Wortverkündung: Johannes 6,44

„Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht!“

Johannes 6,44

Sagen wir es gleich vorweg: Dieses Wort kann nicht als Beitrag zur Bereicherung unserer Spaßgesellschaft dienen. Auch damals, als der Sohn Gottes dieses Wort am See Genezareth erklärte, verfolgte er mit diesem Ausspruch nicht die Absicht, sich bei seinen Zeitgenossen beliebt zu machen.

Dabei hatte Christus keineswegs die Absicht, die Tür des Heils für die Zuhörer zuzuschließen. Im Gegenteil! Es ging ihm darum, denjenigen, die sich in den Wahn eigener Fähigkeiten hineingesteigert hatten, zwei Dinge deutlich zu machen: Erstens, wie es um den Menschen geistlich bestellt ist: Er ist geistlich tot. Zweitens, wer allein die Ursache für die Rettung des Sünders ist: Es ist Gott der Vater, der den verlorenen Sünder zum Sohn zieht.

Zusammenhang

Was war geschehen? Jesus hatte mit wenigen Broten eine riesige Anzahl von Menschen gespeist (Joh. 6,5-13). Die von diesem Geschehen begeisterte Menge wollte ihn daraufhin zu ihrem König machen: Endlich einer, der ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen entspricht! Aber Christus entzog sich seinen Sympathisanten und damit auch ihren (frommen) Wunschträumen (Joh. 6,14ff).

Am folgenden Tag trafen Jesus und viele von denen, die kurz zuvor satt geworden waren, in Kapernaum erneut aufeinander (Joh. 6,25). Es kam zu einem Streitgespräch. Der Sohn Gottes bestand darauf, dass die Menschen sich nicht um die vergängliche Speise kümmern sollten, sondern um die Speise, die zum ewigen Leben bleibt. Er sei gekommen, um ihnen diese Speise zu geben (Joh. 6,27). Ja, er selbst ist diese Speise: „Ich bin das Brot des Lebens!“ (Joh. 6,35).

An dieses erste der bekannten Ich-bin-Worte schloss Jesus die Aussage an: „Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen“ (Joh. 6,37.39). Erstaunlich häufig wiederholt der Herr diese Wahrheit. Allein im Hohenpriesterlichen Gebet finden wir sie siebenmal (Joh. 17,2.6.9.11.12.24): Es ist Gott der Vater, der dem Sohn die gibt, die er für ihn bestimmt hat. Als die Juden darüber murrten, legte unser Herr nach und verkündete: „Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.“

Geistlich tot

Mit dieser Aussage deckt der Herr die tiefe geistliche Ohnmacht von uns Menschen auf. Auch an anderen Stellen wird uns dieses vor Augen geführt: Der Sünder kann gegenüber Gott keinerlei Gerechtigkeit vorweisen (Röm. 8,8; Jes. 64,5). Nicht nur sein Tun, sondern auch sein Denken ist eitel und verfinstert (Eph. 4,17-19; Tit. 3,3). Darum erscheint für den normalen Menschen das, was vom Geist Gottes stammt, als Torheit: Er vermag es nicht anzunehmen (1Kor. 2,14). Zwischen ihm und Gott besteht keine gemeinsame Wellenlänge. Der Mensch ist geistlich tot.

Dieses Urteil betrifft nicht nur sein Verhalten (keine Gerechtigkeit), es bezieht sich auch nicht nur auf sein Denken (eitel, verfinstert), sondern es umfasst auch seinen Willen. Während der moderne Mensch sich gerne einreden lässt, er sei mündig und frei, ist er im Licht der Wahrheit ein Sklave seines eigenen verderbten Wesens (2Petr. 2,18.19).

Als der Herr die Juden einmal darauf hinwies, dass nur die Wahrheit sie frei mache, reagierten sie nicht nur entrüstet, sondern ereiferten sich geradezu. Der Grund dafür war, dass sie sofort begriffen: Das würde ja heißen, sie seien in ihrem derzeitigen Zustand nicht frei: „Wir sind Abrahams Same und sind nie jemandes Knechte (Sklaven) gewesen, wie kannst du sagen: Ihr sollt frei werden?“ (Joh. 8,33).

