Wortverkündigung zu Lukas 2,1

„Es begab sich in jenen Tagen, dass ein Befehl von dem Kaiser Augustus ausging, dass der ganze Erdkreis sich erfassen lassen sollte.“

Lukas 2,1

Zweifellos gehört dieser Vers zu den bekanntesten der Heiligen Schrift. Auf den ersten Blick kommt er uns recht sachlich vor. Deswegen lesen wir schnell über ihn hinweg, zumal wir wissen: Gleich hören wir vom Stall in Bethlehem, der Krippe und dann von den Hirten und Engeln.

Über diesen ersten Vers machen wir uns nicht viele Gedanken. Dass er so sachlich ist, macht ihn nicht gerade attraktiv, sicher nicht zur Weihnachtzeit. Denn gleichgültig ob wir jung oder alt sind: Worte wie „Weihnachten“ oder „Heiliger Abend“ verbinden viele von uns noch immer mit Poesie, Kinderzeit und Familie. Ganz bestimmte Erinnerungen oder Erwartungen treten vor unser geistiges Auge. Erinnerungen meistens dann, wenn wir älter geworden sind, Erwartungen, wenn wir jung sind. Wie auch immer: Die vor uns liegenden Tage haben den Charakter des Außergewöhnlichen. Folglich übergehen wir schnell eine Zeitangabe. – Oder haben wir da etwas übersehen?

Der Zeitpunkt der Geburt Christi

Die Frage, in welchem Jahr Jesus geboren wurde, hat bekanntlich viele Theologen und Historiker beschäftigt. Eine schier unübersehbare Fülle von Büchern und Artikeln wurde zu dieser Thematik abgefasst. Vermutlich, so werden wir unterrichtet, war das Geburtsjahr unseres Herrn und Heilandes nicht das Jahr Null. Nicht wenige Historiker meinen sogar herausgefunden zu haben, dass es ein Jahr Null gar nicht gegeben habe. Sie unterrichten uns, dass Jesus wahrscheinlich im Jahr 4 oder im Jahr 7 vor unserer Zeitrechnung geboren wurde. Obwohl die für die jeweiligen Termine vorgebrachten Argumente interessant sind, wollen wir sie hier nicht berücksichtigen, sondern stattdessen darauf achten, wie das Wort Gottes selbst die Geburt unseres Herrn datiert.

Es begab sich in jenen Tagen…“. Worauf verweisen die Worte „in jenen Tagen„? Nach der uns vertrauten Lutherübersetzung (Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging…) könnte man meinen, die Zeitangabe beziehe sich auf den Steuererlass, zumal darüber im Folgenden gesprochen wird. Aber genau dann haben wir diese Zeitangabe nicht richtig verstanden. Die drei Worte, blicken nicht auf den Erlass Roms, sondern „in jenen Tagen“ bezieht sich auf das, was vor diesem Vers geschrieben steht, also auf Ereignisse, die in Kapitel 1 berichtet werden. Zuletzt wurden uns dort der Lobgesang der Maria (Luk. 1,46–56) und die Weissagung des Zacharias (Luk. 1,67–79) mitgeteilt.

Wenn wir also den Vers umschreiben wollen, können wir sagen: „Es begab sich in jenen Tagen, als eine Jungfrau sang, dass Gott mit seinem Arm Mächtiges tut und dass er Gewaltige von ihren Thronen stößt, und in jenen Tagen als ein alter Mann weissagte, dass Gott uns Errettung von unseren Feinden gebe, dass er uns aus der Hand aller, die uns hassen, befreien werde, dass endlich die Mächtigen gestürzt und beseitigt werden“.

Damit wird die Dramatik dieser Aussage deutlich. Eigentlich erwartet man nun die Erfüllung. Aber genau so lesen wir es nicht. Vielmehr geschah „in jenen Tagen“ das genaue Gegenteil, von dem, was da gesungen und geweissagt wurde: Ein Dekret wurde erlassen. Lukas nennt es sogar ein „Dogma“. Dieser Erlass schien allen gerade vernommenen Jubel und die gerade gehörte Prophetie zu verhöhnen. Denn in dieser Zeit trat noch jemand anders auf:

Augustus

Eigentlich hieß der Mann „Octavian“. Er war der adoptierte Sohn von Julius Caesar. Aber Lukas nennt ihn nicht mit seinem Eigennamen, sondern er stellt ihn mit seinem Titel vor: Augustus. „Augustus“ heißt auf deutsch: der Erhabene, der Erlauchte, der Gottgleiche.

