Die Reformation, die Deutschen und Johannes Calvin (Teil 5)
Ein Franzose verteidigt die Reformation, auch die deutsche

Musste Reformation sein?

Im Jahre 1924 erschien in München ein kleines, unscheinbares Büchlein. Vielleicht wurde das Buch in den turbulenten 20er Jahren nicht sonderlich zur Kenntnis genommen; trotzdem war es durchaus bedeutender, als man vermuten könnte. Denn zusammen mit drei anderen berühmten Schriften der Reformationszeit1 enthielt diese unscheinbare Publikation2 auch die deutsche Übersetzung einer apologetischen (Verteidigungs-)Schrift, die im 16. Jahrhundert große Wellen geschlagen hatte. Es handelt sich um Calvins Antwort an den römisch-katholischen Kardinal Sadolet aus dem Jahre 1539. In diesem Schreiben verteidigte Calvin nicht nur die Stadt Genf (ausgerechnet die Stadt, die ihn zwei Jahre zuvor verbannt hatte) und die Genfer Reformation, sondern er trat für den gesamten reformatorischen Ansatz ein. Eine spätere deutsche Übersetzung dieser Schrift trug dann auch den überaus treffenden Titel: „Mußte Reformation sein?“3

Ein französischer Anwalt für Luther

Ein französischer Glaubensflüchtling wurde also zum Anwalt der gesamten Reformation. Ein französischer Vertriebener verteidigte das Anliegen Luthers, der aus Wittenberg hervorgegangenen ebenso wie der oberdeutschen, einschließlich der schweizerischen Reformation, ja das Anliegen der Reformation schlechthin. Dieser Verteidigungsschrift der Reformation aus der Feder Calvins kommt „eine Schlüsselstelle in der Reformationsgeschichte“ zu.4 Aber wie kam es dazu, dass Calvin sich zu dieser Schrift genötigt sah?

Ein römischer Kardinal als Diplomat

Im Verlauf der Kirchengeschichte sind kirchenpolitische und persönliche Ambitionen immer wieder im theologischen Mäntelchen dahergekommen. So auch 1539, als der Kurienkardinal und Bischof von Carpentras, Sadolet, beauftragt wurde, einen Brief an den Rat und die Bürger der Stadt Genf zu verfassen. Man wollte ja von Seiten Roms unbedingt verlorenes Terrain zurückgewinnen.5 Die „alte Religion“ sollte in Genf wieder etabliert werden.6 Schon 1518 war dieser Kardinal Jacopo Sadoleto (1477–1547) „als wichtigster Korrespondenzpartner der päpstlichen Diplomaten in Deutschland“ am Prozess gegen Luther beteiligt gewesen.7 Im Rahmen verschiedener Maßnahmen zur Eindämmung der Reformation8 stellte dieser Brief, der in Folge einer von Papst Paul III. einberufenen bischöflichen Konferenz in Lyon geschrieben wurde, ein wichtiges Glied in der Kette dar.

Ein unbequemer Brief

Am 26. März 1539 war es soweit.9 Sadolets Schreiben – ein „Meisterstück geschickter Diplomatie10 – wurde dem Rat der Stadt Genf überreicht. Aber der Genfer Rat wusste nichts damit anzufangen. Die Verlegenheit war groß, die Stadt völlig überfordert. Der Brief war nicht nur „in elegantem Rhetorikerlatein“11 verfasst – was bestimmte Ansprüche an die Fähigkeiten des Rates stellte, während bekanntlich der beste Latinist Genfs, und einer der besten seiner Zeit, Calvin, im Jahr zuvor der Stadt verwiesen worden war – sondern auch der Inhalt war dermaßen eloquent „versöhnlich-werbend“12 und theologisch gewandt, dass es niemand auf Anhieb wagte, darauf einzugehen. Das Dilemma für die erst seit 1536 offiziell reformatorische Stadt war offensichtlich. Ein Keil sollte zwischen die unterschiedlichen Unterstützer der Reformation getrieben werden. „Teile und herrsche“ lautete die Devise Roms. Da Sadolets Schreiben ebenso eindringlich wie verständlich formuliert war, dürften viele „diesem Lockruf damals wie heute zunächst willig Gehör geschenkt haben“.13