Man sollte bei dieser Reaktion einmal innehalten. Ausgerechnet Menschen, die zu einem Volk gehörten, das uns zum ersten Mal als Nation in Ägypten, in der Sklaverei, begegnet, von dem wir allein im Buch der Richter sieben Mal lesen, dass andere Völker es unterdrückten und drangsalierten, das dann in die assyrische Gefangenschaft (Nordreich) sowie in die babylonische (Südreich) deportiert wurde und das in den darauf folgenden Jahrhunderten nahezu ununterbrochen unter der Herrschaft anderer Mächte stand, erklärten: „Wir sind nie jemandes Knechte gewesen!“ So realitätsfern kann man sich also in den Wahn über sein eigenes Freisein hineinsteigern! Der Grund ist offensichtlich: Würde man zugeben, wie es um einen wirklich bestellt ist, es wäre ein massiver Angriff auf den eigenen Stolz.

Aber Jesus ging auf diese Antwort, die die politische, also die äußere Dimension der eigenen Wirklichkeit nicht wahrhaben will, gar nicht ein. Stattdessen zielte er gleich auf eine viel tiefere Sklaverei: Jeder Mensch, also auch ihr Juden, seid im Machtbereich des Teufels gefangen. Euer Wille ist von ihm bestimmt: Ihr wollt das tun, was euer Vater, der Teufel, will! (Joh. 8,44; vergleiche Kol. 1,13). Für Menschen, die sich in die Idee verrannt hatten, man könne durch die Erfüllung des Gesetzes zu Gott kommen, muss es in höchstem Maße ärgerlich gewesen sein, zu vernehmen, wie tief sie versklavt sind. Die Feststellung, niemand kann zu Jesus kommen, es sei denn, der Vater zieht ihn, erschien ihnen geradezu unerträglich.

Aber anstatt dass Jesus diese Aussage im weiteren Gesprächsverlauf relativierte oder „die andere Seite“ betonte, wiederholte er diese Wahrheit wenig später (Joh. 6,65). Als sich daraufhin viele seiner Jünger von ihm abwandten, war das für den Sohn Gottes noch immer kein Grund zu erklären: Ihr habt mich missverstanden! Stattdessen wandte er sich an seine zwölf Jünger und stellte ihnen die Frage: „Wollt ihr etwa auch weggehen?“ (Joh. 6,66.67).

Und heute?

Wenn man heute lehren würde, niemand kann zu Jesus kommen, es sei denn, der Vater zieht ihn, gäbe es vermutlich nicht wenige Christen, die mit dem Kopf nicken würden. Sie würden erklären, dass auch sie davon überzeugt seien, dass der Mensch von Adam her geistlich tot ist, unter der Knechtschaft der Sünde lebt und einzig und allein durch Gnade („sola gratia„) gerettet wird.

Aber dann – als hätten sie schlagartig vergessen, wie es im Licht des Wortes Gottes um den Menschen bestellt ist – erklären sie unvermittelt, man habe einen „freien Willen“. Aufgrund dieses „freien Willens“ könne man sich für oder gegen Gott „entscheiden“. Nachdem man eine Willensentscheidung getroffen habe, empfange man als Folge davon den Geist Gottes.

Wenn man das hört, könnte man sich an die Menschen erinnert fühlen, über die Jesus einmal sagt: Sie sind Kindern gleich, die an den Marktplätzen sitzen und ihren Freunden mal das eine und dann wieder das Gegenteil zurufen (vergleiche Mt. 11,16-18).

In der Regel begründet man diese plötzliche Kehrtwende folgendermaßen: Wenn der Mensch total verloren wäre, müsste er ja passiv in der Ecke sitzen. Weil aber eine solche Haltung offensichtlich nicht der Bibel entspreche, müsse der Mensch einen „freien Willen“ haben. Außerdem würden zahllose Aufforderungen gegen eine solche Auffassung sprechen. Zum Beispiel: „Suchet mich, so werdet ihr leben!“ (Am. 5,4). „Kommet her zu mir alle…!“ (Mt. 11,28). „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen!“ (Joel 2,12).

Auch verweist man auf die häufigen Bedingungssätze in der Bibel, zum Beispiel: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen!“ (Joh. 6,37). Man sagt, aus derartigen Aussagen könne man redlicherweise nur eine einzige Schlussfolgerung ziehen: Es sei dem Menschen möglich, diese Befehle zu befolgen.

