Wortverkündigung zu 1Tim 3,14.15

„Dieses schreibe ich dir, damit du weißt, wie man sich verhalten soll im Haus Gottes, welches die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit.“

1Tim. 3,14.15

Das Verhalten in der Gemeinde Gottes

Offensichtlich bringt der Apostel damit noch einmal das auf den Punkt, was er bisher geschrieben hatte. Paulus hatte dem Timotheus, der zu jener Zeit die Gemeinde in Ephesus leitete (1Tim. 1,3), Anweisungen gegeben, wie er in der Gemeinde arbeiten soll, worauf er unbedingt acht geben soll, was in der Gemeindeaufbauarbeit nicht ignoriert werden darf und worüber man sich nicht folgenlos hinwegsetzen darf.

Worum ging es in den bisherigen drei Kapiteln? Zunächst besteht der Apostel darauf, dass in der Gemeinde das Evangelium von Jesus Christus verkündigt werden muss. In die Gemeinde in Ephesus waren Leute eingedrungen, die versuchten, sich durch spekulative Gedankenführungen über das Gesetz interessant zu machen. Paulus besteht auf den richtigen Proportionen in der Verkündigung. Es ist nicht falsch, auch über das Gesetz zu predigen, aber dann muss das Ziel dieser Verkündigung die Liebe sein (1Tim. 1,4). Mit anderen Worten: Auch die Verkündigung des Gesetzes muss im Horizont des Evangeliums von Jesus Christus stehen, das zusammengefasst lautet: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um Sünder zu erretten“ (1Tim. 1,15). Darum, Timotheus, lass dich durch nichts von der Verkündigung des unverfälschten Wortes Gottes abbringen (1Tim. 1,3–17)!

Neben der gesunden Verkündigung des Evangeliums ermahnt der Apostel, dass die Gemeinde „vor allen Dingen“ für alle (möglichen) Menschen beten soll. Gott will in der jetzigen Zeit nicht mehr nur die Juden retten; sondern sein Heilswille richtet sich auch auf die Heidenvölker. Darum muss jetzt das Evangelium auch unter den Nationen gepredigt werden. Die Christen in Ephesus hatten es seinerzeit selbst erlebt, wie die Verkündigung des Evangeliums harten Widerstand hervorrief und zu Tumulten führte (Apg. 19,23–41). Sie hatten zum Teil hautnah erfahren, dass in einem Gemeinwesen, in dem das Chaos tobt, das Predigen des Wortes Gottes unmöglich ist. Aus diesem Grund ist es erforderlich, nicht zuletzt für diejenigen zu beten, die die öffentliche Ordnung in einem Gemeinwesen sichern (selbst dann, wenn sie nicht Christen sind). Denn nur in einem „ruhigen und stillen“ Umfeld ist das Verbreiten des Evangeliums überhaupt möglich (1Tim. 2,2). Darum, Timotheus, wenn die Gemeinde dem „Rettergott“ entsprechen will, so dass sie das Evangelium in die Welt hinaustragen will, kann sie auf das Gebet niemals verzichten (1Tim. 2,1–7)!

Weiter betont der Apostel, dass es unterschiedliche Aufgaben von Männern und Frauen in der Gemeinde gibt: Darum, Timotheus, ist es sowohl aufgrund der Schöpfung als auch aufgrund der Geschehnisse rund um den Sündenfall nicht gestattet, dass in der Gemeinde eine Frau lehrt oder dass sie über den Mann herrscht (1Tim. 2,8–15)!

In Kapitel 3 geht Paulus detailliert auf Kriterien ein, denen diejenigen zu entsprechen haben, die in der Gemeinde Leitungsaufgaben übernehmen, also Älteste und auch Mitarbeiter, die hier Diakone bzw. Diener genannt werden (1Tim. 3,1–13). Timotheus, auch diese Kriterien sind nicht freibleibend!

