Das Blut des Lammes rettet das Volk

Wortverkündigung zu 2Mose 12,13

Einleitung

Wir wollen am heutigen Karfreitag unser Augenmerk auf das Ereignis richten, das uns an diesem Tag traditionell besonders in Erinnerung gebracht wird: auf die Kreuzigung unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Dabei wollen wir vor allem bedenken, dass jenes Ereignis kein Betriebsunfall in Gottes Plan mit dieser Welt war. Wenn man einige Leute heutzutage reden hört, könnte man ohne weiteres diesen Eindruck gewinnen: „Jesus von Nazareth“ habe doch ein Vorbild für gutes, menschliches Verhalten abgeben wollen. Aber leider habe er zu wenig Zeit gehabt, da er von intoleranten religiösen Fundamentalisten umgebracht wurde. Welch ein Jammer! Welch grausamer Irrtum der Geschichte!

Ist das wirklich so? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, was der Tod Christi für uns bedeutet, und auch, wie er durch die ganze Heilsgeschichte hindurch vorbereitet und bildhaft vorweggenommen wurde. Deshalb habe ich heute einen Abschnitt aus dem Alten Testament als Grundlage für die Predigt gewählt: die Einsetzung des Passahfestes im Volk Israel im Zusammenhang mit der zehnten Plage, mit der der Herr Ägypten schlug.

Das Volk Israel befand sich zu jener Zeit schon Jahrhunderte in Ägypten – und es war versklavt. Die freundliche Aufnahme zu Zeiten Josefs war lange vergessen. Israel war ein Volk von Sklaven geworden und stand im Dienst der Ägypter – wie Gott es schon Jahrhunderte zuvor Abraham prophezeit hatte (1Mos. 15,13).

Aber jetzt sollte noch eine andere Prophezeiung in Erfüllung gehen, nämlich die Befreiung der Kinder Abrahams, der Israeliten, aus dieser Knechtschaft. Wir wissen alle, welchen Lauf die Ereignisse genommen hatten: Der Herr hatte sich Mose offenbart als der Ich bin, als der Gott seiner Väter, als der treue, unveränderliche Gott Abrahams, Isaaks und Israels, der sein Volk aus der Hand der Ägypter erretten würde (2Mos. 3,8). Und nach jahrzehntelanger Vorbereitung auf seinen Dienst war Mose vor den Pharao getreten, um im Auftrag Gottes die Freilassung Israels zu fordern: „Lass mein Volk ziehen!“ Vergeblich! Neunmal schon war Mose vor dem Thron erschienen, neunmal schon war mit seiner Forderung eine schreckliche Plage einhergegangen. Aber der Pharao hatte sein Herz von Mal zu Mal mehr verhärtet und verstockt.

Soweit die Vorgeschichte. Das alles war Präludium. Nun aber sollte das Finale kommen: die zehnte Plage und der Auszug Israels.

Wir dürfen nicht in den Irrtum verfallen und diese ganze Episode als bloßes historisches Ereignis zur Kenntnis nehmen, als interessantes Detail in der Geschichte des Nahen Ostens, aber für uns ohne Belang. Nein, es war viel mehr! Bedenken wir: Die Geschichte Israels im Alten Bund ist Heilsgeschichte. Sie ist Teil der ganzen Heilsgeschichte, die im Garten Eden mit der Verheißung Eva gegenüber begann und die in der Kreuzigung und Auferstehung und Himmelfahrt unseres Herrn Jesus Christus ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Alle Handlungen Gottes mit seinem Volk im Alten Bund, so seltsam und eigenartig sie uns teilweise auch erscheinen mögen, sind eine Vorschattung für eine geistliche Wirklichkeit.

Was sich nun alles hinter der Plage, hinter dem Passah und hinter dem Auszug des Volkes Gottes aus Ägypten verbirgt, das wollen wir heute kurz umreißen. Dementsprechend gliedert sich die Predigt in drei Abschnitte:

  1. Die Bedeutung der zehnten Plage
  2. Die Bedeutung des Passahlamms
  3. Die Bedeutung des Auszugs

1. Die Bedeutung der zehnten Plage

Ägypten war in der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt die unumstrittene Supermacht auf Erden. Es war der Inbegriff weltlicher, menschlicher Herrlichkeit, aber auch der Inbegriff von Sünde und Gottlosigkeit. Was in Adams Fall seinen Anfang genommen hatte, nämlich der sündige Drang, selbst wie Gott sein zu wollen, hatte im Reich der Pharaonen einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Und darum war Ägypten weit mehr als nur ein großes, prächtiges Reich mit beeindruckender Kultur und abscheulichem Götzendienst. Wie schon gesagt: Wir müssen durch die Äußerlichkeiten hindurchschauen. Dieses Ägypten stand stellvertretend für die Sünde als solche. Es war die in Staatsform gegossene Sünde der ganzen Menschheit. Es war ein Bild für die Menschheit als Ganzes, die unter die Sünde verkauft ist, wegen ihrer Verdorbenheit unter dem Zorn Gottes steht und sein Gericht zu erwarten hat.

