Wortverkündigung zu: Offenbarung 5,6

“ …ein Lamm, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, die die sieben Geister Gottes sind, die ausgesandt sind über die ganze Erde.“

Offenbarung 5,6

Die Macht des geschlachteten Lammes

Wenn der Sohn Gottes nicht in diese Welt gekommen wäre, wenn er nicht in Bethlehem geboren worden wäre, wenn er nicht als das von Gott dem Vater ausersehene Lamm geschlachtet worden wäre, dann hätte er auch nicht die Buchrolle in Empfang nehmen können, von der uns im fünften Kapitel des letzten Buches der Heiligen Schrift berichtet wird (Offb. 5,7ff).

Als Johannes auf der Insel Patmos einen Blick in den himmlischen Gottesdienst empfängt, sieht er plötzlich auf dem Thron ein Lamm stehen, „wie geschlachtet“. Mit anderen Worten: verwundet, blutend, elend.

Gegen Jeremia wurden einst Intrigen geschmiedet. Darüber berichtet der Prophet folgendermaßen: „Ich aber war wie ein argloses Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wusste nicht, dass sie solche Anschläge gegen mich schmiedeten“ (Jer. 11,19). Ein solch wehrloser, beklagenswerter Zustand ist es, an das wir normalerweise bei einem Lamm denken.

Aber das geschlachtete Lamm, von dem hier in der Offenbarung die Rede ist, befindet sich auf dem Thron Gottes. Es ist keineswegs schwach oder gar wehrlos. Im Gegenteil! Es trägt nicht nur den Namen „Löwe aus dem Stamm Juda“ (Offb. 5,5), sondern Johannes hört von diesem Lamm die Botschaft, dass es das einzige Wesen im gesamten Universum ist, das die sieben Siegel der Buchrolle, in dem die Gerichte Gottes enthalten sind, in Empfang zu nehmen und zu öffnen vermag (Offb. 5,8ff). Dieses geschlachtete Lamm hat auch nicht, wie man bei einem Lamm erwarten könnte, zwei kleine Stümpfe, sondern es trägt sieben Hörner.

Hörner stehen in der Bibel für Macht und Stärke. Wenn Zacharias Gott den Herrn dafür preist, dass er „uns ein Horn des Heils aufgerichtet hat“ (Luk. 1,69), dann bringt er mit dieser Formulierung die Rettermacht Gottes zum Ausdruck, die er mit dem Kommen seines Sohnes offenbart hat.

Die Siebenzahl der Hörner steht symbolhaft für die alles umfassende Fülle seiner Macht: Ihm ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben (Mt. 28,18). Im weiteren Verlauf der Vision wird der Apostel Johannes Zeuge des Jubelns, das von den himmlischen Wesen, die unmittelbar um den Thron Gottes stehen, ausgeht und dann stets weitere Kreise zieht. Immer mehr himmlische Wesen stimmen in das Lob ein: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, zu empfangen Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Ruhm und Lob…!“ (Offb. 5,11–14). Diese Macht ist mit den sieben Hörnern auf dem Haupt des Lammes zeichenhaft zum Ausdruck gebracht.

Der siebenfache Geist des Lammes

Unmittelbar danach wird noch etwas über das Lamm gesagt: Es hat sieben Augen. Was mit den sieben Augen gemeint ist, wird im Folgenden erklärt. Es sind die „sieben Geister Gottes, die gesandt sind über die ganze Erde“. Die sieben Augen des Lammes bilden also den Heiligen Geist ab, und zwar in seiner ganzen göttlichen Fülle. (Siehe zum siebenfachen Geist zum Beispiel: Jes. 11,2).

Die Antwort auf die Frage, was uns vermittelt werden soll mit dieser Vision des siebenfachen, von Christus ausgehenden und über die ganze Erde gesandten Geistes, können wir vermutlich nur erhalten, wenn wir einmal untersuchen, was über die Stellung und die Aufgabe des Heiligen Geistes insgesamt im letzten Buch der Bibel gelehrt wird.