Und überhaupt, die Bibel appelliere ja ausdrücklich an unseren Willen: „Wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst!“ (Offb. 22,17). Also, so die Argumentation, sei der Mensch kraft seines eigenen Willens in der Lage, die Voraussetzung („Bedingung“) dafür zu leisten, das kostenlose Wasser zu nehmen.

Was ist dazu zu sagen?

Gott zieht durch sein Wort

Natürlich ist es unbestritten, dass es in der Bibel Befehlssätze gibt. Aber aus diesen Aufforderungen darf man nicht schlussfolgern, dass der Mensch in der Lage sei, diese Anweisungen zu befolgen. Das würde im Widerspruch zu anderen Aussagen der Heiligen Schrift stehen. Denn das Wort Gottes lehrt nun einmal: „Da ist niemand, der Gott sucht, auch nicht einer!“ (Röm. 3,11). Wenn man aus dem Gebot, „Suchet mich!“ (Am. 5,4) ableiten wollte, der Mensch würde von sich aus vermögen, Gott zu suchen, dann bestünde zwischen diesen beiden Aussagen eine Spannung.

Wenn man aus dem Gebot, „Wer da will, der nehme“ (Offb. 22,17), folgern würde, dass es an dem Wollenden liegt, dann stünde das im Widerspruch zu der Aussage, dass es „nicht an dem Wollenden liegt, sondern an dem begnadigenden Gott“ (Röm. 9,16).

Wenn man aus dem Gebot, „Kommet her zu mir alle“ (Mt. 11,28), entnehmen wollte, dass der Mensch von sich aus zu Christus kommen könne, dann würde das dem entgegengesetzt sein, was wir in unserem Vers hören: „Niemand kann zu mir kommen…„.

Um zu verstehen, was unser Herr mit der Aussage, „niemand kann zu mir kommen„, sagen will, ist es gut, die Fortsetzung dieses Verses zu beachten. Was meint der Herr eigentlich, wenn er sagt: „es sei denn, dass der Vater ihn zieht.„? Was bedeutet das „Ziehen des Vaters“?

Tatsächlich brauchen wir über eine Antwort nicht lange zu rätseln. Der Herr selbst erläutert es bereits im folgenden Vers: „Es steht in den Propheten geschrieben: und sie werden alle von Gott gelehrt sein“ (Joh. 6,45). Mit anderen Worten: Die Art und Weise, wie Gott den Menschen zu Christus zieht, erfolgt durch seine Lehre, durch sein Wort. Das Wort Gottes gibt uns nicht nur Informationen, sondern es hat die Kraft, den Sünder zu Christus zu ziehen.

Die Kraft des Wortes Gottes

Auch an anderen Stellen lehrt die Heilige Schrift diese Wahrheit. Der Apostel Paulus schreibt einmal, dass der Glaube (nicht aus uns, sondern) aus dem Hören auf das Wort Gottes kommt (Röm. 10,17). Der Mensch wird durch dieses Wort wiedergeboren (1Petr. 1,23-25). Durch das vom Heiligen Geist gewirkte Wort schafft Gott in uns das, was er will.

Paulus veranschaulicht diese Wahrheit anhand des ersten Befehls, den wir in der Heiligen Schrift lesen. Es war der Ruf Gottes am ersten Tag: „Es werde Licht!“ (1Mos. 1,3). Im Rahmen unserer menschlichen Denkkategorien müssten wir aus dem Sprechen Gottes die Folgerung ziehen, Gott hätte sich auf irgendetwas bezogen. Er hätte an irgendetwas angeknüpft. Es wäre irgendeine Vorrichtung vorhanden gewesen, an die sich Gott mit seinem Rufen gewandt hätte, so dass durch sein Sprechsignal sozusagen das Licht „angeknipst“ worden sei.

Wir wissen aus der Heiligen Schrift, dass das nicht der Fall war. Vielmehr war es so, dass Gott durch seinen Ruf seinen Befehl selbst verwirklichte.

