Wortverkündigung und Gemeindebau bei Johannes Calvin

Es ist schon lange her, dass Johannes Calvin gelebt hat: Im kommenden Jahr gedenken wir an seinen fünfhundertsten Geburtstag. Gleichwohl wäre es ein Irrtum, allein aus dem Umstand, dass dieser Mann schon vor mehreren Jahrhunderten gelebt hat, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass er uns zum Thema des Gemeindebaus nichts mehr zu sagen hat. Im Gegenteil! Wenn heutzutage Bücher zu dieser Thematik eine relativ kurze Halbwertszeit haben, erscheint es sehr sinnvoll, einmal zu untersuchen, wie in der Zeit der Reformation über Gemeindebau gedacht wurde. Könnte es nicht sein, dass gerade die Einsichten des Genfer Reformators uns auf Aspekte stoßen lassen, die man heute unbeachtet lässt oder gar verachtet? Der Verfasser des folgenden Artikels bejaht diese Frage entschieden.

Vorbemerkung

Das Thema Gemeindebau oder Erbauung der Gemeinde / Kirche steht seit einigen Jahrzehnten in Theologie und Kirche weltweit im Blickpunkt. Für Kirchen und Gemeinden, die sich historisch und theologisch an der Reformation orientieren, ist es sinnvoll zu erfahren, welche Richtlinien zum Gemeindebau bei Johannes Calvin zu finden sind. Der Genfer Reformator gilt gemeinhin als „Theologe des Wortes“, und seine Theologie wird häufig als „Theologie des Wortes“ bezeichnet.

Tatsächlich stand für Calvin das Wort Gottes, das heißt die Verkündigung des Wortes Gottes, im Mittelpunkt des Gemeinde– bzw. Kircheseins. Was aber bedeutet solch eine Theologie des Wortes für den Gemeindebau angesichts der Herausforderungen, vor denen die Gemeinde Jesu Christi zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht?

Gemeindebau

Liest man die Texte, in denen Calvin über Gemeindebau oder Erbauung der Kirche (ecclesiae aedificatio) spricht, fallen zwei Dinge ins Auge.

Erstens: Calvin verbindet Gemeindebau direkt mit der Verkündigung des Wortes Gottes, der gesunden Unterweisung (doctrina). Für den Reformator ist klar: Der Gemeindebau wurde durch die Verkündigung des Wortes Gottes von Christus selbst eingesetzt, und er entspricht seinem eigenen irdischen Dienst. Im Gegensatz zu dieser Überzeugung stehen für Calvin die so genannten „Sophisten“. Das sind Leute, die sich selbst für weise halten. Sie verdrehen das Wort Gottes und verlieren sich in allerlei feinsinnige Betrachtungen und Spitzfindigkeiten. Darum schätzen sie Gemeindebau gering ein. Die Wortverkündigung, die dem Gemeindebau dient, ist die gesunde Unterweisung, von der wir zum Beispiel in Titus 1,9 lesen.

Zweitens: Für den Reformator ist Gemeindebau niemals von der Wortverkündigung zu trennen. Dabei ist es für ihn selbstverständlich, dass die Verkündigung sich auf das Wort Gottes und einen ihr angemessenen Gebrauch gründet. Folglich kann rechter Gemeindebau nicht getrennt werden von dem Dienst, der durch die verschiedenen Ämter erfolgt, die der dreieinige Gott der Gemeinde geschenkt hat. Hier denkt Calvin an die Pastoren, an die Ältesten und an die Diakone.

Unter Hinweis auf 2.Timotheus 2,14 gehören für Calvin Gemeindebau und der Dienst eines „guten Dieners“ oder „guten Lehrers“ zusammen. Zum Beispiel zeigt er in seinem Kommentar zu Titus 1,5 den Zusammenhang zwischen dem Dienst des „Hirten“ und dem Gemeindebau auf.

