Eine religionslose Zeit?

Bonhoeffers Prognose einer religionslosen Zeit und sein Vorschlag zu einer nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe

1973 behauptete die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dietrich Bonhoeffer habe sich in seiner Prognose einer zukünftigen religionslosen Zeit geirrt. Tatsächlich ist Bonhoeffer (19061945) umstritten. Er war lutherischer
Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche während der Herrschaft des Nationalsozialismus und Teilnehmer am deutschen Widerstand gegen Hitler. Für eine große Zahl moderner Interpreten gilt er als Vertreter einer säkularen Theologie, die die Existenz eines persönlichen, transzendenten Gottes nicht wahrhaben will. Die Basis für diese Deutung findet man in Bonhoeffers Prognose, es stehe eine religionslose Zeit bevor. Die Menschen seien nicht mehr in der Lage, religiös zu sein. Um ihnen entgegenzukommen habe Bonhoeffer eine nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe angestrebt.

Diese Fehlinterpretation von Bonhoeffers theologischen Überlegungen hatte verheerende Folgen zum Beispiel für die Evangelische Kirche in Deutschland. Ähnlich verheerende Folgen für die Kirche hatte bereits die absichtliche oder unabsichtliche Fehlinterpretation der Gnadenlehre Luthers, die Bonhoeffer in seinem Buch Nachfolge aufdeckte.

Konzentrieren wir uns hier auf das Thema der „religionslosen Zeit“, wie Bonhoeffer sie erwartete.

Theologisch-systematische Kritik

Bonhoeffers Prognose einer religionslosen Zeit dürfen wir nicht historisch-phänomenologisch verstehen, sondern müssen sie theologisch-systematisch begreifen. Bonhoeffer war nämlich nie der Ansicht, es komme eine Zeit, in der Gott und Religion überhaupt keine Rolle spielen würden. Die gegenwärtige Zeit führt uns geradezu einen Aufbruch zahlreicher Religionen, religiöser Zeitströmungen sowie religiöser Gefühle vor Augen. Bonhoeffer verfolgte nicht die Absicht, die Zukunft auf eine phänomenologische Weise zu deuten, so als sei es ihm möglich, soziologische Gründe für eine religionslose Zukunft anzugeben.

Seine Behauptung, wir gingen einer religionslosen Zeit entgegen, muss als Kritik am religiösen Menschen verstanden werden. Bonhoeffer beschreibt nicht bestimmte Phänomene, sondern er übt Kritik an der Interpretation des Begriffes „Religion“.

Unter Religion versteht er die Suche des Menschen nach Gott. Im Gegensatz dazu steht der Weg von Gott zum Menschen, die biblische Offenbarung Gottes. Religion, die nicht der biblischen Offenbarung entspringt, ist falsche Religion. Sie kann im Grunde gar nicht als Religion bezeichnet werden.

Wenn wir die Richtigkeit dieser Kritik Bonhoeffers anerkennen, werden wir die oben erwähnte Behauptung der Evangelischen Kirche in Deutschland als falsch bezeichnen müssen. Heutzutage gibt es zwar viele Religionen und viel Religiosität. Aber das alles sind nur vermeintliche Wege des Menschen zu Gott, in denen die biblische Offenbarung verfälscht oder abgelehnt wird.

Mündig gewordene Welt

Ferner hat Bonhoeffer bei seiner Prognose einer religionslosen Zeit die Autonomie des Menschen im Auge. Bonhoeffer analysiert die geistige Entwicklung des Menschen seit dem 13. Jahrhundert. Er versteht sie als eine Entwicklung zur Mündigkeit. Im 18. Jahrhundert wurde dieser Prozess von Immanuel Kant mit dem Begriff „Aufklärung“ gekennzeichnet. Aufklärung verstand er als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Es geht Bonhoeffer darum, diese Entwicklung zu bejahen. Er ist der Überzeugung, man dürfe die Welt nicht religiöser machen als sie ist. Hier steht er im Gegensatz zu D.F. Schleiermacher (1768-1834), der den Begriff der „Religion“ in seiner Theorie des schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühls verankerte.

Bonhoeffer stellte diesem Verständnis von Religion die biblische Offenbarung gegenüber. Im Licht der Heiligen Schrift ist der Mensch nicht religiös. Besser gesagt: Er ist religiös, lehnt aber die Offenbarung Gottes in Christus ab. Auf keinen Fall sollte man die Welt religiöser machen als sie ist. Keineswegs haben alle Menschen ein „schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl“, von dem Schleiermacher sprach.

