Die Reformation, die Deutschen und Johannes Calvin (Teil 2)
Luther und Calvin – ein respektvolles Verhältnis

Die in der letzten Nummer der Bekennenden Kirche angefangene Artikelreihe setzt der ARTDozent Dr. Victor d’Assonville mit dem folgenden Artikel fort, in dem er auf die Gemeinsamkeiten, ja auf die freundliche Beziehung aufmerksam macht, die es zwischen Johannes Calvin und Martin Luther gab.

Eine Frage der Quellen

Immer wieder, besonders im Zeitraum zwischen dem Calvinjahr 2009 und dem Reformationsjahr 2017, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis des Genfer Reformators Johannes Calvin (1509–1564) und des Professors aus Wittenberg, Martin Luther (1483–1546). Wie die Kirchengeschichte zeigt, wurden zu dieser Frage von verschiedenen Seiten immer wieder unterschiedliche Behauptungen aufgestellt. Dabei fehlen leider nicht selten die grundsätzlichen Belege und Quellenbezüge. Häufig wird dabei das Luthertum mit Luther identifiziert, der Calvinismus mit Calvin. In dieser Artikelreihe interessieren uns aber in erster Linie die beiden Reformatoren selbst sowie ihre reformatorischen Mitstreiter, nicht die nachfolgenden Jünger und Generationen. Letztgenannte und ihre eigene Fortsetzung und Entwicklung der Theologie sind zwar wichtig, aber nicht Thema dieser Reihe von Kurzartikeln. So sind wir gut beraten, am reformatorischen Grundsatz der beiden sowie auch anderer Reformatoren – ja der Reformation überhaupt – festzuhalten, nämlich am Grundsatz „ad fontes„: zurück zu den Quellen. Also auch dann, wenn wir uns mit den beiden Reformatoren beschäftigen.

Ein neues Interesse am biblischen Text

Gerade der Ruf, „Zurück zu den Quellen“, verlieh der Reformation einen überaus wichtigen Schub. Dieser Ansatz entwickelte sich zunächst in dem in Italien aufkommenden Humanismus. Bald darauf griffen nördlich der Alpen Gelehrte wie der Hebraist Johann Reuchlin (1455–1522 – ein Onkel Philipp Melanchthons), der Hellenist Guillaume Budé (1467–1540), der frühe Wegbereiter der französischen Evangelisme–Bewegung Faber Stabulensis (Jaques le Fevre d’Estaples, ca. 1455–1536) und Desiderius Erasmus (1469–1536) diesen Gedanken auf und leisteten wichtige Beiträge.

Der Humanismus des 16. Jahrhunderts darf mit dem gegenwärtigen Verständnis des Begriffes nicht verwechselt werden. Vor 500 Jahren bezog sich dieser Begriff in Italien auf eine Wiederentdeckung der Antike, der antiken griechischen und lateinischen Texte, der antiken Gedanken, der antiken Philosophie. „Zurück zu den Quellen“ wurde eine Art Losung des Humanismus. Während der weiteren Entwicklung dieser Bewegung nördlich der Alpen kam auch recht bald Kritik an der römisch–katholischen Kirche auf, denn allmählich entwickelte sich ein Biblischer
Humanismus. Zu den „Quellen“ zählten für die biblischen Humanisten zunehmend die Kirchenväter, nicht die scholastischen Kommentare oder die Sentenzen (spitzfindige kommentierende Notizen zu den Kirchenvätern, zum Beispiel von Petrus Lombardus). Neben den Schriften der Väter aus der Frühen Kirche waren für die Wegbereitung der Reformation natürlich von wesentlicher historischer Bedeutung die Bücher des Alten und des Neuen Testaments, also die Heilige Schrift, und zwar in ihren Originalsprachen Hebräisch und Griechisch. In der Verbreitung dieser neuen Impulse zum Lesen und Studieren der Bibel spielte auch die von Gutenberg seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfundene Buchdruckkunst eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Eine Brücke zur Reformation?

Dass der biblische Humanismus in mehrfacher Hinsicht als wichtige Brücke zur Wiederentdeckung der Schriftwahrheit fungierte, steht außer Frage. Zum Beispiel profitierten alle Reformatoren von den neuen Erkenntnissen in den biblischen Sprachen sowie von dem damit verbundenen Aufschwung der Untersuchungen zu den Büchern der Bibel. Darüber hinaus konnten sie mit großem Gewinn nicht nur neue textkritische Ausgaben der Kirchenväter benutzen, die aus den Fachkenntnissen des Humanismus hervorgegangen waren, sondern auch die Textausgabe des griechischen Neuen Testaments (1516) von Erasmus. Soweit es unter anderem Zwingli, Melanchthon und Calvin betrifft, ist die Rolle des Humanismus in der früheren Entwicklung ihrer Sprachkenntnisse und exegetischen Fähigkeiten bekannt. Aber auch Luther schätzte die philologische Arbeit des Erasmus, während Erasmus seinerseits Luthers frühe reformatorische Anstöße gewürdigt haben soll. Dass sich später die Wege Luthers und Erasmus‘ in der reformatorischen Entwicklung trennten, vor allem bei der Frage des freien Willens, ist ebenso bekannt wie der Umstand, dass Erasmus die Konsequenzen seiner Kritik an der institutionalisierten römischen Kirche nie zu ziehen vermochte.

Da die Rolle des biblischen Humanismus für die geschichtliche Entwicklung der Reformation aber sehr komplex ist und zuviel vom eigentlichen Thema ablenken würde, gehen wir jetzt nicht weiter darauf ein.

Was wäre, wenn …?