Diese Verdorbenheit zeigte sich in einer Tatsache ganz besonders, nämlich darin, dass die Ägypter das Volk Gottes, aus dem der verheißene Christus kommen sollte, versklavt hatten. Es sollte in Gulag–Manier dem „Tod durch Arbeit“ zugeführt werden. Doch hinter dem unmenschlichen Handeln des bösen Pharao stand der uralte Versuch des Satans, Gottes Ratschluss zu vereiteln und seine Verheißungen zunichte zu machen. Denn der Satan ist nicht dumm! Im Gegensatz zu so manchem Menschen weiß der Satan ganz genau, wie die Sache steht. Er weiß, dass der Christus als der Same der Frau ihm, der Schlange, den Kopf zertreten soll (1Mos. 3,15). Und darum unternahm er von Anfang an alles, um das Kommen des Christus zu verhindern: Von der Ermordung des frommen Abel über die Verfolgung Henochs, die Versuchung Abrahams, die Unterdrückung Jakobs durch Laban bis hin zur Versklavung von Jakobs Nachfahren in Ägypten.

Das war der Plan Satans, und der Pharao und alle Ägypter mit ihm stellten sich allzu bereitwillig in seinen Dienst, um, bewusst oder unbewusst, an der Vollstreckung dieses perfiden Vorhabens teilzuhaben. Dazu bedurfte es keiner langen Schulungen und Kurse, denn sie brauchten einfach nur ihrer Natur zu folgen. Der natürliche Mensch hasst Gott, er hasst Christus, er hasst das Volk Gottes und den Gnadenbund, und er sähe nichts lieber, als dass dies alles möglichst schnell vorbei wäre und er selbst, der sündige Mensch, auf dem allerhöchsten Thron sitzt. In all dem hat sich die Menschheit schuldig gemacht. Das Ägypten jener Zeit stand stellvertretend für die Menschheit.

Somit waren die Plagen, die in der zehnten Plage ihren Höhepunkt und Abschluss fanden, nicht bloß ein „Druckmittel“, um Israel freizupressen. Die Plagen waren Gericht! So beschreibt es die Heilige Schrift selbst! Der Herr sagte zu Mose: „[Ich] will euch erlösen durch einen ausgestreckten Arm und durch große Gerichte“ (2Mos. 6,6). Große Gerichte sollten Ägypten treffen, und das wiederum stellvertretend und als Vorschatten für das große Gericht, das am Ende der Zeiten die ganze Menschheit treffen wird. Aber durch diese großen Gerichte sollte auch die Befreiung des Volkes Gottes bewirkt werden.

Es wäre sicher interessant, einmal eine Predigtreihe über die zehn Plagen zu hören. Doch für heute wollen wir uns auf die letzte Plage beschränken. Denn sie bildete nicht nur den Höhepunkt, sondern war zugleich der Hintergrund für das Passahfest und den Auszug des Volkes aus dem Haus ihrer Knechtschaft. Worin bestand diese letzte Plage? Wir wissen es alle, wollen aber dennoch Mose zu Wort kommen lassen:

So spricht der Herr: Um Mitternacht will ich mitten durch Ägypten gehen, und alle Erstgeburt im Land Ägypten soll sterben – von dem Erstgeborenen des Pharao, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Magd, die hinter der Handmühle sitzt; auch alle Erstgeburt unter dem Vieh. Und es wird ein großes Geschrei sein im ganzen Land Ägypten, wie es niemals gewesen ist noch sein wird.“ (2Mos. 11,4–6)

Der Tod der Erstgeborenen – vom Höchsten bis zum Geringsten, selbst unter dem Vieh! Was bedeutete das? Wenn wir uns an die Rolle der Erstgeborenen in der Familie und an das Recht der Erstgeburt erinnern, dann kommen wir darauf. Der Erstgeborene war in der Regel der Haupterbe, er erhielt den doppelten Anteil am Erbe. Der Erstgeborene nahm nach dem Tod des Vaters in natürlicher Nachfolge dessen Platz als Oberhaupt der Familie ein. Er stellte somit in eigener Person den Fortbestand der Familie und damit des Volkes sowie auch seiner Reichtümer und Kultur sicher. Eine schwerwiegende Funktion, eine große Bedeutung. Der Erstgeborene war, bildlich gesprochen, ein Glied in einer langen Kette, die vom Anbeginn der Zeiten bis in die Ewigkeit reichen sollte. Wenn nun ein solches Kettenglied herausgebrochen wird, fallen die Enden der Kette zu Boden. Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft wird zerstört; es kommt zu einem abrupten Ende.