„Der Glaube allein … reicht nicht“

Sehr geschickt verstand es Sadolet, dem Rat und den Bürgern Genfs gegenüber die Reformation in Frage zu stellen. Sein Ziel war klar: Genf sollte wieder in den Schoß Roms zurückkehren. Dazu lud sein Schreiben ein. Ausgerechnet „das Herzstück der Religion“,14 das reformatorische sola fide, das heißt die Rechtfertigung durch den Glauben allein, wurde von Sadolet verzerrt präsentiert. Den reformatorischen Ansatz griff er frontal an, indem er die Schriftlehre und ihren Bibelbezug umdeutete. Nach Sadolet reiche Glaube allein nicht.15 Ja, „die Lehre von der Rechtfertigung ‚allein aus Glauben‘ sei nicht nur geeignet, alle Sittlichkeit zu untergraben und, wie die Erfahrung zeigt, Aufruhr zu stiften, sie sei sogar bewusst zu diesem Zwecke konzipiert worden.“16

Bern greift ein

Schließlich griff die Stadt Bern ein. Bern hatte durchaus Interesse – theologisch sowie politisch – an einer gründlichen Widerlegung Sadolets. Immerhin war Bern nicht nur eine der ersten eidgenössischen Städte, die die Reformation durchgeführt hatten, sondern auch eine Art Schutzmacht Genfs. Und obwohl die Stadt nicht unbedingt für ihre Liebe gegenüber Calvin bekannt war, entschied man „aus begründetem Zweifel an der Fähigkeit der Genfer Pastoren“,17 Calvin zu überreden, den Brief Sadolets zu beantworten. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich der aus Genf vertriebene Calvin in Straßburg auf.

Im August 1539 empfing Calvin die Bitte Berns. Zuerst zögernd entschied sich Calvin letztendlich trotz persönlicher Gefühle doch, der Anfrage nachzukommen. Auch von Freunden wurde er dazu gedrängt.18 Innerhalb von nur sechs Tagen verfasste er seine fundierte, aber auch knappe und differenziert-artikulierte Antwort („Responsio„), für die er außergewöhnliche Anerkennung und Achtung erlangen sollte.

„Gesamtprotestantisch“ – Vertreter der gesamten Reformation

Calvins Antwort an Sadolet ist ein Musterbeispiel dafür, wie „völlig gesamtprotestantisch Calvin zeitlebens gedacht und gehandelt hat“.19 Unter anderem aufgrund dieses Schreibens ließ kein Geringerer als Luther schon im Oktober 1539 Calvin über Martin Bucer seine Wertschätzung ausrichten.20 Mehrere theologisch wichtige und für die Kirche höchst bedeutsame Themen werden in dem Brief an Sadolet angesprochen. Obwohl sich Calvin „in seiner Erwiderung auf nahezu alle Einwände und Unterstellungen Sadolets“ einlässt,21 spitzt er das Ganze auf einen einzigen Punkt zu. In den Worten Gloedes: „Musste Reformation sein?“22 Oder, wie Link den springenden Punkt charakterisiert: „Warum brauchen wir eine Erneuerung der Kirche?“23 Mit Berufung auf die Apostelbriefe sowie die Propheten gilt für Calvin, dass sie, die Apostel und die Propheten, „dem Wort immer den ersten Platz einräumen“.24

Zwei Gegner, ein Fehler

Gerade da, wo vom Wort Gottes die Rede ist, legt Calvin bezüglich der Irrlehre seinen Finger direkt in die Wunde. Wie ein erfahrener Facharzt liefert er in seiner Antwort an Sadolet eine sorgfältige Diagnose, mit der er den Irrtum präzise identifiziert. Für die folgenden Jahrhunderte und über die theologische Problematik des Reformationszeitalters hinaus sollte diese Diagnose gleichsam als Maßstab für alles theologische Denken, ja für die Theologie an sich, Geltung haben: „Recht hat … Chrysostomus mit seiner Mahnung, all die abzuweisen, die uns unter dem Vorwand des Geistes von der einfachen Verkündigung des Evangeliums abbringen wollen. Denn der Geist ist uns nicht zur Offenbarung neuer Unterweisung (Lehre) verheißen, sondern um die Wahrheit des Evangeliums den Herzen der Menschen einzuprägen. Wie notwendig diese Mahnung gewesen ist, erfahren wir in der gegenwärtigen Lage. Von zwei Parteien werden wir bekämpft, die, so sieht es aus, von einander so verschieden sind wie nur möglich. Denn was hat die des Papstes – äußerlich gesehen – mit der der Wiedertäufer gemeinsam? Und doch … führen beide die gleiche Hauptwaffe, mit der sie uns mürbe machen. Indem sie nämlich bis zum Überdruss den Geist im Munde führen, haben sie kein anderes Ziel, als Gottes Wort zu unterdrücken und zu Grabe zu tragen und stattdessen für ihre eigenen Lügengebilde Platz zu schaffen. Und Ihr, Sadolet, müßt nun gleich beim ersten Ansturm das Schandmal büßen, das Ihr dem Heiligen Geist durch die Trennung vom Wort eingebrannt habt…“25