Mit diesem Schöpfungsgeschehen vergleicht der Apostel Paulus die Art und Weise wie Gott im Evangelium zum Menschen kommt und ihm das Heil bewirkt: „Der Gott, der dem Licht gebot, aus der Finsternis hervorzuleuchten, er hat es auch in unseren Herzen Licht werden lassen, indem wir Christus erkennen durften“ (2Kor. 4,6). Damit wird deutlich: Die Verkündigung des Wortes Gottes ist das Mittel, durch das Gott so in unsere Herzen hineinleuchtet, dass wir Christus erkennen, dass wir von ihm erfasst werden und auf diese Weise zu ihm gezogen werden.

Als Gott zu Abraham sprach: „Ich habe dich zum Vater vieler Nationen gemacht“, da sagte der Allmächtige dieses nicht, weil er in Abraham oder in Sara auf irgendeine entsprechende Potenz zurückgreifen konnte. Sondern Gott machte diese Aussage als der, der das Nichtseiende ruft, als ob es da wäre“ (Röm. 4,17). Haben wir recht gelesen?: „als ob“ (!) etwas da wäre… Aber da war nichts! Vielmehr schuf Gott durch sein Wort das, was er verfügte.

Johannes schreibt: „So viele ihn (Christus) aber aufnahmen, denen gab er Macht (oder: Vollmacht), dass sie Kinder Gottes werden„. Ausdrücklich fügt der Apostel hinzu, dass dieses Gotteskind-Werden „nicht aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Menschen“ erfolgt, sondern dass es allein „aus Gott“ gewirkt wird (Joh. 1,12-13).

Die Unverzichtbarkeit, das Wort Gottes zu verkündigen

Weil der Mensch nicht von sich aus zu Christus kommen kann, sondern nur, wenn er vom Vater gezogen wird, und zwar durch das Wort Gottes, ist es unverzichtbar, dass dieses Wort in der Gemeinde verkündet wird. Unser Herr betont: Menschen werden frei durch das Erkennen der Wahrheit, und das Erkennen der Wahrheit erfolgt durch das Bleiben in seinem Wort (Joh. 8,31).

Das war der Grund, warum bei den Reformatoren das Anliegen zentral stand, dass den Menschen unbedingt das Wort Gottes verkündet werden muss. In diesem Zusammenhang bezeichneten sie das Wort Gottes als Heilsmittel. Damit meinten sowohl Martin Luther als auch Johannes Calvin, dass wir zu Christus und seinem Heilswerk auf Golgatha nur gelangen, wenn wir durch das durch den Heiligen Geist lebendig gemachte Wort Gottes gezogen werden.

Das ist auch der Grund, warum es so verhängnisvoll, ja katastrophal ist, wenn man im Gottesdienst, anstatt das Wort Gottes zu hören, unterhalten wird. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob diese Unterhaltung durch emotionale Spektakel oder durch rührselige Geschichtchen erfolgt.

Immer dort, wo das Wort Gottes in rechter Weise verkündet wird, geht es um nicht weniger als um Tod oder Leben (2Kor. 2,15.16). Denn noch einmal: Es sind geistlich Tote, zu denen dieses vom Geist Gottes gewirkte Wort hindurchdringt, um sie dadurch aufzuerwecken. Dies geschieht entsprechend der Auferweckung der Toten am Ende der Zeiten (vergleiche Joh. 5,24.25).

Wenn der Sünder durch das Wort Gottes zu Christus gezogen wird, ist dieses „Erwecktwerden“ nicht so zu verstehen, wie es seit der Romantik häufig gedeutet wurde: Es müsse darum gehen, die (religiösen) Gemütsbewegungen (Affekte) in Schwingungen zu bringen, gewissermaßen zu stimulieren, zum Beispiel in „Erweckungs“veranstaltungen, um auf diese Weise die Gaben Jesu (Freude, Friede, Sinn des Lebens etc.) und ihn selbst dem Hörer attraktiv zu machen.

Wenn das Wort Gottes vom (Auf)erwecktwerden des Sünders spricht, wenn, wie in unserem Vers, vom „Ziehen des Vaters“ die Rede ist, dann hat die Heilige Schrift immer einen Sünder vor Augen, das heißt jemanden, der ein Feind Gottes ist. Man braucht sich nur andere Stellen anzuschauen, in denen das Wort „Ziehen“ im Johannesevangelium vorkommt, um zu erkennen, dass das hier Gemeinte die Überwindung eines Widerstandes beinhaltet (vergleiche zum Beispiel Joh. 21,6).