Wortverkündigung und Gemeindebau

Die Frage, welche Bedeutung das Verhältnis zwischen dem Dienst der Verkündigung des Wortes Gottes und dem Gemeindebau in der Praxis hat, beantwortet Calvin folgendermaßen: Die Dienste und die Ämter in der Gemeinde stehen in einem untrennbaren, direkten Zusammenhang zu Lehre und Schriftauslegung, Verkündigung, Ermahnung und Barmherzigkeit. Die Erbauung der Gemeinde durch das Wort Gottes sowie die pastorale Versorgung der Gemeindeglieder ist aufs engste verbunden mit den besonderen Ämtern, wie übrigens auch mit dem Dienst der Gemeindeglieder füreinander.

Wenn das gesunde Bekennen nicht zu seinem Recht kommt, leidet notwendigerweise der Dienst der besonderen Ämter. Umgekehrt verhält es sich ebenfalls: Wenn die Dienste nicht in der rechten Weise verrichtet werden, fehlt es an gesunder Unterweisung. Darunter leidet wiederum die Erbauung der Gemeinde.

Unmündigkeit

Ein typisches Symptom ist die häufig zu beobachtende selbst verordnete „Unmündigkeit“ der Gemeindeglieder oder sogar einiger Ältester. Diese „Unmündigkeit“ äußert sich darin, dass man aus Bequemlichkeit alle anfallenden Aufgaben in der Gemeinde dem Pastor überlässt bzw. überträgt.

Statt gemäß seines biblischen Auftrags, Diener des Wortes zu sein und als Hirte und Lehrer zu dienen, also dass man das Evangelium verkündet, wird der Pastor zum „All–round–Manager“ oder zum „Geschäftsführer“. Von seinem spezifischen und der Berufung gemäßen Dienst im Gehorsam gegenüber Christus und seinem Wort bleibt wenig übrig.

Pastorkratie

Das unausweichliche Ergebnis ist eine deformierte „Pastorkratie“, bei der die Ältesten nicht länger ihrem Leitungsamt gerecht werden. Zu diesem Leitungsamt gehört auch, den Pastor und sein Tun und Lassen auf der Grundlage des Wortes Gottes zu prüfen.

Obwohl der Kampf für die Wahrheit und gegen die falsche Lehre ein direkter Auftrag der Heiligen Schrift an alle Gemeindeglieder und besonders an die Ältesten und natürlich an die Diener des Wortes ist und obwohl dieser Kampf für die Wahrheit bei Calvin und überhaupt während der Reformation sehr deutlich hervortrat, berufen sich heutzutage viel zu viele Gemeindeglieder, auch Älteste, auf bloße Aussagen von Pastoren, Theologen oder kirchlichen Versammlungen, anstatt deren Aussagen am Wort Gottes zu prüfen. Die Berufung auf so genannte Experten ist eigentlich eine typisch römisch–katholische Erscheinung. Sie ist der Reformation, nicht zuletzt dem reformierten Gemeinde– bzw. Kirchenverständnis fremd.

Auslegung der Heiligen Schrift

Für Calvin gründet die Verkündigung, die Predigt, immer auf der Auslegung der Heiligen Schrift. Es ist nie etwas von außen doktrinär Übergestülptes: Auslegung (Exegese) der Bibel und Lehre (Dogmatik) dürfen nicht voneinander getrennt werden. Auch ist die biblische Unterweisung immer pastoral orientiert, so dass man dogmatische und ethische Aspekte niemals von den pastoralen trennen kann.

Der Herr baut seine Gemeinde

Ohne Frage stellen diese Einsichten eine gewaltige Herausforderung für alle Amtsträger dar, vor allem für die Diener am Wort. Zum Beispiel kann daran deutlich werden, wie wichtig Hausbesuche durch die Hirten und Ältesten sind. Ferner wird dadurch betont, wie notwendig eine regelmäßige und gesunde Verkündigung des Wortes Gottes ist, und zwar zur gelegenen Zeit und zur ungelegenen (2Tim. 4,2). Denn es gefällt dem Herrn, seine Kirche, seine Gemeinde durch die Verkündigung seines Wortes zu bauen.