Der Tod aller Erstgeborenen in Ägypten symbolisierte genau das. Verbinden wir das mit der bereits erläuterten Stellvertreterrolle, die Ägypten hinsichtlich der ganzen Menschheit einnahm, so ist diese letzte Plage nichts anderes als ein Sinnbild für die Verurteilung der sündigen Menschheit im Gericht Gottes. So wie der Tod im Reich Ägypten zuschlug, die Kette der Generationen zerriss und die Zukunft des Volkes auslöschte, so wird der ewige Tod der sündigen Menschheit ein Ende bereiten und sie zum ewigen Verderben in die äußerste Finsternis werfen.

2. Die Bedeutung des Passahlamms

Diesem Urteil kann sich niemand entziehen. Egal, welchen Standes und welcher Abstammung er ist. Immer wieder müssen auch wir bekennen, dass wir selbst uns tagtäglich all der Übertretungen schuldig machen, die Gott in seiner Gerechtigkeit strafen muss. Auch Israel in Ägypten hatte aus sich selbst nichts vorzubringen, um in irgendeiner Weise verschont zu werden. Denn uns soll nicht entgehen: Das Volk Israel war faktisch ein Teil Ägyptens! Es war unter die Sünde verkauft, und rein äußerlich war kein Unterschied zwischen Ägypten und Israel. Und Gott – ja, Gott selbst – (Lesen wir unseren Text genau!) –schritt ganz folgerichtig durch das ganze Reich Ägypten, auch durch das Land Goschen, das Gebiet, in dem die Hebräer wohnten. Israel wurde nicht deshalb verschont, weil es Israel war – sondern weil das Blut eines Lammes seine Häuser schützte und so der Tod an ihnen vorüberging. Das hebräische Wort pessach bedeutet dann auch nichts anderes als vorübergehen.

Seien wir bitte nicht abergläubisch. Glauben wir nicht, dass es tatsächlich das Lamm aus der bunten Herde nebenan war, das auf wundersam–magische Weise das Unheil vom Volk abwendete. Dieses Lamm stand bildhaft für etwas anderes, besser gesagt: für jemand anderen. Und wir brauchen nicht lange zu rätseln, wer dies war. Johannes der Täufer rief, als er Jesus am Jordan erblickte, aus: „Siehe, das Lamm Gottes!“ (Joh. 1,29.36). Und der Apostel Paulus schreibt ganz direkt: „Denn unser Passahlamm ist ja für uns geschlachtet worden: Christus“ (1Kor. 5,7). Hinter dem Lamm, das jeder Haushalt Israels schlachten und von dem jede Seele essen sollte, stand in Wirklichkeit Jesus Christus. Was mit dem Lamm geschah, war nichts anderes als eine symbolische Vorwegnahme des Geschehens auf Golgatha.

Dieses Lamm, das von den Schafen oder Ziegen genommen und, nebenbei bemerkt, männlich, einjährig und vor allem makellos war, sollte geschlachtet werden. Es sollten unter dem ganzen Volk so viele Lämmer geschlachtet und gebraten werden, dass jede Person davon essen konnte und nichts übrigbliebe. Aber nachdem man es geschlachtet hatte, sollten zunächst die Türpfosten und Oberschwellen, also die Türrahmen der Häuser, mit dem Blut bestrichen werden. Wir finden hier mehrere Elemente, auf die wir ein wenig näher eingehen wollen.