Aber Gott kennt unsere harten Herzen. Er weiß, dass der Einwand kommt: Das seien doch alles „äußerliche“ („weltliche“) Fragen, also Randthemen. Es sei doch „vernünftig“, derartige Fragen nach eigenem Gutdünken zu regeln oder indem man sich an aktuellen soziologischen Theorien orientiere.

Also konkret: Kann nicht auch etwas Anderes im Mittelpunkt eines Gottesdienstes stehen als die Botschaft von Christus und seinem Heilswerk auf Golgatha? Abwechslung hat doch etwas Reizvolles! – Ist es nicht ermüdend, immer wieder auf die Wichtigkeit der Gebetsstunde hinzuweisen? Es kommt ja sowieso kaum noch jemand: Lasst uns stattdessen eine Arbeitsgruppe bilden, die ein knackiges Alternativprogramm auf die Beine stellt, um so Außenstehende zu erreichen! – Muss man wirklich in Zeiten wie den unseren, die durch Feminismus und Gender Mainstreaming geprägt sind, darauf bestehen, dass es Frauen nicht gestattet ist, das Wort Gottes zu verkündigen?! – Und schließlich: Reicht es nicht aus, wenn wir bei Amtsträgern oder Mitarbeitern in der Gemeinde als Maßstab anlegen, dass sie „gläubig“ sind?

Als wenn die Heilige Schrift es erahnt hätte, wie leichtfertig wir meinen, uns über die Anweisungen, wie es in der Gemeinde zugehen soll, hinwegsetzen zu dürfen, stellt der Heilige Geist durch den Apostel noch einmal klar: Dieses alles ist geschrieben, damit niemand sagen kann, er habe nicht gewusst, wie man sich in der Gemeinde Gottes verhalten soll.

Aber wir lesen in unserem Vers nicht nur, dass diese Anweisungen unverzichtbar sind. Wir erfahren auch zwei Gründe für diese Wichtigkeit.

Die Gemeinde ist das Haus Gottes

Der erste Grund dafür, warum es nicht in unser Belieben gestellt ist, wie es in der Gemeinde zugehen soll, lautet: Die Gemeinde ist das Haus Gottes.

Immer wenn Paulus in eine Stadt kam, trachtete er danach, das Evangelium in der jüdischen Synagoge zu verkündigen. So war es auch in Ephesus (Apg. 19,8), und folglich stammte eine nicht unbeträchtliche Anzahl der dortigen Christen aus dem Judentum. Als diese Christen hörten, dass die Gemeinde das Haus Gottes ist, kam ihnen vermutlich der Tempel in Jerusalem in den Sinn. Das war der Ort, an dem sie einst vor das Angesicht Gottes getreten waren. Der Vorläufer des Tempels, die Stiftshütte, wurde darum sehr häufig „Zelt der Zusammenkunft“ genannt (2Mos. 40).

Interessant aber ist, dass wir zum ersten Mal in der Heiligen Schrift vom Haus Gottes in einem ganz anderen Zusammenhang lesen. Als Jakob auf der Flucht vor Esau unterwegs zu seinem Onkel Laban in Haran war, übernachtete er einmal an einem ihm unbekannten Ort. In jener Nacht erblickte er im Traum eine Leiter, auf der die Engel Gottes auf– und abstiegen. Gott erschien diesem Flüchtling und gab ihm gewaltige Verheißungen (1Mos. 28,12ff). Als Jakob erwachte, bekannte er: „‚Wahrlich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!‘ Und er [Jakob] fürchtete sich und sprach: ‚Wie furchtgebietend ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes, und dies ist die Pforte des Himmels!'“ (1Mos. 28,16.17).

Jakob nannte diesen Ort deswegen Haus Gottes, weil Gott sich ihm hier kundtat und ihn seines Bundes durch die gewaltigen Gnadenverheißungen versichert hatte. Es war die „Pforte des Himmels“, so dass ihm dieser Ort „furchtgebietend“ war.