Wie gerne hätten wir, die wir von Natur aus neugierig sind, uns eine Begegnung zwischen Luther und Calvin gewünscht. Während der eine für die Entwicklung und eine endgültige Festlegung der deutschen Sprache, vor allem der Schriftsprache, maßgeblich war, war der andere sehr einflussreich für das Französische, das bis dahin noch nie auf einem derart nuancierten Niveau benutzt worden war. Ihre unterschiedlichen Aufgaben bei der Durchsetzung, Festigung und Verbreitung der Reformation stehen außer Zweifel. Dass sich Calvin gewünscht hatte, Luther zu treffen, geht aus einem seiner Briefe aus dem Jahre 1545 hervor.1 Wie gerne besäßen wir einen ausführlichen Briefwechsel der beiden zu bestimmten Themen und Fragen, mit denen wir heute ringen! Wie sehr manche das vermissen, zeigt eine deutschsprachige Neuerscheinung eines Buches mit erfundenen Briefen zwischen dem Wittenberger und dem Genfer Theologen.2

Trotz eines ziemlich begrenzten Quellenumfangs gibt es dennoch manche Aussagen und Hinweise, die uns etwas zum persönlichen Verhältnis zwischen Luther und Calvin vermitteln. Von Seiten Luthers sind uns in der Forschung nur einige Aussagen über Calvin bekannt, von Seiten Calvins wesentlich mehr, nicht zuletzt da er sich seit Anfang seines Werdegangs Luther verbunden fühlte und Luther um 18 Jahre überlebte.

Herr Prof. Martin Luther lässt herzlich grüßen

Bekanntlich verfasste Calvin in Straßburg, gerade einmal 30jährig, am 1. September 1539 seine berühmte „Antwort an Kardinal Sadolet„, in der er nicht nur die Neuordnung Genfs, sondern die Integrität der gesamten Reformation verteidigte. Es ist eine Verteidigung der Reformation, die „ohne Vergleich in der an großen Texten nicht gerade armen theologischen Literatur der Zeit“ steht, … „ein rhetorisches Meisterwerk“.3 Keine anderthalb Monate später, am 14. Oktober 1539, ließ Luther über den Straßburger Reformator Martin Bucer (14911551), mit dem Calvin zu dieser Zeit zusammenarbeitete, Calvin grüßen. Er habe gerade mit Genugtuung Calvins Institutio (die zweite Ausgabe war noch im Jahre 1539 von Calvin überarbeitet worden) und den eben erwähnten Brief an Sadolet gelesen. Sechs Jahre später wird Crodelius Calvin an diese Wertschätzung Luthers erinnern.4 Auch schätzte Luther sehr Calvins Schrift an Kaiser Karl V. aus dem Jahr 15435 und urteilte „freundlich über die lateinische Übersetzung von Calvins kleinem Traktat zum Abendmahl“.6

Ein Briefbote versagt

Dass die Kirchengeschichte manchmal spannender als ein Krimi sein kann, zeigt uns allerdings ein – auch für Calvin – unerwartetes Ereignis. Der einzige uns bekannte Brief, den Calvin an den Wittenberger Reformator schrieb, wurde nie zugestellt. Nach so vielen Jahrhunderten lässt sich der genaue Grund dafür nicht mehr angeben. Aber anscheinend wagte es Melanchthon, dem als gemeinsamem Freund der beiden der Brief anvertraut worden war, nicht, Luther den Brief zu übergeben. Aus diesem Brief Calvins – er ist erhalten – an den großen deutschen Reformator an dessen Lebensabend, geht Calvins großer Respekt vor Luther hervor. Calvin nennt Luther den bedeutendsten Hirten und Lehrer der christlichen Kirche, seinen hochgeschätzten Vater.7 Auch nach Luthers Tod im Jahre 1546 nimmt das günstige Urteil Calvins über Luthers historische Bedeutung nicht ab, sondern eher noch zu.

Dies nimmt nicht weg, dass es natürlich auch Unterschiede zwischen den beiden gab, sowohl persönlicher als auch theologischer Art. Im nächsten Artikel wollen wir darauf eingehen, sowie auf eine Deutung des Verhältnisses der beiden berühmten Reformatoren.

Fortsetzung im nächsten Heft:

Theologische Berührungspunkte: Gemeinsamkeiten und Unterschiede


1) CO 12,7. (CO = Calvini Opera Omnia, das heißt: Ioannis Calvini Opera Quae Supersunt Omnia, Vol. I-LIX. 1863-1900. Eddiderunt G[W]. Baum, E. Cunitz & E. Reuss, Vol I – LIX, in: Corpus Reformatorum, Vol. XXIX-LXXXVII. Brunsvigae/Berolini: C.A. Schwetschke et filium. [= CO 1-59.])
2) Rödding, Gerhard, Luther und Calvin: Briefe, die nie geschrieben wurden. Neukirchen-Vluyn [Aussaat] 2009.
3) So C. Link, Antwort an Kardinal Sadolet. (1539). In: CstA 1.2 (= Calvin-Studienausgabe). Neukirchen-Vluyn [Neukirchener Verlag] 1940, S. 337.
4) CO 12,40.
5) Supplex exhortatio ad invictissimum Caesarem Carolum quintum et … Principes …, CO 6,435-534.
6) Vergleiche: Selderhuis, Herman, Calvin Handbuch. Tübingen [Mohr Siebeck] 2008, S. 59: Petit traicte de la saincte Cene
de nostre Seigneur Iesus Christ (1541). In: CO 5, 429-460. Lateinische Übersetzung, 1545: Libellus de coena Domini.
7) CO 12,7: „Excellentissimo christianae ecclesiae pastor