Zunächst einmal sollte dieses Lamm mehrere Tage von der Herde abgesondert und wohl im unmittelbaren Umkreis der Familie gehalten werden. Am 10. Tag des Monats sollte das Tier abgesondert, aber erst am 14. geschlachtet werden und sein Leben lassen. Somit kam das Opfertier aus der Mitte der Familie, aus der Mitte des Volkes. Wir können hier bereits erkennen, dass es gerade dadurch stellvertretend für die Erstgeborenen Israels, des Volkes Gottes, starb. Ohne ein totes Lamm hätte es kein Blut an den Türrahmen gegeben, und ohne Blut an den Türrahmen wäre der Tod ins Haus gekommen. Der Tod dieses Lammes, aus der Mitte des Volkes gerissen, war ein notwendiger, ja der zentrale Teil dieser Ereignisse. Gleichsam ist in Wirklichkeit auch der Tod Christi, des wahren Menschen, das zentrale Element der Versöhnung. Warum musste der Christus sterben? Hätte Gott die Sünden nicht einfach vergeben und vergessen können? Nein, denn dann wäre er nicht Gott. Gott ist ein gerechter Gott. Er ist der Inbegriff der Gerechtigkeit. Er kann einmal begangenes Unrecht nicht einfach unter den Teppich kehren, sondern er verlangt Genugtuung, vollständige Bezahlung aller Schuld. Und jeder Mensch bezahlt seine Schuld, seine ganz persönliche, unendlich große Schuld gegenüber Gott mit dem ewigen Tod. Darum musste auch Christus als unser Stellvertreter diesen ewigen Tod sterben, er musste alle Qualen der Hölle durchleiden, und das alles an unserer Stelle. Genau diese Wirklichkeit wurde durch die Schlachtopfer im Alten Bund im Allgemeinen und durch das Passahlamm im Besonderen symbolisiert.

Das Lamm war geschlachtet. Tot. Nun kam der zweite Teil: Die Leute mussten das dabei vergossene Blut nehmen und einen Büschel Ysop gleich einem Quast hineintauchen, um ihre Türrahmen damit zu bestreichen. Denn das war die Ankündigung in unserem Predigtabschnitt: „Wenn ich das Blut sehe, dann werde ich verschonend an euch vorübergehen; und es wird euch keine Plage zu eurem Verderben treffen, wenn ich das Land Ägypten schlagen werde.“ Das Blut des Lammes rettete das Volk Gottes, während Ägypten in Tod und Finsternis versank! Und in der geistlichen Wirklichkeit rettet das Blut Christi das Volk, das sein Vater sich erwählt und ihm gegeben hat, dessen Erstgeborener (!) er ist (Röm. 8,29). Am Tag des Gerichts, wenn abgerechnet wird, wenn jedermanns Sünde offenbar wird, dann wird Jesus Christus – bildlich gesprochen – vorspringen und rufen: „Halt, Vater! Die hier nicht! Sieh meine Wunden, sieh mein Blut! Ich habe es für sie vergossen, und darum sind sie frei und ohne Schuld.“ So wird das Verderben an uns vorübergehen, und wir werden in den himmlischen Festsaal eintreten und in ewiger Gemeinschaft mit Gott leben.

Einzig und allein das Blut des Christus, unseres Passahlammes, rettet uns. Nichts anderes! So war es auch in Ägypten. Wer seine Türen nicht mit dem Blut des Lammes bestrichen hatte oder sich außerhalb des so geschützten Hauses aufhielt, den ereilte der Tod. Gleich, ob er Ägypter oder Israelit, Freier oder Sklave, reich oder arm, fleißig oder faul war: Allein das Blut des Lammes machte in jener Nacht des Gerichts den Unterschied.

Ein drittes Element: der Verzehr des geschlachteten und gebratenen Lammes. Jeder sollte davon essen, und es durfte nichts übrigbleiben. Wenn aus irgendeinem Grund etwas übrigblieb, so musste es verbrannt werden. Was finden wir hier? Zunächst die Erkenntnis, dass das Volk mit diesem Lamm sozusagen „vereinigt“ werden musste. Sie mussten sich dieses Opfer zueignen und so mit ihm eins werden. Nur so konnte die Stellvertreterfunktion des Lammes verdeutlicht werden, die Tatsache, dass es anstelle des Volkes in den Tod dahingegeben worden war. Und diese Zueignung, auch wenn sie durch den Verzehr äußerlich und sichtbar erfolgte, war in Wirklichkeit ein Werk des Glaubens. Die Zueignung des Opfers und seiner Wirkung geschah durch Glauben an die Zusagen Gottes. Und so ist es auch heute. Um am Heilswerk Christi teilzuhaben, muss er unser werden, wir müssen ihn besitzen, er muss Teil von uns werden und wir Teil von ihm, als Glieder seines Leibes. Und das geschieht durch Glauben. Auch im Abendmahl empfangen wir Christus nicht in natura, sondern durch Glauben. Das Brot und der Wein sind nicht Christus, ebenso wenig wie das Passahlamm Christus war. Sondern dies ist ein Zeichen für Christus, genauer: für den gekreuzigten Christus, das uns sein Heilswerk besser verständlich machen soll als es die bloße Wortverkündigung vermag. Wir haben an Christus Anteil und werden Glieder seines Leibes, nicht im körperlichen, stofflichen Sinne, sondern im und durch Glauben.