Wesentlich für Bonhoeffers Analyse der geistigen Situation des Menschen ist seine Feststellung: Der Mensch ist autonom. Das gilt sogar für den religiösen Menschen, der sich seine eigene Religion ohne die Erkenntnis der biblischen Offenbarung macht.

Dieser theologischen Diagnose wird man heutzutage nicht widersprechen können. Wir leben mitten in einer Welt, in der unzählige Formen unbiblischer Religiosität anzutreffen sind. Man ist religiös, insofern man sich aus einer Mischung vieler Religionen und spirituellen sowie esoterischen Angeboten eine eigene Religiosität zusammenbastelt („Patchwork-Religion“). Gleichzeitig erklärt man sich für mündig, weil man im Grunde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus und seine Offenbarung nicht für nötig erachtet. Um diesen Sachverhalt zum Ausdruck zu bringen, konfrontiert Bonhoeffer „Religion“ mit der „biblischen Offenbarung“. Er diagnostiziert die Zukunft als eine in diesem Sinn religionslose Zeit. Wie konsistent Bonhoeffer die Begriffe „Religion“ und „Offenbarung“ in seiner Theologie verwendet, lassen wir hier offen.

Nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe

Drittens gehen wir (kurz) auf Bonhoeffers Vorschlag einer nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe ein. Zuerst müssen wir uns über die Voraussetzung Bonhoeffers im Klaren sein: Im Rahmen einer nichtreligiösen Interpretation meint er mit dem Begriff „Religion“ alles menschliche, nichtbiblische Streben nach Gott oder nach Spiritualität. Bei Religion denkt er an eine Haltung, die sich nicht an der biblischen Offenbarung orientiert. Daher gibt es für Bonhoeffer keinen Unterschied zwischen Religion und Weltlichkeit. Er lehnt auch die Unterscheidung zwischen religiösen und nichtreligiösen Menschen ab. Denn in seiner vermeintlichen Autonomie benötigt weder der religiöse noch der nichtreligiöse Mensch Gott und seine Offenbarung. Bonhoeffers theologisch-systematische Kritik richtet sich auf die gesamte Menschheit, die ohne Christus lebt. Von daher ist es verständlich, dass Bonhoeffer nicht den Begriff „Weltlichkeit“, sondern „Christuswirklichkeit“ als Alternative zur Religion verwendet: Obwohl die Welt dies nicht wahrhaben will, gehört die ganze Welt Christus.

Bonhoeffer weist eine Zweiteilung zwischen Welt und Kirche insofern zurück, als sowohl die Kirche als auch die Welt allein in und durch die Wirklichkeit Christi existieren: Beide finden in Christus ihren ontologischen Grund.

Das heißt jedoch nicht, dass es keinen geistlichen Unterschied zwischen Kirche und Welt gibt. Gerade Bonhoeffer hat zur Zeit des Nationalsozialismus die offene Feindseligkeit der religiösen Welt gegenüber Christus am eigenen Leib erfahren. Weil jedoch alles, sowohl die Kirche als auch die Welt, einzig und allein in und durch Christus existieren, gehört unsere ganze geschöpfliche Wirklichkeit Christus. Bonhoeffer erklärt diese Christuswirklichkeit als Reich Gottes und als Königsherrschaft Christi. Allen Menschen, sowohl den religiösen als auch den nichtreligiösen, den christlichen und den unchristlichen, ja sogar den antichristlichen, muss die alleinige Königsherrschaft Christi verkündet werden.

In diesem Sinn sucht Bonhoeffer eine nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe. Er meint nicht einen modernen Ersatz biblischer Begriffe, sondern eine Interpretation der biblischen Begriffe im Sinne der alleinigen Königsherrschaft Christi, die alle menschliche Religion und Religiosität unter die Kritik der Selbstoffenbarung Gottes stellt. Gleichgültig ob sich der mündige Mensch als religiös oder als nichtreligiös versteht: Er kann sich dieser Christuswirklichkeit nicht entziehen. Diese Christuswirklichkeit beschränkt sich nicht nur auf ein Teil seines Lebens oder nur auf die Kirche. Gott ist auch kein Notnagel, den man nur in Krisensituationen um Hilfe bittet. Er hat einen Rechtsanspruch auf unser ganzes Leben. Eine nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe findet sein Zentrum in diesem Rechtsanspruch der alleinigen Herrschaft Christi. Alle wahre Religion findet ihren Ursprung in der Offenbarung Gottes in Christus. Das heißt: Nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe ist christologische Interpretation. Sie verkündet: Christus ist der Herr.

