Die alles überragende Macht und Herrlichkeit unseres Retter–Gottes

Wortverkündigung zu Psalm 113

Der Psalm, unter den wir uns stellen, gehört zu den Lobliedern, die an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten erinnern. Er wurde unter anderem beim Passahfest gesungen. Häufig sang man die Psalmen 113 und 114 vor dem Essen des Passahlammes, während die Psalmen 115 bis 118 im Anschluss daran rezitiert wurden.

Der Psalm 113 gliedert sich in drei Abschnitte: Zu Beginn fordert der Psalmist die Diener Gottes auf, Gott zu loben (Ps. 113,1-3). Im Mittelteil rühmt er die überragende Macht und Herrlichkeit Gottes (Ps. 113,4.6). Im Schlussteil bekennt er die barmherzige Liebe und Gnade Gottes (Ps. 113,7-9). Wir achten zunächst auf den Mittelteil, wenn man so will auf das Zentrum, dessen Inhalt wir folgendermaßen zusammenfassen:

Die alles überragende Macht und Herrlichkeit unseres Retter–Gottes ist in vollkommener Weise offenbart

In diesen Versen jubelt der uns unbekannte Psalmist angesichts der überlegenen Herrlichkeit Gottes. Gott wirkt in seiner überwältigenden Souveränität und in seiner unwiderstehlichen Macht und Freiheit alles so, wie es ihm gefällt. Dass Gott nicht ein Teil der Welt ist, sondern über ihr steht, wird häufig mit dem Begriff „Transzendenz“ bezeichnet. Was das bedeutet, entfaltet der Psalmist in diesen Versen.

Zunächst bezeugt er: Gott ist Herrscher über alle Völker! Er ist über alle Völker erhaben! Gott wird uns als der himmlische Regent offenbart, als der, der die Oberherrschaft ausübt: Er lenkt die Völkergeschicke.

Diese Aussage begegnet uns auch an anderen Stellen der Heiligen Schrift. Zum Beispiel: „Der Herr hat seinen Thron im Himmel errichtet, er herrscht als König über alle Welt.“ (Ps. 103,19). Joschafat, der König von Juda, betet: „Herr, du Gott unserer Vorfahren! Du bist der Gott im Himmel, du bist der Herrscher über alle Reiche der Welt. Bei dir ist die Kraft und Macht, so dass niemand es mit dir aufnehmen kann!“ (2Chr. 20,6). David bekennt gegen Ende seiner Regierungszeit: „Dir, Herr, gehören Größe und Kraft, Ehre und Hoheit und Pracht! Alles im Himmel und auf der Erde ist dein Eigentum; dir gehört alle Herrschaft, du bist hoch erhoben als Haupt über alles! Du teilst Reichtum und Ansehen aus und gibst Kraft und Stärke dem, den du groß und mächtig machen willst.“ (1Chr. 29,11.12).

Denken wir auch an die Schriften der Propheten. Unermüdlich verkündigen sie, dass Gott der Herr sich die Völker vorknöpft. Er warnt sie: Ich setze euch ab! Ich entziehe euch eure Herrschaft! Zum Beispiel verkündet Daniel: „Gott verändert das Bestehende und gibt allem seine Frist. Er setzt Könige ab und setzt Könige ein.“ (Dan. 2,21). Auch im Neuen Testament ist diese Wahrheit bestätigt. Denken wir an die Aussage des Paulus: „Alle staatliche Gewalt ist von Gott verordnet.“ (Röm. 13,1). Sie ist also von ihm eingesetzt. Gott hält das Zepter in seiner Hand. Er lenkt den Weltenlauf. Nichts und niemand kann sich seinem Regiment entziehen.

Weiter bezeugt der Psalmist: „Gottes Herrlichkeit überstrahlt den Himmel.“ In Vers 5 fügt er hinzu: „Er ist es, der im höchsten Himmel thront.“ Gottes souveräne Herrschaft ist also nicht auf die Erde beschränkt. Seine überragende Kraft und Herrlichkeit erstreckt sich auch auf den Himmel. Der Begriff „Herrlichkeit“ meint in der Heiligen Schrift das, was einer Person Gewicht, Ansehen oder Autorität verleiht. Wir können hier an Macht, Würde, Reichtum und Pracht denken. Gelegentlich ist auch der Ruf gemeint, den jemand genießt, die Ehre und die Verehrung sowie sein Ruhm. In diesem Sinn spricht Josef von seiner Herrlichkeit in Ägypten. Und er meint damit offensichtlich die Ehre, die ihm zuteil geworden ist (1Mos. 45,13).