Als im Haus des Zacharias Freude über die Geburt des kleinen Johannes aufbrach, da ergriff der „Erlauchte“ das Wort, er, dessen Legionen im Gleichschritt durch Judäa marschierten und dessen Statthalter eifrig Vorbereitungen für die Umsetzung des Steuerdekrets traf.

Erstirbt da nicht jeder Jubelgesang? Wird da nicht alle Freude erstickt? Muss nicht gerade dieser Erlass alle, die eben gerade noch gesungen haben, verwirren? Anstatt des Sturzes der in ihren Gedanken Hochmütigen, anstatt der Könige, von denen es doch hieß, dass sie entmachtet werden sollten, erlässt der „Erhabene“ ein Dekret, und von Gibraltar bis zum Euphrat, von der Nordseeküste bis in die Wüsten der Sahara gehorchen alle.

Octavian hatte in den vergangenen Jahren geschickt taktiert und alle Rivalen ausgeschaltet. Sein Thron schien fester zu stehen als jemals zuvor. Das Römische Reich hatte eine Zeit von mehr als hundert Jahren Bürgerkrieg hinter sich. Nun konnten zum ersten Mal die Türen des Tempels des Kriegsgottes Janus geschlossen werden. Das hieß: Nirgendwo tobte Krieg. Das lang ersehnte Friedensreich schien zum Greifen nahe. Nach außen mussten zwar noch die Grenzen gesichert werden, an einigen Stellen, wie etwa in Germanien auch noch „begradigt“ werden, aber Kaiser Octavian packte diese Aufgabe entschlossen an. Es gab auch keinen Grund, unsicher aufzutreten. Die Menschenmassen waren auf seiner Seite. Sie wünschten sich nichts sehnlicher als endlich, endlich Frieden. Die Herzen flogen ihm zu.

Als Augustus einige Jahre zuvor eine Reise in den Osten seines Reiches unternahm, da wurde er bejubelt als „Friedensbringer“, „Retter“, „Heilsbringer“, „Weltenheiland“. Sein Kommen feierten die ihm zujubelnden Massen als „Parusie“ und „Epiphanie“. Seinen Geburtstag besangen sie als „gute Nachricht“, als „Evangelium.“ Hatte nicht der römische Dichter Vergil Recht, wenn er das lang ersehnte Goldene Zeitalter nunmehr in Erscheinung treten sah?

Der Kaiser war sich seiner Stellung bewusst. Er kannte die Erwartungen, die an ihn herangetragen wurden und ihm war auch seine Macht bewusst: Falls sich ihm jemand in den Weg zu stellen wagte, verfügte er über die Mittel, seinen Willen durchzusetzen. Die Legionen standen hinter ihm. Und … sein Wort galt. Erlasse aus Rom hatten Geltungskraft.

Natürlich kosten Aufbau und die Absicherung eines Friedensreiches Geld. Genau dafür aber gibt es Steuern: Alle Bewohner sollten nach ihrem Vermögen bewertet („geschätzt“) werden. Regionale Erfassungsbemühungen hatte es bereits vorher gegeben. Aber jetzt war der Zeitpunkt gekommen, dass der „ganze Erdkreis“ erfasst werden sollte. Auf diese Weise konnten alle Völker gleichgeschaltet werden. Für niemanden mehr gab es Sonderbehandlungen! Keine Privilegien mehr! Aber auch keine Diskriminierung! Rom hatte verstanden: Voraussetzung, um unter Menschen eine Friedensordnung durchzusetzen, ist deren Gleichbehandlung. Jeder darf jetzt Steuern zahlen! Folglich wurde auch Israel, also das Volk, mit dem Gott einen Bund geschlossen hatte, auf eine Stufe mit den anderen Völkern gestellt und wurde ebenfalls zur Kasse gebeten.

Angesichts dieser weltpolitischen Konstellation schien das, was in jenen Tagen ein junges Mädchen und ein alter Mann triumphierend besangen, unsinnig. So schien es.

Wenn Weltgeschichte auf Heilsgeschehen trifft

Wir wissen heute, wie die Geschichte weiter verlief. Einige Jahrhunderte nach dem Tod des römischen Kaisers führte man eine neue Zeitrechnung ein. Diese Zeitrechnung orientierte sich nicht an denjenigen, die in Rom jeweils ihre Macht ausübten, sondern sie wurde bezogen auf die Geburt Jesu Christi.

