uns nicht mehr möglich, uns vor dem anderen immer und allezeit offen zu geben. Wenn wir es uns vornehmen dies zu praktizieren, machen wir uns etwas vor oder lügen uns etwas in die Tasche.

Nach dem Sündenfall könnten wir es gar nicht verkraften, so zu leben. Es würde den anderen auch nur verstören, wenn wir ihm alles offenbaren würden. In unseren menschlichen Beziehungen werden wir es lernen müssen, einerseits wahrhaftig und aufrichtig zu sein und andererseits nicht unverhohlen alles auszuplappern.

Grenzen in der Seelsorge

Diese Spannung zeigt sich nicht zuletzt, wenn wir uns bemühen, dem anderen seelsorgerlich dienen zu wollen. Salomo sagt einmal so bezeichnend: „Das Herz kennt seinen Kummer (seine Not, seine Bitterkeit) allein!“ (Spr. 14,10).

Diese Aussage soll uns nicht in ein Einzelgängerdasein führen. Aber es macht uns auf unsere Ohnmacht aufmerksam, in die Not eines anderen wirklich hineinzukommen, um ihm substantiell helfen zu können. Vermutlich haben wir das alle schon einmal erleben müssen.

In der Heiligen Schrift gibt es dazu eine sehr anschauliche Begebenheit, die mit dem Namen Hanna verbunden ist. Es gab zwei Menschen, die für Hanna eine Hilfe hätten sein können. Zum einen war es ihr Ehemann, Elkana, und zum anderen Eli, der Priester, sozusagen der Seelsorger von Berufs wegen.

Das Problem Hannas war ihre Kinderlosigkeit. Angesichts dieser Not hatte sie mehrfach in Anwesenheit ihres Ehemannes geweint. Aber wirkliche Unterstützung fand sie bei Elkana nicht. Seine durchaus liebevoll gemeinten Worte waren für sie keine echte Hilfe. Er fragte sie: „Warum isst du nicht? Warum ist dein Herz so traurig? Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne?“ (1Sam. 1,8).

Wenn es Hanna lediglich um einen natürlichen Kinderwunsch gegangen wäre, hätte man Elkanas Besänftigungen sogar verstehen können. Tatsächlich ist es denkbar, dass kinderlose Ehepaare füreinander so viel bedeuten können, dass sie es bis zu einem gewissen Grad kompensieren, wenn im möglicherweise bereits eingerichteten Kinderzimmer die Wiege leer bleibt.

Aber Hannas Problem hatte eine ganz andere Dimension. Das erfahren wir aus ihrem Loblied (1Sam. 2,1-10). Es ging ihr keineswegs nur um persönliches Mutterglück angesichts der Sticheleien einer Penina. Vielmehr hatte sie das Reich Gottes im Blick. Ohne Nachwuchs, so wusste diese alttestamentliche Heilige, kann ich für den Fortgang des Reiches Gottes keinen Beitrag leisten. Für diese Dimension des Problems seiner Frau hatte Elkana offensichtlich keine Antenne. Folglich konnte er sie nicht wirklich erreichen.

Bezeichnenderweise gab sie ihrem Mann auf seine Frage nach ihrer Appetitlosigkeit keine Antwort. Sie eilte stattdessen zum Haus Gottes. Aber was ihr hier begegnete, musste für ihre Seele noch weitaus entsetzlicher, geradezu grausam gewesen sein. Eli, der Mann Gottes, beobachtete die Beterin aus der Distanz. Dann stellte er seine „Seelsorgediagnose“: Man habe es bei Hanna mit einer Trunkenen zu tun, also mit einer geistig Gestörten. Auf jeden Fall sei sie nicht voll zurechnungsfähig, vermutlich religiös-hysterisch überspannt. (vergleiche 1Sam. 1,14).

Es ist furchtbar, wenn ein Hirte etwas Derartiges gegenüber jemandem verlauten lässt, dessen Not und Kummer auf einer ganz anderen Ebene liegen. An dieser Reaktion wird übrigens sehr anschaulich, wie wenig wirkliches Gebetsleben es damals, am Ende der Richterzeit, selbst im Haus Gottes, gab. Sogar der Priester kannte ein Flehen vor Gott nicht mehr. Aber genau zu einem solchen Gebetsleben werden wir in unserem Psalm aufgerufen.

Wenn wir „unser Herz vor Gott ausschütten“ (62,9), so dass wir nur auf ihn still warten, weil bei keinem Menschen, sondern nur bei Gott die Rettung ist, dann haben wir diesen Vers verstanden. Dann werden wir gegenüber Menschen nicht leicht angreifbar. Dann können wir einiges einstecken.