Entsprechend bezeichnet der Ausdruck „Herrlichkeit Gottes“ die Hoheit Gottes, seine Macht, seine Majestät, seinen Ruhm, sein Ansehen. Es geht um die Begleiterscheinungen, die mit den Offenbarungen Gottes einhergehen. Denken wir zum Beispiel an seinen überirdischen Lichtglanz, an die Erscheinungen von Feuer und Wolkendunkel. Dort wo Gott sich offenbart, wird immer seine Herrlichkeit kund.

Gottes Herrlichkeit überstrahlt den Himmel.“ Das heißt: Gottes Macht, sein Ansehen, seine Herrschaft beschränkt sich nicht auf die Erde. Sie erstreckt sich auch auf die unsichtbare Welt. Auch dort regiert Gott. Auch im Himmel setzt nichts und niemand der souveränen Macht Gottes eine Grenze. Bereits Mose erinnert Israel daran: „Begreift heute und nehmt es zu Herzen, dass der Herr allein Gott ist im Himmel und auf der Erde und es außer ihm keinen Gott gibt.“ Oder denken wir an die Visionen der alttestamentlichen Propheten, wie zum Beispiel an die Visionen Michas (1Kön. 22,19ff) oder Jesajas (Jes. 6). Nicht zuletzt können wir auch an die dem Johannes gegebene Offenbarung denken, also an das letzte Bibelbuch. Überall vernehmen wir dieselbe Botschaft: Der Herr regiert im Himmel kraft seiner alles überragenden Herrlichkeit.

Dieser Gott, der im höchsten Himmel thront, schaut auch in die tiefsten Tiefen (Ps. 113,6). Gott durchdringt also sämtliche Wirklichkeitsbereiche gleichermaßen, das Irdische sowie das Himmlische.

Dabei stellt der Psalmist die herausfordernde Frage: „Wer im Himmel oder auf der Erde gleicht dem Herrn, unserem Gott?“ (Ps. 113,5). Die Antwort ist von vornherein klar: Niemand! Niemand ist in der Lage, es mit Gott aufzunehmen! Niemand kann einem Vergleich mit diesem erhabenen, über alle Maßen herrlichen Gott standhalten.

Die Frage des Psalmisten erinnert an Jesaja 40. In diesem Kapitel stellt der Prophet seinem Volk ebenfalls die überragende Macht Gottes vor Augen, seine alles bestimmende Souveränität und Kraft. Der heilige Gott stellt die Frage: „Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Wer kann es mit mir aufnehmen? Blickt doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Er lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln beim Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.“ (Jes. 40,25.26). Die Antwort lautet ebenfalls: Niemand! Niemand ist in der Lage, es mit diesem gewaltigen Gott aufzunehmen!

Weiter wird uns Gott in diesem Psalm vorgestellt als der in seiner Göttlichkeit Erhabene, der mit Herrschergewalt umkleidet ist. Ihm, dem Allerhöchsten, kann niemand wehren. Seinen Rat kann niemand außer Kraft setzen, und seine Absichten vermag niemand zu durchkreuzen. In Psalm 115,3 bekennt der Psalmist diese Wahrheit mit folgenden Worten: „Unser Gott ist im Himmel. Er tut alles, was ihm wohlgefällt.“ Seiner Wirkkraft und seinem Willen sind keine Grenzen gesetzt! Das ist das biblische Zeugnis über unseren Gott! Einen anderen Gott gibt es nicht.

Hier mag sich jeder von uns fragen: Welchem Gott dienen wir? Welche Vorstellungen über Gott prägen uns? Glauben wir das, was die Heilige Schrift sagt? Oder jagen wir einem Phantom hinterher?

Es ist unverzichtbar, dass wir Gott in der rechten Weise erkennen. Denn darauf beruht unser Glaube! Glaube ich an einen machtlosen Gott, werde ich mich kaum im Gebet an ihn wenden. Vertraue ich einem Gott, der im menschlichen Willen seine Grenze findet, wird auch dies mein Verhalten prägen. Darum ist es so wichtig, Gott in der rechten Weise zu erkennen. Studieren wir dazu die Heilige Schrift!