Bonhoeffers Bedeutung

Bonhoeffer ist sicher kein Vertreter einer bibeltreuen reformatorischen Theologie. Leider hat seine liberale Ausbildung Spuren hinterlassen. Trotzdem spricht Bonhoeffer von Christus und von seiner Offenbarung. Wenn wir nach Bonhoeffers Bedeutung fragen, können wir Folgendes festhalten:

Erstens ist es uns, genau wie Bonhoeffer, aufgetragen, den heutigen Menschen unter die Kritik der biblischen Offenbarung zu bringen. Ähnlich wie Paulus können wir sagen: „Ich sehe, dass ihr in allem die Götter sehr verehrt.“ (Apg. 17,22). Mit dem Apostel sagen wir jedoch genauso: „Nun hat zwar Gott über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen, jetzt aber gebietet er allen Menschen überall, Buße zu tun, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und den er für alle beglaubigte, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat.“ (Apg. 17,30.31).

Eine Religion, die wir uns selbst zusammenbasteln, wird schlussendlich von Christus gerichtet. Denn sie entspringt nicht der Offenbarung Gottes in Christus. Nehmen wir also die Kritik Bonhoeffers ernst und beurteilen wir die gegenwärtige Religiosität nicht zu positiv. Im Grunde ist sie eine Frömmigkeit ohne Gott und ohne Christus. Sie ist überhaupt keine Religion, sondern sündhafte menschliche Phantasie. Gerade aus diesem Blickwinkel spricht Bonhoeffer von einer religionslosen Zeit. Im Licht der Offenbarung Gottes müssen wir diese Religion ohne Wenn und Aber als Abgötterei bezeichnen.

Zweitens sollten wir keine Anknüpfungspunkte in einer menschlichen, ja sündhaften Religiosität suchen, um von dort aus den Menschen einen Weg zur biblischen Offenbarung finden zu lassen. Vielmehr haben wir den Menschen die Offenbarung Gottes in Christus ganz schlicht zu verkünden, auch wenn wir dadurch dem Spott und der Gleichgültigkeit der Welt ausgesetzt sind. Die Apostelgeschichte berichtet: „Die einen begannen zu spotten; die anderen aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören!“ (Apg. 17,32). Wir sollten uns stets darüber im Klaren sein, dass das Evangelium Christi, das dem Menschen zum Heil ist, „nicht menschlicher Art entspricht und auch nicht von Menschen stammt“ (vergleiche Gal. 1,11). Nicht menschliche Erfahrung oder menschliche Religiosität, sondern das Wort Gottes hat der Ausgangspunkt rechter Verkündigung zu sein.

Drittens haben wir den Menschen klarzumachen, dass ihr Leben Christus gehört, obwohl sie dies nicht wahrhaben wollen. Christus hat einen Rechtsanspruch auf ihr Leben. Dieser Rechtsanspruch ist allein ihrer Seligkeit dienlich. Nur in der alleinigen Königsherrschaft Christi finden sie ihre Seligkeit. Wir dürfen Gott nicht irgendeinen Winkel unseres Lebens zuweisen. Gott ist auch nicht nur ein Helfer in Zeiten der Not. Die ganze Wirklichkeit unseres Lebens, ja dieser Welt gehört Christus. Auch das vernehmen wir von Paulus: „Und er hat aus einem [Menschen-] Blut jedes Volk der Menschheit gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen. Und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.“ (Apg. 17,26.27).

Wie Gott sich finden lässt und wie er nicht ferne von uns ist, lesen wir in Römer 10,8.9: „Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet„.


Zu dem Artikel wurden verwendet an Primärliteratur: Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW): DBW 4 (N) Nachfolge (1937), M. Kuske und I. Tödt [Hrsg.] Gütersloh 2002; DBW 8 (WE) Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. C. Gremmels; E. Bethge; R. Bethge [Hrsg.], Gütersloh 1998; DBW 6 (E) Ethik (1940-1943), I. Tödt, H.E; Tödt, E. Feil; C. Green [Hrsg.] Gütersloh 1998. Sekundärliteratur: R. Mayer & P. Zimmerling, Dietrich Bonhoeffer heute: Die Aktualität seines Lebens und Werkes. Giessen [Brunnen] 1992.
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