Aber zur Zeit des Augustus war Derartiges jenseits alles menschlichen Denk- und Vorstellbaren.

Und doch ist es genau das, was uns der Geist Gottes bereits in diesem Vers aus Lukas 2 klarmachen will. Es heißt hier nämlich nicht: Es begab sich in den Tagen, als Kaiser Augustus ein Dekret erließ, dass Maria und Zacharias lobsangen und weissagten, sondern das Wort Gottes formuliert es genau anders herum: „Es geschah in jenen Tagen“ – das heißt: in den Tagen, als Maria und Zacharias Gott laut lobten – „dass ein Befehl ausging“ von (… wie wurde er doch seinerzeit genannt … ) „Augustus„.

Bereits dieser erste Vers der „Weihnachtsgeschichte“ zeigt damit die gewaltige Spannung auf: Wenn Weltgeschichte, also das, was wir in unseren Geschichtsbüchern lesen, auf die Heilsgeschichte Gottes trifft, dann bildet sie lediglich die Kulisse. Die Geburt Jesu wird nicht nach dem Steuererlass eines römischen Kaisers datiert, sondern nach dem, was „in jenen Tagen“ viel Wichtigeres geschah: eine Jungfrau sang und ein alter Mann weissagte: „In jenen Tagen„, als das passierte, ach ja, da passierte noch etwas anderes: Einer, der „Erhabener“ genannt wurde, erließ einen Steuererlass.

Wenn wir weiterlesen, wird die Sache noch brisanter: Dieser Steuererlass des „Erhabenen“ bildete nämlich nicht nur die Staffage für das Heilsgeschehen, sondern das Dekret wird der Grund, warum Joseph mit seiner hochschwangeren Verlobten nicht in Nazareth blieb, sondern nach Bethlehem aufbrechen musste. Das wird gleich in den folgenden Versen berichtet. Während der „Erhabene“ durch seinen Steuererlass meinte, seine Macht über die ganze damals bewohnte Welt zu demonstrieren und er so im Begriff stand, eine neue Welt- und Friedensordnung aufzurichten, sorgte er in Wahrheit nur dafür, dass sich das Wort Gottes bis ins Kleinste erfüllte. Denn bereits Jahrhunderte vorher hatte der Prophet Micha prophezeit: „Du Bethlehem aus dir wird mir der kommen, dessen Hervorgehen von Anfang, von den Tagen der Ewigkeit her gewesen ist“ (Mi. 5,1).

Begreifen wir, wer die Macht in den Händen hat? Egal ob die Großen wie damals in Rom saßen oder heute in Washington, Moskau, Peking, Brüssel, Berlin, New York oder sonstwo auf Wirtschaftskonferenzen tagen oder in Bilderberg–Konferenzen Pläne schmieden: Es ist Gott, der Herr, der alles Geschehen lenkt und dem Reich Gottes dienstbar macht. Mehr noch: Gerade die Machtdemonstrationen der Mächtigen dieser Welt, die das Reich Gottes auf den ersten Blick in Ausweglosigkeiten zu stürzen scheinen, nutzt Gott für seinen Triumph.

Als Lukas in seinem zweiten von ihm verfassten Buch, der Apostelgeschichte, zum Ende kommt, berichtet er von der Ankunft des Paulus in Rom. Der Apostel kam damals in die Hauptstadt auf Staatskosten, als Gefangener. Aber bezeichnenderweise endet die Apostelgeschichte mit dem Satz: „Er [Paulus] predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit aller Freimütigkeit, ungehindert“ (Apg. 28.31). Haben wir recht gelesen? Das letzte Wort lautet „ungehindert“.

Gott kann durch weltliche Erlasse oder antichristliche Mächte nicht behindert werden, auch wenn auf den ersten Blick Dekrete von bedeutsamen Herren einen entgegengesetzten Eindruck vermitteln. Im Licht Gottes erfassen wir, dass nicht diejenigen die Weltgeschichte bestimmen , die als „Erhabene“ oder als „Gottgleiche“ auftreten. Vielmehr triumphiert Gott der Allmächtige.

Das gibt Trost und den Glaubensblick, der uns dahin führen kann, was uns eine Jungfrau und ein alter Mann vorgemacht haben: in den Jubel und in das Jauchzen über das Heilswerk Gottes einzustimmen.