Was ist die Konsequenz der Erkenntnis der Gottheit Gottes? Darauf antwortet der zweite Punkt der Predigt:

Die alles überragende Macht und Herrlichkeit unseres Retter–Gottes verlangt und bewirkt den beständigen Lobpreis seines Volkes

Diese Wahrheit wird uns in den ersten Versen des 113. Psalms verkündet. Die Antwort auf die Frage, wie sich die rechte Einsicht über Gott auswirkt, lautet: Die Erkenntnis der Macht und Herrlichkeit Gottes führt in die Anbetung mit nie enden wollendem, von Freude erfülltem Jubel.

Es ist nicht ganz klar, wen der Psalmist hier anspricht. Denkt er hier lediglich an die Priester und an die Leviten? Oder hat er das Volk als Ganzes im Blick? Eines aber ist deutlich: Der Herr ist zu loben. Loben meint so viel wie „bekennen“, „bejahen“.

Es geht besonders darum, dass der Name des Herrn gelobt wird. „Name“ steht hier austauschbar für Person. Der Name Gottes bezeugt seine Gegenwart und seine Macht, das heißt seine Herrlichkeit. Die Gegenwart dieses Herrn ist zu preisen, zu bekennen und zu bejahen.

Gottes Herrlichkeit und seine Macht kennt keine Grenzen. Entsprechend soll auch sein Lobpreis grenzenlos sein. Der Dichter ruft auf zum Lobpreis „von nun bis in Ewigkeit„. Der Lobpreis Gottes soll also niemals enden. In alle Ewigkeit soll er erschallen.

Nicht nur zeitlich, auch räumlich soll das Lob Gottes nicht beschränkt sein. Vielmehr ruft der Psalmist zu einem weltumspannenden Lobpreis Gottes auf: Gott soll gelobt werden, wo die Sonne aufgeht, und er soll dort verehrt und gerühmt werden, wo sie untergeht. Überall! Keine Region ist von dieser Aufforderung ausgenommen. Keine Gegend soll Gott dem Herrn das Lob vorenthalten! Alle Diener Gottes sollen den Herrn loben! Zu jeder Zeit und überall! Warum werden wir in diesem Psalm zu einem derart umfassenden Lob aufgerufen?

Der erste Grund ist: weil es in höchstem Maße angemessen ist, Gott zu preisen. Gott ist Gott. Wir sind seine Geschöpfe. Es geziemt sich für Geschöpfe, ihren Schöpfer zu preisen. Lob ist die adäquate Antwort der Schöpfung auf ihren Schöpfer.

Weiter ist das Lob Gottes angemessen, weil Gott so ist, wie er ist. Wer, wenn nicht der Gott, der so ist, wie er in den Versen 4 bis 6 bezeugt wird, soll gelobt werden? Es ist der Gott, der alles an Herrlichkeit und Macht weit überragt!

Schließlich ist das Gottloben deswegen zutiefst angemessen, weil es unserer Berufung entspricht.

Die Bibel lehrt, dass Gott mit seiner Heilsgeschichte einen festen Plan verfolgt. Das endgültige Ziel seines Weges ist seine Verherrlichung. Gottes Handeln ist letztlich darauf gerichtet, seine Herrlichkeit durchzusetzen und zu offenbaren.

Verstehen wir das bitte nicht falsch! Gott wollte und will uns retten. Aber uns zu retten war und ist nicht sein letztes Ziel. Das übergeordnete Ziel, dem der gesamte Heilsplan dient und dienen muss, ist seine Verherrlichung. Diese Wahrheit geht aus zahllosen Aussagen der Heiligen Schrift hervor.

Denken wir an die Schöpfung Gottes. Gott erschafft den Menschen nach seinem Bild. Er tut dies, damit jener seine Herrlichkeit widerspiegelt. Die Absicht Gottes besteht also darin, die Erde mit seiner eigenen Herrlichkeit zu erfüllen.