Im Neuen Testament lesen wir, dass nun das Haus Gottes nicht länger ein spezieller Ort oder ein besonderes, sakrales Gebäude ist. Vielmehr ist überall dort das Haus Gottes, wo Menschen im Namen Jesu zusammenkommen, das heißt, dort, wo das Evangelium, das Wort Gottes, in der rechten Weise gepredigt wird, wo man sich vor dem dreieinigen Gott zum Gebet vereinigt, wo die Schöpfungsordnungen nicht ignoriert werden und die von Gott gegebenen Ämter recht beachtet werden. In dem Brief, den Paulus der Gemeinde in Ephesus geschrieben hatte, hatte er es folgendermaßen formuliert: die Gemeinde, das ist die „Wohnung Gottes im Geist“ (Eph. 2,20). Wenn der Apostel an der uns betreffenden Stelle die Gemeinde als Haus Gottes bezeichnet, dann sagt er damit: die Beantwortung der Frage, wie man sich in der Gemeinde Gottes zu verhalten hat, ist deswegen nicht nebensächlich, weil die Gemeinde nicht uns gehört, sie gehört Gott. Sie ist nicht unser, sondern sie ist sein Haus. Das, Timotheus, ist der Grund, warum bei der Frage, was in der Gemeinde Gottes zu gelten hat, nicht unsere Ansichten oder Ideen von Belang sind, sondern Gottes Vorgaben.

Die Gemeinde ist der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit

Bereits das erste Argument könnte vollkommen ausreichen, um endlich zu verstehen, dass die in diesem Brief gegebenen Anweisungen nicht freibleibend sind, sondern verbindlich, normativ. Aber gleich darauf erhalten wir eine weitere Begründung. Die Gemeinde ist der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit.

Manche Theologen haben diese Aussage so interpretiert, als würde es der Gemeinde Gottes zustehen, Wahrheiten zu produzieren. Zum Beispiel kann man hier auf das Traditionsprinzip im Römischen Katholizismus verweisen: Der Papst sei befugt, auch dann Glaubenssätze (Dogmen) aufzustellen, wenn sie sich nicht aus der Heiligen Schrift ergäben, aber gleichwohl in der Kirche verbreitet seien.

Aber bei dieser Aussage geht es dem Apostel selbstverständlich nicht um die These, die Kirche (Gemeinde) sei berufen, Wahrheit zu produzieren. Wenn wir die Frage formulieren würden, wer hier was produziert, lautet natürlich die Antwort: Nicht die Gemeinde Gottes produziert die Wahrheit, sondern die Wahrheit produziert die Gemeinde. Die Gemeinde Gottes gibt es nur deswegen, weil sie aus dem Wort Gottes lebt.

Aber um diese Thematik geht es gar nicht. Es geht schon deswegen nicht darum, weil der Apostel hier nicht die weltweite Kirche vor Augen hat, sondern weil er sich konkret an eine Ortsgemeinde (in Ephesus) wendet (mit allen Problemen, einschließlich der Gemeindezucht, siehe 1Tim. 1,19.20).

Es soll uns klar werden, dass Gott seine Gemeinde vor Ort berufen hat, die Wahrheit zu manifestieren. Die Ortsgemeinde ist nicht dazu da, religiöse Stimmungen zu verbreiten, sondern um die Wahrheit zu bezeugen. Wenn nicht die Gemeinde die Wahrheit kundmacht, gibt es in dieser Welt keine Instanz, die diese Aufgabe übernimmt! Sämtliche Gemeindeaktivitäten, seien es Gottesdienstveranstaltungen, Schulungen oder Evangelisationen, sind folglich nur unterschiedliche Vehikel für das Bekennen der Wahrheit. Denn, Timotheus, die Gemeinde des lebendigen Gottes ist dazu berufen, Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit zu sein.