Noch eine weitere Erkenntnis gewinnen wir: Das Lamm war genügend für das ganze Volk Gottes, und es war auf das Volk Gottes beschränkt. Jeder sollte davon essen, und es durfte nichts übrigbleiben. Jeder Israelit, und sonst niemand, sollte Anteil an dem haben, was durch das Lamm symbolisiert wurde. Kein Ägypter sollte in den Genuss des Lammes kommen. Und selbst, wenn etwas übrigbleiben sollte, so sollte es verbrannt werden.

Christus ist nicht das Sühnopfer für alle und jeden. Er ist das stellvertretende Sühnopfer für das erwählte Volk Gottes. Nicht weil seinem Kreuzestod irgendetwas fehlen würde, nicht weil er nicht kraftvoll oder wirksam genug wäre, sondern weil Gottes Ratschluss es so bestimmt hat. Allein das Volk Gottes hat durch Glauben Anteil an Christus. Aber diese Tatsache soll uns nicht erschrecken oder gar verzweifeln lassen, sondern im Gegenteil trösten und ermutigen! Die Verheißungen stehen unverrückbar: „Wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst!“ (Offb. 22,17). Ebenso: „Wer an mich glaubt, der hat ewiges Leben“ (Joh. 6,47) und viele andere Stellen. Das wird uns zugesichert! Ergreift Christus im Glauben, und er gehört euch, und ihr gehört ihm. Sein Blut bedeckt eure Sünden und rettet euch.

3. Die Bedeutung des Auszugs

Das alles wurde Israel durch dieses Lamm verdeutlicht. Und jetzt wollen wir auf noch etwas achten, das thematisch bereits auf den Ostersonntag weist. Gemeint ist der mit dem Passah einhergehende Auszug Israels aus Ägypten. Wir wollen das Thema auch nur so weit anschneiden, wie es in den Rahmen unseres Predigtabschnittes passt. Dieses erste Passah, das Lamm, das Blut an den Türen, der Tod der Erstgeborenen Ägyptens – das bildete den Hintergrund und zugleich den Auftakt für den Exodus, für den Auszug aus dem Sklavenhaus, hinein ins gelobte, das heißt den Erzvätern verheißene, Land.

Wenn wir zurückdenken an die geistliche Bedeutung Ägyptens und der Knechtschaft Israels in Ägypten, dann erkennen wir, was dieser Auszug geistlich und auf die Wirklichkeit bezogen bedeutet. Er bedeutet, dass nunmehr die Macht der Sünde gebrochen ist, dass das Volk Gottes von der Herrschaft der Sünde befreit ist, dass dem Volk die Freiheit geschenkt ist, seinem Gott zu dienen. Zusammengefasst: Der Auszug steht stellvertretend für das neue Leben in der Gemeinschaft mit Gott, das heißt für den Bund Gottes. Nicht umsonst steht in diesem Zusammenhang auch die Anweisung Gottes an Israel, mit diesem Monat des Passahs ein neues Jahr zu beginnen. Es beginnt etwas Neues, ein neues Leben. Und dieses neue Leben ist eine unmittelbare Frucht des Glaubens. Wer Christus im Glauben besitzt, der besitzt damit auch alle Heilsgüter, die Christus erworben hat, allen voran die Sündenvergebung und das ewige Leben. Und um diesen unmittelbaren Zusammenhang sichtbar aufzuzeigen, begann der Auszug genau am nächsten Morgen. Mehr noch: Deshalb mussten die Israeliten das Passah in voller Reisemontur und abmarschbereit feiern. Denn dadurch sollten sie erkennen, dass Glaube an Gottes Verheißungen, die Erlösung von der Sündenschuld und das ewige Leben nicht zu trennen sind. Das eine geht nicht ohne das andere. Wenn ich das eine besitze, wird das andere nicht ausbleiben. Das glaubende Volk Gottes gelangt durch das Sühnopfer Christi unmittelbar in die Freiheit!

Das ist die frohe Botschaft des Passahs und viel mehr noch Golgathas. Die frohe Botschaft vom Kreuz. Und darum empfinden wir beim Gedanken ans Kreuz vor allem eines: Dankbarkeit! Dankbarkeit gegenüber unserem Vater im Himmel, der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern in den bitteren Tod dahingegeben hat, um uns in die Freiheit und in sein herrliches Licht zu führen.

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