Erinnern wir uns an den Turmbau zu Babel. Die Menschen schlossen sich zusammen, um sich einen Namen zu machen. Sie suchten nicht den Namen ihres Schöpfers zu ehren, sondern wollten selbst herrlich werden. Damit stand ihr Verhalten im Gegensatz zur Absicht Gottes. Denn nach Gottes Willen soll die gesamte Schöpfung, namentlich der Mensch, Gott verherrlichen. Darum schritt Gott ein und beendete ihr Unterfangen.

Beim Auszug aus Ägypten sagte Gott der Herr zum Pharao: „Denn ich hätte schon längst meine Hand ausstrecken und dich und dein Volk mit der Pest schlagen können, dass du von der Erde vertilgt würdest, aber dazu habe ich dich erhalten, dass ich meine Kraft an dir erweise und mein Name verkündet werde in allen Ländern.“ (2Mos. 9,15.16).

Als während der Wüstenwanderung das Volk Israel immer wieder sündigte, geriet es damit in die Gefahr, von Gott vernichtet zu werden. Aber Gott hielt seinen Zorn zurück und begründete dies folgendermaßen: „Aber ich hielt mich zurück und verschonte sie um meiner selbst willen. Ich wollte nicht, dass mein Name bei den Völkern, vor deren Augen ich sie aus Ägypten herausgeführt hatte, in Verruf geriet.“ (Hes. 20,22).

Oder denken wir an die Wiederherstellung Israels nach der Babylonischen Gefangenschaft. Der Prophet Hesekiel prophezeit diese Wiederherstellung, indem er Gott zitiert: „Darum sollst Du zum Haus Israel sagen: So spricht Gott der Herr: Ich tue es nicht um euretwillen, ihr vom Hause Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr entheiligt habt unter den Heiden, wohin ihr auch gekommen seid.“ (Hes. 36,22).

Auch im Neuen Testament lesen wir, dass das oberste Ziel der Heilsgeschichte Gottes seine Verherrlichung ist. Christus verherrlichte Gott auf Erden: sowohl mit seinem Leben, mit seinem Dienst, als auch mit seinem Leiden, mit seinem Sterben. Im Hohenpriesterlichen Gebet beschreibt der Sohn Gottes seinen Dienst folgendermaßen: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden, in dem ich das Werk vollendet habe, das du mir gegeben hast, dass ich es tun soll.“ (Joh. 17,4).

Oder denken wir an die Aussage des Sohnes Gottes gegenüber den Juden: „Wer aus sich selbst redet, der sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.“ (Joh. 7,18). Christus suchte in seinem Dienst Gottes Ehre.

Das, was für den Sohn galt, gilt auch für seine Gemeinde. Auch sie ist berufen, Gott zu verherrlichen, ihn mit Wort und Tat zu preisen. Darauf weist Jesus in der Bergpredigt hin: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt. 5,16). Petrus schreibt: „Alles, was ihr tut, soll durch Jesus Christus zur Ehre Gottes geschehen.“ (1Petr. 4,11). Das heißt: Auch das Volk des Neuen Bundes ist zur Verherrlichung Gottes da. Dies ist ihr schlechthin übergeordnetes Ziel.

Kurzum: Das, wozu wir in Psalm 113,1-3 aufgerufen werden, ist der Grundtenor des gesamten Wortes Gottes. Der Katechismus des WestminsterBekenntnisses bringt dieses treffend auf den Punkt: „Des Menschen Hauptziel ist es, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu freuen.“ Es ist der überragenden Macht und Herrlichkeit Gottes angemessen, dass wir ihn mit Worten, Liedern, ja mit unserem gesamten Leben verherrlichen.

Aber wird uns damit nicht eine unangenehme, mühselige Pflicht aufgebürdet? Ist es nicht ein Grund zu stöhnen, weil wir unter dem Anspruch stehen, Gott verherrlichen zu sollen? Wenn wir so denken, dann haben wir noch nicht verstanden, dass das Loben Gottes aus der rechten Erkenntnis Gottes fließt: Wer Gott in seinem Wesen und in seiner Herrlichkeit erkannt hat, der kann nicht anders als ihn loben.