Noch einmal: Es geht hier nicht darum, kleinzureden, dass wir auch in einer Gemeinde untereinander Hilfestellungen geben können und selbstverständlich auch sollen. Es ist gut, wenn heutige Seelsorger dabei besser abschneiden als Elkana oder gar als Eli und wahrhaftigen Trost bieten können (vergleiche 2Kor. 1,4-7). Aber das alles nimmt nicht weg, worauf uns dieser Psalm hinweisen möchte: Das Nur-auf-Gott-still-Warten, ist durch keine menschliche Beziehung zu ersetzen.

Christentum – Keine Sozialreligion

Gründe, warum Menschen heute aus der Gemeinde weggehen oder ihre Hand schon eine geraume Zeit gleichsam am Türgriff der Ausgangspforte haben, gibt es viele. Es gibt durchaus Gründe, die nachvollziehbar sind. Zum Beispiel, wenn im Gottesdienst nicht mehr das Evangelium verkündet wird, sondern nur noch religiöse Schaumschlägerei verbreitet wird. In solchen Fällen ist jeder Hauskreis, in dem man noch betet und die Bibel ernsthaft und intensiv liest, um daraus geistliche Nahrung zu empfangen, zigmal besser.

Manchmal bleiben Menschen aber deswegen der Gemeinde fern, weil sie erfahren mussten, dass sie in persönlichen Schwierigkeiten kaum Aufmerksamkeit bei anderen gefunden haben. Auch in solchen Fällen ist eine ernste Anfrage an die Gemeinde zu richten. Es ist beschämend, wenn jemand über seine Gemeinde in tiefer Niedergeschlagenheit sagen muss: Wenn du meine Gemeinde kennen würdest, würdest du schnell merken, dass wir im Blick auf die Beziehungen untereinander weit unter unseren Möglichkeiten bleiben …

Es ist schlimm, wenn ein Gemeindeglied klagen muss, wie einst David: „Da ist niemand, der nach mir fragt“ (Ps. 142,5). In einer solchen Situation hilft es vermutlich zunächst nicht viel, darauf hinzuweisen, dass genau dieser Psalm „gemeindlich“ endet: „Führe meine Seele aus dem Kerker, dass ich deinen Namen preise! Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, weil du mir wohlgetan hast.“ (Ps. 142,8).

Aber im Licht des „Nur“ von Psalm 62,2 sollten wir wieder einmal bedenken, dass Christsein keineswegs – nur – eine horizontale Blickrichtung hat.

Es liegt bereits einige Jahrzehnte zurück, in denen propagiert wurde, Gott zu lieben, heiße nichts anderes als den Nächsten zu lieben. Derartige flache Aufrufe zur Mitmenschlichkeit hört man heute kaum noch. Aber auch wenn man es nicht so formuliert: Wird nicht die Gemeinde heute immer mehr als Sozialveranstaltung inszeniert? Werden auf diese Weise nicht hohe Erwartungen geweckt, die niemals eingelöst werden können: „Komm in unsere Gemeinde, dann bist du nie mehr einsam, dann fühlst du dich immer wohl…“? Wenn diese Versprechen erfüllt werden könnten, wäre die Gemeinde eine Art Quasi-Gott.

Wenn Jugendliche von einer Freizeit wiederkommen und man sie fragt, wie es denn war, kann es sein, dass sie antworten: „Es war super!“ Häufig fügen sie hinzu: „Wir hatten eine prima Gemeinschaft!“

Natürlich ist das ein Grund, Gott dankbar zu sein. Aber achten wir bitte auch darauf, dass die Schwerpunkte nicht verschoben werden! Gemeinschaft ist nicht unser Heiland! Das Zentrale auch auf Jugendfreizeiten ist, sich „zu den Füßen des guten Hirten zu lagern und von seinen Worten zu empfangen“ (5Mos. 33,3b).

Als der Apostel Paulus der Gemeinde von Korinth berichtet, welche und wie viele Aktivitäten die Gemeinden Mazedoniens in Angriff nahmen, schreibt der Apostel: „Sie gaben sich zuerst [!] dem Herrn hin und danach uns“ (2Kor. 8,5). Bezeichnenderweise fügt er hinzu: „durch den Willen Gottes.“ Aktivitäten im Reich Gottes, die nicht zuerst auf den Herrn ausgerichtet sind, werden in einem sinnlosen Aktionismus verdampfen.

Wenn jeder Einzelne es wieder lernt, zuerst das Angesicht Gottes zu suchen – früher nannte man das „Stille Zeit“, in der man seine Bibel liest und zu Gott betet – wird man auch wieder in der Lage sein, den Bruder oder die Schwester zu ermuntern, das Vertrauen auf Gott zu setzen. Gerade dann wird man dem anderen auf eine gute, entspannte Weise zur Verfügung stehen können, und unsere Gemeinden werden vor zu hohen Erwartungen an das Miteinander entlastet.