Wort und Geist

Es handelt sich also um den Vorrang des Wortes in seinem Verhältnis zum Heiligen Geist. Beide Gegner der Reformation, Rom und die Wiedertäufer, begehen den gleichen Fehler, sie trennen das Wort vom Heiligen Geist. Nach Ansicht Roms habe „die Kirche“ zu entscheiden, was der Geist wolle oder nicht, statt alles am Wort zu messen. Die Wiedertäufer wiederum meinen im
Menschen, also subjektiv, zu fühlen, zu hören, zu wissen, was der Geist wolle, statt alles am Wort selbst zu prüfen. In beiden Fällen wird das Wort nicht nur vernachlässigt oder abgewertet, sondern unterdrückt und „zu Grabe getragen“.

Der Anwalt zeigt Flagge

Die Auseinandersetzung zwischen Sadolet, dem formidablen Diplomaten Roms, und Calvin, dem noch jungen Flüchtlingspfarrer, hatte auch keineswegs nur lokalpolitische Bedeutung. Calvins Plädoyer für die Integrität und die Notwendigkeit der gesamten Reformation hatte ungeahnte Wirkung, nicht nur im protestantischen Bereich, sondern über die Grenzen der Reformation hinaus. Seine Erwiderung (Responsio) sollte für die Kirchengeschichte der folgenden Jahrhunderte prägend sein. „Bis heute gilt sie zu Recht als eine der brillantesten Verteidigungsschriften der Reformation überhaupt.“26

Mit diesem Schreiben bekannte sich Calvin zum Anliegen der Reformation im Ganzen, um der Heiligen Schrift als Wort Gottes den uneingeschränkten Vorrang zuzuerkennen. Es geht um das reformatorische Prinzip. Das heißt, wenn es um die Frage der Wahrheit bzw. des Wahrheitsanspruches geht, spricht Christus immer das letzte Wort. Das Wort Christi, die Heilige Schrift, ist die oberste Autorität – dazu bekannten sich die Reformatoren in ihrem Werk, in ihrer Verkündigung, in ihrer Theologie, in ihren reformatorischen Bekenntnissen.


1) 1. Widmung des Unterrichts in der christlichen Religion an Franz I. 1536; 2. Der Genfer Katechismus 1542/1545; 3. Mahnschreiben an Karl V. 1543.
2) Um Gottes Ehre. Vier kleinere Schriften Calvins, übersetzt und herausgegeben von Matthias Simon. München [Chr. Kaiser Verlag] 1924.
3) Johannes Calvin, Mußte Reformation sein? Calvins Antwort an Kardinal Sadolet. Übersetzt und eingeleitet von Günther Gloede. Neukirchen [Neukirchener] 2009 [1954].
4) Günther Gloede, a.a.O., S. 3.
5) Christian Link, Antwort an Kardinal Sadolet (1539). In CstA (= Calvin-Studienausgabe) 1.2. Neukirchen [Neukirchener] 1994. S. 338.
6) Ebd.
7) A.a.O., S. 339.
8) Vgl. Peter Opitz, Leben und Werk Johannes Calvins. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2009. S. 69.
9) CO 21,245.
10) J. Gaberel, Histoire de l’Eglise de Genève Bd. I. Genf 1858. Zitiert von C. Link, a.a.O., S. 339.
11) P. Opitz, a.a.O.
12) Ebd.
13) G. Gloede, a.a.O., S. 4.
14) Calvin, Responsio ad Sadoletam epistolam, CStA 1.2,375,31.
15) OS I,446, Z. 12-18.
16) C. Link, CStA 1.2,341. Vergleiche besonders OS I,452, Z. 11ff.
17) Ebd.
18) V.E. d’Assonville, sr. Observations on Calvin’s Responsio to Cardinal Sadoletus’s Letter to the Genevans. In W.H. Neuser. [Hrsg.], Calvinus Servus Christi. Die Referate des Internationalen Kongresses für Calvinforschung, vom 25. bis 28. August 1986 in Debrecen. Budapest [Ráday-Kollegium], 1988. S. 151-164.
19) G. Gloede, a.a.O., S. 4.
20) Sechs Jahre später erinnert Crodelius Calvin noch einmal an diese Hochachtung von Seiten des Wittenberger Reformators, CO 12,40.
21) C. Link, a.a.O., S. 342.
22) G. Gloede, a.a.O.
23) C. Link, a.a.O., S. 342.
24) CStA 1.2,366,12f: „…, primum semper locum verbo assignant.“
25) CStA 1.2,366,16-29/367,20-37.
26) Christoph Strohm, Johannes Calvin. Leben und Werk des Reformators. München [C.H. Beck] 2009. S. 57.