Denken wir an David. Nachdem Gott diesem Mann ein ewiges Königtum verheißen hatte, ging er in das Zelt des Herrn, setzte sich dort vor Gott den Herrn nieder und betete: „… Herr, du bist so hoch erhaben, denn dir ist niemand gleich. Alles, was wir je gehört haben, bestätigt: Es gibt keinen Gott außer dir.“ (2Sam. 7,22). Weil David etwas vom Wesen Gottes, von seiner Herrlichkeit, erkannt hatte, betete er Gott an und lobte ihn. Nathan musste nicht zu ihm sagen: Los, jetzt geh in das Haus Gottes und bedanke dich! Für David war dieser Gang keine Last, keine Bürde, sondern er ergab sich als Folge der Offenbarung Gottes des Herrn. Er war Ausdruck reiner Freude über Gott.

Oder denken wir an die Auseinandersetzung zwischen Elia und den Baalspriestern. Als Gott sich auf dem Berg Karmel offenbarte und Feuer vom Himmel fallen ließ, warf sich das Volk zu Boden und rief aus: „Der Herr allein ist Gott, der Herr allein ist Gott!“ (1Kön. 18,39). Auch hier hatte das Volk etwas vom Wesen Gottes erkannt. Die Menschen hatten einen Teil seiner Herrlichkeit erfasst, und es folgte als Reaktion Lobpreis. Elia musste sie nicht dazu drängen. Sie, die bis dahin die Baalsgötzen verehrt hatten, wandten sich unverzüglich an Gott und beteten ihn an.

Oder denken wir an Paulus. Vom hartnäckigsten Verfolger wurde er von einem Moment auf den anderen zu einem Anbeter Christi, und zwar in demselben Moment, in dem er die Herrlichkeit des Sohnes Gottes erkannt hatte.

Lob, wie der Psalmist hier fordert, ist keine Bürde, keine Last. Im Gegenteil: Es ist eine Lust, die aus der rechten Gotteserkenntnis entspringt. Wer Gott erkannt hat, so wie er in den Versen 4 bis 6 und auch in den Versen 7 bis 9 geschildert wird, kann nicht anders, als Gott zu loben.

Der Reformator Martin Luther sagt etwas Ähnliches in einer Predigt über Psalm 33,3: „Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn, alle Welt! Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, [also das Wesen Gottes so im Glauben erfasst hat], der kann es nicht lassen, der muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen.“

Für uns heißt das: Auch wir sind berufen, den dreieinigen Gott zu loben, Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligen Geist. Wir sollen etwas sein zu seiner Ehre und ihn verherrlichen. An einem solchen Lobpreis hat Gott der Herr Wohlgefallen. John Piper bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Der Gipfel des Glücks, das Gott empfindet, ist die Freude an den Echos seiner Vortrefflichkeit im Rühmen seines Volkes.“

Also lasst uns Gott rühmen! Beten wir ihn an! Singen wir ihm! Wer es bisher noch nicht getan hat, mache es sich zur Gewohnheit, ihn täglich im Gebet zu loben, ihn für sein Wesen zu preisen! Oder: Wer es bisher noch nicht getan hat, mache es sich zur Gewohnheit, ihm täglich Loblieder zu singen. Nehmt euer Gesangbuch zur Hand! Singt dem Herrn Psalmen, allein oder wenn möglich mit der Familie! Diesen Dienst, der in Wahrheit Freude ist, wollen wir gerne verrichten.

Was aber, wenn es uns keine Freude bereitet, Gott zu loben? Wenn wir die Aufforderung der Verse 1 bis 3 als Last und als Bürde empfinden? Und wenn dies bei uns nicht nur vorübergehend der Fall ist, sondern beständig?

Nach allem, was wir bisher gehört haben, liegt dann ganz offensichtlich ein Mangel an Erkenntnis Gottes vor. Um gegen diesen Mangel anzugehen, werden wir sein Wort, die Offenbarung Gottes, studieren. Wir werden die Bibel zur Hand nehmen und darin über Gott und sein Handeln in der Geschichte lesen. Mit zunehmender Erkenntnis Gottes wächst dann der Wunsch, Gott zu loben.