Eine Gemeinde, die als Sozial(heils)veranstaltung konzipiert ist, wird in einer gigantischen Enttäuschung enden.

Sind wir dazu geistlich in der Lage?

Der Grund, warum David nicht auf Menschen, sondern „nur auf Gott still wartet„, liegt nicht nur daran, dass wir totale Offenheit voreinander gar nicht verkraften können. Es liegt auch nicht nur an unserer Unfähigkeit, den Kummer eines anderen wirklich zu erfassen. Es gibt vielfach einen weiteren Grund: Wir sind geistlich kaum in der Lage, um unserem Nächsten zu dienen. Anders formuliert: Wir stehen alle in der Gefahr, Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, zu missbrauchen, zum Beispiel indem wir es im geeigneten Augenblick gegen den anderen ausspielen.

Das musste Simson erfahren, als er Delila seine tiefsten geistlichen Quellen offenlegte und wenig später von dieser Frau eiskalt hereingelegt wurde. Zu diesem Beispiel kann man einwenden, hier liege eine extreme Ausnahmesituation vor, die man nicht verallgemeinern dürfe. Das stimmt! Gott sei Dank sind solche teuflischen Hinterhältigkeiten nicht die Regel.

Aber auch der Prophet Micha spricht eine Warnung aus, die zu überhören naiv wäre: „Verlasst euch nicht auf den Nächsten, vertraut dem Verwandten nicht; bewahre die Pforte deines Mundes vor der, die in deinen Armen liegt! Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter lehnt sich auf gegen die Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter; die Feinde des Menschen sind seine eigenen Hausgenossen.“ (Mi. 7,5.6). Dieses Wort ist innerhalb des Volkes Gottes gesagt.

Es geht bei dieser Aussage nicht darum, Argwohn bis in die engsten Familienbeziehungen zu streuen. Aber es ist eine Warnung, die der Prophet angesichts des im Abfall begriffenen Volkes Gottes weitergibt. Doch dabei bleibt der Prophet nicht stehen. Er fährt fort und weist damit auf den, der uns zutiefst kennt und uns nie im Stich lässt: „Ich aber will nach dem Herrn ausschauen, will harren auf den Gott meines Heils, mein Gott wird mich erhören.“ (Mi. 7,7).

Wir müssen wieder lernen, es als einen Vorteil anzusehen, dass wir vor Gott unser Herz ausschütten dürfen, dass wir einen lebendigen Herrn haben, der immer Sprechstunde hat, so dass unsere Seele „nur“ auf Gott still warten kann!

Welch ein Vorzug ist das gegenüber denjenigen, die diesen Weg nicht haben und dann innerlich verstummen müssen, bis sie die Wartezimmer der Psychiater füllen. Es wäre dumm für Glaubende, wenn sie dieses Privileg nicht nutzen würden: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, er sorgt für euch!“ (1Petr. 5,7). Lassen Sie uns doch damit anfangen!

Wenn wir dann unsere Sorgen auf den Herrn werfen, werden wir dies nicht in einer vorlauten, respektlosen Weise tun, sondern stets in dem Wissen, mit wem wir sprechen. Wir werden unsere Anliegen vor Gott vorbringen, so wie es der Apostel Paulus verlangt, „mit Danksagung“ (Phil. 4,6), das heißt in der Glaubensgewissheit, dass dieser Gott alles besser weiß, als ich es selbst weiß.

Das kann durchaus einmal konkret heißen, dass wir uns vor Gott beim Ausschütten unseres Herzens selbst ins Wort fallen müssen. Es kann dann sein, dass wir uns sagen hören: „Ich weiß, Herr, dass ich jetzt mit meinem Klagen übertreibe. Es gibt noch so viele Dinge in meinem Leben, die gut laufen. Ich bin ein undankbarer Kauz …“ Aber lassen sie uns anfangen, „nur still auf den Herrn zu warten“, weil bei ihm unsere Rettung ist!

Habsucht ist Götzendienst

Das Bekenntnis, „nur auf Gott still zu warten“ enthält nicht nur die Warnung davor, Menschen, die „ein Hauch sind“ (62,10) als Retterfiguren zu betrachten. Ausdrücklich warnt der Psalmsänger auch davor, auf das eigene Vermögen zu vertrauen: „Hängt euer Herz nicht an Reichtum!“ (Ps. 62,11).