Wenn wir unter dieser Fragestellung die Offenbarung lesen, fällt gleich am Beginn des Buches die Aussage ins Auge, dass die „sieben Geister Gottes“ nicht auf dem Thron Gottes sitzen, sondern dass sie sich vor dem Thron Gottes befinden (Offb. 1,4). Warum? Ist der Heilige Geist nicht genauso Gott, wie der Vater und der Sohn? Hat er, der ja ebenfalls wahrer Gott ist, nicht die gleiche göttliche Würde wie die anderen beiden Personen der Dreieinigkeit? Warum sitzt er nicht auf dem Thron?

Um dieses zu verstehen, ist es notwendig, sich vor Augen zu führen, dass sich der Heilige Geist, als er zu Pfingsten von dem Vater und dem Sohn ausgegossen wurde, in den Dienst der beiden anderen Personen der Dreieinigkeit stellte. In seinem göttlichen Sein ist und bleibt der Heilige Geist genauso Gott, wie der Vater und der Sohn. Aber bis zur Wiederkunft Christi hat er sich den beiden anderen Personen dienstmäßig unterstellt. Das ist der Grund, warum Johannes den Geist Gottes vor dem Thron sieht.

Jetzt ist es seine Aufgabe, die Gemeinde des lebendigen Gottes auf Christus und auf sein Heilswerk zu weisen. Er lehrt uns die Dinge, die uns von Gott geschenkt worden sind (1Kor. 2,12).

Anstatt jetzt selbst angebetet werden zu wollen, nimmt er sich in unaussprechlichem Seufzen der Schwachheiten der Christen an (Röm. 8,26). Das für die dritte Person der Dreieinigkeit Erniedrigende besteht darin, dass er bei denen, die durch Christus erlöst worden sind, „bleibt“ (Joh. 14,17). Obwohl der Heilige (!) Geist pausenlos mehr als genug Grund dazu hätte, sich von uns abzuwenden, macht er das nicht, sondern harrt bei uns aus.

Denn noch einmal: Der Heilige Geist sitzt jetzt nicht auf dem Thron, sondern er steht davor und ist als die sieben Augen des Lammes ausgesandt über die ganze Erde.

Was das konkret heißt, lesen wir in den Sendschreiben der Offenbarung: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb. 2,7.11.17.29; 3,6.13.22). Diejenigen, die gleichgültig gegenüber der Wahrheit zu werden drohen und falsche Lehren ertragen, ruft er zur ersten Liebe zurück; diejenigen, die verfolgt werden, tröstet er, und er ermahnt sie, treu bis in den Tod zu bleiben; diejenigen, die sich dem Zeitgeist angepasst haben, bedroht er, falls sie nicht umkehren, mit Krieg; diejenigen, die mit der Sünde spielen, warnt er davor, zerschlagen zu werden; diejenigen, die nur noch formal Christen sind, beunruhigt er, indem er sie auf die Konsequenzen ihres Namenschristentums hinweist; diejenigen, die an seinem Wort festhalten, ermutigt er, nicht nachzulassen; die Lauen ruft er dazu auf, dass sie Christus die Tür ihres Herzens öffnen.

Das alles wirkt der Geist Gottes im Dienst des Sohnes Gottes. Oder um es im Bild von Offenbarung 5,7 zu sagen: Der Geist Gottes wirkt dies als die „sieben Augen des geschlachteten Lammes, die über die ganze Erde gehen“.

Die Praxis

Was heißt das praktisch für uns? Es wäre Unglaube, das Lamm mit den sieben Hörnern nicht als den zu kennen oder kennen zu wollen, der in der Fülle seiner Macht im Himmel angebetet wird.

Aber es wäre religiöse Schwärmerei, wenn wir nicht auch wissen, dass das selbe Lamm, das sieben Hörner trägt, auch durch und durch Auge ist. Als solches, also durch die Fülle seines Geistes, sieht es hier auf Erden seine Gemeinde in ihrer Sündigkeit, Unreinheit, Kompromissbereitschaft, Lauheit und Bedrängnis. Dabei entspricht dieses Sehen des Lammes dem Ruf des Geistes und der Braut, zum Wasser des Lebens zu eilen (Offb. 22,17).