Als der erhöhte Herr vor den Toren von Damaskus dem Saul von Tarsus erschien, rief er ihm zu: „Es wird dir schwer werden, gegen den Stachel auszuschlagen„! (Apg. 26,14). Dieser wutschnaubende Pharisäer hatte damals tatsächlich alles andere im Sinn, nur nicht, zu diesem Jesus umzukehren und ihm zu dienen.

Keine Zerstörung des Menschen

Obwohl dieses Ziehen Gottes dem natürlichen Willen des Menschen entgegensteht, („Ihr wollt nicht zu mir kommen„, Joh. 5,40), schaltet Gott die Verantwortlichkeit des Menschen niemals aus. Ähnlich wie Gott den verfinsterten Verstand des Menschen durch sein Evangelium nicht beseitigt, sondern erleuchtet, wird durch das „Ziehen des Vaters“ der (gegen Gott gerichtete) Wille des Menschen zwar gebrochen, aber der Heilige Geist vernichtet nicht die moralische Dimension des Menschen.

Wenn wir das einmal verstanden haben, dann werden wir dem Sünder zurufen: Jeder der durstig ist, darf trinken! Jeder der mühselig und beladen ist, wird bei Jesus Ruhe finden! Wir dürfen ihm sagen: Es ist vollkommen sicher, dass jeder, der will, kommen und von dem Wasser des Lebens umsonst trinken darf. Denn niemand, der jemals zu Christus zu kommen suchte, um gerettet zu werden, wurde von ihm zurückgewiesen!

Während wir dieses verkündigen, wissen wir gleichzeitig, dass das Errettetwerden eines Sünders einzig und allein das Werk Gottes ist. Wir wissen aus der Heiligen Schrift, dass der Mensch allein durch das Mittel des heiligen Wortes Gottes, das der Heilige Geist lebendig macht (Joh. 6,63), glauben kann. Wir sind davon überzeugt, dass das Kommen des Sünders zu Christus ein machtvolles Wunderwerk Gottes ist, das Gott in seiner Gnade allein schafft (Eph. 2.,8). Er wirkt es an Menschen, die von Natur aus seine Feinde sind.

Genau diese Überzeugung will das reformatorische Bekenntnis zum Ausdruck bringen: „Allein die Gnade!“ „Sola gratia!“ Dieses Ziehen Gottes durch sein Wort ist nicht ein geringeres Werk als sein Schöpfungswerk am Anfang der Zeiten oder als sein Werk in der Auferweckung der Toten am Ende der Zeiten. Der Glaube ist das Werk Gottes (Joh. 6,29).

Weil Christus der Anfänger und der Vollender unseres Glaubens ist (Hebr. 12,2), ist es völlig unmöglich, über (zum Beispiel) Hebräer 11 zu predigen im Sinn von: „Entdecke den Helden in dir!“. Wer so predigt, kennt weder sich selbst, noch kennt er Gott, noch hat er das Evangelium verstanden.

Kritik an der Bekennenden Kirche

Wir sind immer wieder dankbar und sehr erfreut, dass Artikel der Bekennenden Kirche von anderen Zeitschriften übernommen werden oder auf anderen Websites im Internet veröffentlicht bzw. verlinkt werden.

Gelegentlich bekommen wir auch Kritik zu hören. Wenn sie berechtigt ist, das heißt im Wort Gottes verankert ist, sind wir dafür dankbar. Hin und wieder müssen wir aber auch zur Kenntnis nehmen, dass Zerrbilder über uns verbreitet werden.

So war in der Augustausgabe des christlichen Informationsdienstes „Topic“ von einer strengen Form des Calvinismus zu lesen, die eine Erwählungslehre vertrete, nach der jeder, den Gott erwählt, errettet wird, „ob er will oder nicht“.

Zwar gab der Schreiber dieses Artikels im unmittelbaren Zusammenhang keinen Namen an, aber im weiteren Verlauf nannte er die Bekennende Kirche und erwähnte namentlichen ihren Schriftleiter. Der Eindruck, der dadurch erweckt wurde, ist deutlich…

Wir wollen uns hier nicht von der Frage aufhalten lassen, ob ein solcher Suggestivjournalismus nicht dem entspricht, was die Bibel als Ohrenbläserei bezeichnet. Es sei jedoch noch einmal betont: Weder den ersten Teil (ob er will…) lehren wir noch sind wir der Überzeugung, dass irgendjemand einmal gegen seinen Willen im Himmel sein wird (… oder nicht).