Gerade dann, wenn jemand in seinem Leben erfahren musste, dass ihm andere Menschen selten eine wirkliche Hilfe sind, ist er versucht, es im Alleingang zu schaffen, zum Beispiel indem er sich hinter einem dicken Bankkonto verschanzt. Aber Habsucht ist Götzendienst! (Kol. 3,5; Eph. 5,5). Sie wird in diesem Psalm ebenfalls als Objekt des Vertrauens zerschlagen. Bezeichnenderweise nennt David die Hoffnung auf das eigene Vermögen „trügerisch“ (62,11). In Zeiten der Eurokrise, also jetzt, ist es nicht schwer zu erfassen, wie wankend das Ersparte oder die Lebensversicherung für das Alter ist.

Die Macht steht bei Gott

Am Schluss kommt der Psalmsänger noch einmal auf das Stillsein vor Gott zurück, indem uns konkret gezeigt wird, was es heißt, vor Gott still zu sein. Wir stellen fest: Es geht hier nicht um ein mystisches Stillwerden, sondern es geht um Stillsein, das im Hören auf das besteht, was Gott sagt: „Einmal hat Gott geredet, zweifach ist, was ich gehört habe: Die Macht steht bei Gott.“ (Ps. 62,12).

Bei diesem Vers könnten wir vorlaut dazwischenrufen: Es ist doch gar nicht wahr, dass Gott es einmal gesagt hat! Wir finden doch nahezu auf jeder Seite der Bibel die Aussage, dass die Macht bei Gott steht!

Ja, das ist richtig! Tatsächlich bezeugt das Wort Gottes diese Wahrheit zigmal. Aber die Absicht dieser Aussage ist: Wenn Gott es einmal gesagt hat, dann höre nicht mit einem halben Ohr hin. Höre auch nicht mit nur einem Ohr zu, sondern mit beiden Ohren oder so wie es David formuliert: „Was ich gehört habe, ist zweifach.“ Auf dem Weg von Gottes Mund zu uns wird das Wort gewissermaßen verdoppelt, denn wir haben zwei Ohren. Es ist das Werk des Heiligen Geistes, dass wir hören, dass wir so eindringlich hören können, dass wir es nicht vergessen: „Die Macht steht bei Gott!“ (Ps. 62,12).

Es ist Gnade

Es wäre ein verhängnisvolles Missverständnis, wenn wir das Bekenntnis Davids „Nur auf Gott wartet still meine Seele, von ihm kommt meine Rettung“ so deuten würden, als wären wir hier in einer Zeugnisversammlung, in der sich ein „Glaubensheld“ selbst produziert. Nein! David weiß, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Die Macht steht nicht bei mir, sie steht bei Gott! Nur Gott ist das Fundament meines Stillseins und meines Vertrauens!

Folglich brauchen wir auch nicht neidisch auf David zu blicken oder diesen Psalm mit der Bemerkung abzutun: Schön für ihn, dass er das mit dem Warten auf Gott geschafft hat. Ich bekomme das nicht hin!

Hören wir genau hin: „Die Macht steht bei Gott!“ Sie steht bei dem, der das alles – auch für dich – wahrmachen will. Deswegen ist im letzten Vers von der „Gnade“ die Rede, „die bei dem Herrn ist„.

Es ist auch davon die Rede, dass Gott einem jeden „nach seinem Tun vergilt“ (62,13). Die Sache mit dem „Tun“ kann bedrohlich erscheinen: Wer erschrickt nicht, wenn er nur daran erinnert wird, dass der Herr kommt und bei ihm dann die Vergeltung ist! (2Kor. 5,10.11).

Was ist das für ein Tun, nach dem der Herr uns vergelten wird? Als der Sohn Gottes einmal gefragt wurde, was man denn für Werke Gottes tun solle, erwiderte der Herr: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ (Joh. 6,29).

Im ersten Augenblick scheint dies überhaupt nicht eine Antwort auf die gestellte Frage zu sein. Aber wenn wir einmal darüber nachsinnen, dann kann es sein, dass wir erfassen, was der Herr damit sagt: Unser – scheinbares – Tun ist das Werk Gottes. Es besteht darin, an Christus zu glauben.

Der Apostel Paulus formuliert es entsprechend: „Wir sind Gottes Schöpfung. Wir sind in Christus Jesus zu guten Werken erschaffen, damit wir in ihnen wandeln sollen.“ (Eph. 2,10).

Dieser ganze Psalm spornt uns an, unser Vertrauen weder auf Menschen zu setzen, die nur ein „Hauch“ sind, noch auf materielles Gut, das „trügerisch“ ist, sondern „nur“ auf ihn: „Nur auf Gott vertraut still meine Seele.“ Meine und deine Seele auch?


1) Leider wurde dieser Unterschied in der Schlachter 2000-Übersetzung nicht beachtet.

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