Gott ist herrlich. Seine Macht und seine Herrlichkeit überragen alles. Aber seine Überlegenheit heißt nicht, dass er fern ist, dass er abseits steht. Vielmehr ist er uns ganz nahe. Dies lesen wir in den letzten Versen des Psalms, die wir unter die Überschrift stellen:

Die alles überragende Macht und Herrlichkeit unseres Retter–Gottes nimmt sich unserer an und schenkt uns Erfüllung

Darüber handeln die Verse 7 bis 9. Während uns der Psalmist in den Versen 4 bis 6 Gott in seiner majestätischen Erhabenheit geschildert hat, in seiner Transzendenz, wird der Aufruf, Gott zu loben, noch dadurch gesteigert, dass er im Leben seines Volkes heilsam handelt: In seiner überragenden Macht wendet Gott sich seinem Volk zu, um es zu erlösen.

Genau dieses führen uns die Verse 7 bis 9 vor Augen. Gott holt den Armen aus seiner Not. Dem Hilflosen kommt er zu Hilfe. Er erhöht ihn und gibt ihm einen Ehrenplatz. Auch über die unfruchtbare Frau erbarmt Gott sich. Im alten Israel galt Kinderlosigkeit als Makel, zumal die Zukunft der betreffenden Frau unsicher war. Denken wir an Sara, an Rebekka, an Rahel, an Hanna, an die Schunamitin (2Kön. 4) oder im Neuen Testament an Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer. Gott der Herr nahm sich der Nöte dieser Frauen an.

Als der transzendente Gott wirkt er in dieser Welt, greift hinein in unsere Immanenz. Er wirkt für sein Volk, wendet sich ihm zu, nimmt teil an den Nöten seiner Erwählten. Das lesen wir auch an folgender Stelle: „So spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt und dessen Name ‚der Heilige‘ ist. In der Höhe und im Heiligtum wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gedemütigten Geistes ist, damit ich den Geist der Gedemütigten belebe und das Herz der Zerschlagenen erquicke“ (Jes. 57,15).

In Psalm 113,7-9 geht es um Menschen, die Mangel leiden. Es geht um Mangel an Hilfe. Es betrifft den Hilflosen. Wir hören von Mangel an Hab und Gut. Hier geht es um den Armen. Schließlich ist die Rede von Unfruchtbarkeit. Es ist der Mangel an Mutterglück. Angesichts all dieser Nöte wird uns Gott gezeigt als der, der diese Mängel ausfüllt.

Verstehen wir das nicht falsch! Hier wird nicht ein Wohlstandsevangelium propagiert. Es geht überhaupt nicht um das Befriedigen materieller Wünsche. Vielmehr geht es hier um Rettung aus dem Elend. Mit diesen Worten wird Gott für seine Errettung des Volkes aus Ägypten gepriesen.

In Ägypten waren die Israeliten elende, hilflose Sklaven. Aber der souveräne Herr hatte sie gerettet. In entsprechender Weise werden wir Gott für unsere Errettung in Christus danken. Wir waren völlig verloren, ja wir waren tot in unseren Sünden. Ganz und gar unfähig, zu Gott zu kommen!

Doch Gott der Herr hat sich in seinem Sohn uns zugewandt, uns in Gnaden in seine Gemeinde aufgenommen, uns gewissermaßen einen Ehrenplatz zugewiesen. Auf diese Weise hat er jeden Mangel unseres Lebens gestillt, und er will es auch weiterhin tun.

Wo suchen wir Erfüllung? Wo suche ich nach Erfüllung meines Lebens? Uns allen, aber besonders den Jüngeren unter uns, stellt sich diese Frage: Ihr steht am Anfang eures Lebens. Es mag sein, dass ihr euch fragt: Wo finde ich Erfüllung?

Begeht nicht den Fehler, den heute viele machen! Es war bereits der Fehler der Leute von Babel: Sie strebten danach, sich selbst einen Namen machen zu wollen (1Mos. 11,4). Lebt nicht zur Vermehrung eurer eigenen Herrlichkeit! Der Psalm macht eines deutlich: Gerade in der Verherrlichung des Namens dieses Gottes liegt Erfüllung. Oder anders gesagt: Verherrliche Gott den Herrn, und du findest ein erfülltes Leben. Ich zitiere noch einmal den Westminster Katechismus: „Es ist des Menschen Hauptziel, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu freuen.“ Gott gebe uns allen, dass dies unser Lebensziel ist.


1) Die Predigt wurde in der Bekennenden Evangelischen Gemeinde in Osnabrück gehalten. Bitte lesen Sie zunächst den Psalm in einer guten Übersetzung.