Der erste Teil der Aussage („ob er will …„) ist deswegen nicht akzeptabel, weil es im Licht der Heiligen Schrift niemanden gibt, der von sich aus nach Gott fragt, also der von sich aus „will“.

Im Lauf der Kirchengeschichte erhob sich immer wieder die Auffassung, der Mensch sei von sich aus in der Lage, zu Gott zu kommen. In der Alten Kirche war es der britische Mönch Pelagius, der dieses vertrat. Dagegen musste Augustinus Stellung nehmen. Als im 16. Jahrhundert der Humanist Erasmus seine Ideen über den „freien Willen“ verbreitete, nahm Luther dazu Stellung in seiner Schrift „Vom unfreien Willen„. Wenig später setzte sich Calvin in derselben Angelegenheit mit dem Niederländer Pighius auseinander, der am Beginn der Neuzeit ebenfalls von einem „freien Willen“ schwärmte. Als in den darauffolgenden Jahrhunderten diese Ideen in der christlichen Gemeinde massiv um sich griffen, begünstigt sowohl durch die Aufklärung als auch durch den Idealismus und nicht zuletzt durch die Romantik, mussten verantwortliche Verkündiger des Evangeliums immer wieder darauf bestehen, dass der Mensch nach dem Sündenfall nicht frei ist, sondern versklavt.

Gemäß der Heiligen Schrift ist nämlich nicht derjenige frei, der tun kann, was er will. Ein solcher Mensch ist dem Willen des Teufels unterworfen: „Ihr ‚wollt‘ den Willen eures Vaters tun!“ (Joh. 8,44; Eph. 2,2-3). Vielmehr ist der frei, der das tun darf, wozu er von Gott geschaffen und bestimmt ist, und dafür ist das Wirken des Geistes Gottes unverzichtbar.

Aber das heißt nicht, dass der zweite Teil dieser Behauptung (… oder nicht) der Heiligen Schrift entspricht. Es wurde niemals von uns gelehrt (noch ist es die Überzeugung eines einzigen der Reformatoren des 16. Jahrhunderts), dass jemand einmal bei Gott gegen seinen Willen sein wird.

Vielmehr verhält es sich so, dass Gottes Ziehen durch sein lebenschaffendes Wort kraft des Heiligen Geistes in uns das Wollen bewirkt (Phil. 2,13).

Falls aber „Topic“ mit seiner Formulierung (oder nicht…) Kritik an unserer Überzeugung üben möchte, dass der Sünder ein Feind Gottes ist und dass Gnade heißt, dass Gott ihn aus dieser seiner Gegnerschaft, auch seines Willens, befreit und dass für diese Rettung das Wirken des Heiligen Geistes unverzichtbar ist, dann ist allerdings zwischen diesem Blatt und uns auch an diesem Punkt ein Dissens festzustellen.

Wir fügen aber sofort hinzu: Diese Überzeugung haben nicht nur Augustinus, Luther und Calvin vertreten, sondern sie wird von der Heiligen Schrift überall vorausgesetzt und an zahlreichen Stellen ausdrücklich gelehrt. Zum Beispiel: „Es liegt nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.“ (Röm. 9,13-18).

Übrigens: Genau diese Überzeugung wollten die Reformatoren zum Ausdruck bringen, als sie bekannten: „Allein die Gnade“ (Sola gratia).

Wenn heute in manchen evangelikalen Strömungen ebenfalls von „Sola gratia“ gesprochen wird, wird bei ihnen dieser Begriff nicht selten anders verwendet: Der Mensch könne von sich aus das Angebot des Evangeliums annehmen („sich für Jesus entscheiden“), worauf anschließend [!] der Heiligen Geist zu ihm kommt.

Übrigens ist es für eine solche Überzeugung nur konsequent, wenn sich eine darauf fußende Verkündigung gezielt an die inneren („befindlich-religiösen“) Gemütszustände des Hörers wendet. Denn dann geht es ja darum, den Menschen dazu zu bewegen, eine Entscheidung für Jesus zu treffen.

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben; in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird. Das ist gewisslich wahr.“

Aus: Kleiner Katechismus Martin Luthers.

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